Danke an: Aaron Burden

Das erste zweckentfremdete Schulheftchen trug den Namen “Darf nicht von dir gelesen werden” und die erste Seite bestand dementsprechend aus einem einzigen Satz:

Nicht einer schaut hier rein!!!

Als Hintergrund: Viele Ausrufezeichen ! ! ! ! ! ! ! ! !

Es folgt eine kurze Vorwarnung:

Alles vielleicht ein bisschen übertrieben: =) =(

Was dann kommt, erspare ich euch, denn:

Ich finde es gerade ziemlich peinlich, meine Gefühle auf ein Blatt Papier zu schreiben, das du wahrscheinlich nie zu Gesicht bekommen wirst.
[…]
P.S.: Achso ja und entschuldige, dass ich nie so der “Party Löwe” sein werde.

In unregelmäßigen Abständen folgen Interpretationen “ihrer” Handlungen, einige “Beschlüsse”, viele Fragezeichen und eine To-Do-List.

Mit zunehmendem Alter wurde das Thema präsenter und so auch immer mehr geschrieben. Bald war aus dem Heftchen ein Word-Dokument geworden, das ich scheinbar versuchte, voll zu schreiben.

So kam ich also zum Schreiben.


Die älteren Aufzeichnungen zeigen mir angenehm ungefiltert, wie ich mich gefühlt habe. Ich war der festen Überzeugung, dass das niemals gelesen werden würde, was mir erlaubte, Gefühle auszusprechen. Kein Filter. Kein Wählen schöner Worte. Keine Konsequenzen befürchten. Keine Last für andere darstellen. Einfach nur aufschreiben.

Warum ich heute schreibe

Das Übertragen auf ein anderes Medium half mir zudem Distanz zu gewinnen. Distanz zu meinen Gedanken.
Heute geht es mir ähnlich: Oft spüre ich dieselben Gefühlsregungen bei ganz anderen Problemen. Wenn ich schreibe, gelingt es mir Abstand zu gewinnen. Das hilft mir, Strukturen zu erkennen, mich persönlich von einer Situation zu distanzieren und mit Geschehnissen und Prozessen abzuschließen.

Ergo: Schreiben ist ein Tool aus meiner Werkzeugkiste. Nicht nur, aber auch um komplexe Sachverhalte zu verstehen, mich mit Gefühlen auseinanderzusetzen oder mich auszudrücken.

Mehr dazu findet ihr in diesem Beitrag (am Ende ist er nochmal verlinkt).

Warum ich veröffentliche

Beim Lesen der alten Aufzeichnungen, merkte ich wieder, wie schön es ist, wenn jemand ungefiltert “ausspricht”, was er fühlt. Ich fühlte mich verstanden… vom jüngeren Selbst… Nun gut.

Das Problem: Wenige (gleichaltrige) Menschen — nicht wenige Teenager, nicht wenige “Ragazzi”, nicht wenige Topmanager, sondern wenige (insbesondere gleichaltrige) Menschen— sprechen untereinander offen über ihre Gefühle und Probleme, obwohl sie vor ähnlichen stehen. Manchmal glaubt man, man sei die einzige Person, die sich gerade diese Sinnfragen stellt, sich vom Leben überwältigt fühlt, alles in Frage stellt, nicht weiter weiß, …

Wie es heute beim Lesen des “Darf nicht von dir gelesen werden”-Heftchens schön ist, zu sehen, dass damals ganz andere Problemstellungen sehr ähnliche Gefühlsregungen hervorgerufen haben, hatte ich beim Lesen von Romanen und anderen Texten gesehen, wie die Zwerge, Elfen oder Orks mit “meinen” Gefühlen klarkommen mussten. So konnte ich diese Gefühle relativieren.

Warum ich veröffentliche

Als ich mit dem Veröffentlichen von Texten begonnen habe, erhielt ich zum ersten Mal das Feedback, dieses Gefühl geben zu können.

Das “Darf nicht von der gelesen werden”-Heftchen motiviert mich zusätzlich, Emotionen möglichst ungefiltert aufzuschreiben, um dieses Gefühl zu vermitteln.* Je mehr Feedback ich bekomme, desto mehr wird mir bewusst, wie viele Menschen sich nicht verstanden fühlen und wie viele Menschen dankbar sind, wenn jemand zugibt, dass er — wie jeder andere Mensch — vor Fragen steht, auf die er (noch) keine Antworten gefunden hat. Dieses Verstanden-Werden-Gefühl setzt Energie frei, die dann kanalisiert werden kann, um aus negativen Gefühlszuständen rauszukommen oder positive noch mehr auszukosten.

Ergo: Ich veröffentliche, weil es mir Freude bereitet, das Gefühl zu geben, verstanden zu werden und weil ich selbst oft das Gefühl hatte/habe, nicht verstanden zu werden.**

Marco (auf Facebook, Instagram, per Mail)
Wenn ihr mich unterstützen wollt, dann könnt ihr das gerne hier machen.

Anmerkungen

Ich war nicht so jung, wie es die Wortwahl, “Darf nicht von dir gelesen werden”, und das Titelbild vermuten lassen würden.

*An diejenigen, denen die Diskrepanz zwischen dem Ziel “Verbundenheit durch Veröffentlichung ungefilterter Gedanken” und der Tat “Nicht-Veröffentlichung meiner älteren Aufzeichnungen” aufgefallen ist:
Erstens versuche ich heute meine Gedanken “distanzierter” zu betrachten als früher: Ich bin traurig → Ich fühle mich traurig.
Zweitens bin ich ein wenig besser im Umgang mit Kritik geworden und stehe — vielleicht zunächst kontraintuitiv, aber: aufgrund dieser Distanzierung — heute mehr zu meinen Gedanken. Deswegen fällt es mir zumindest leichter, diese Gedanken “zuzugeben”.
Mein jüngeres Ich konnte das noch nicht und deswegen fühlt es sich (noch) wie ein Verrat an meinem jüngeren Ich an, “seine” Gedanken zu veröffentlichen.
→ Daher nur die wenigen Ausschnitte aus den alten Aufzeichnungen.

Ach… und das ist noch ein Grund, warum ich veröffentliche: damit du dich traust, mehr über deine heutigen Gedanken zu sprechen.

**Es gibt noch andere Gründe für das Veröffentlichen:
Feedback erhalten; Menschen erreichen; herausfinden, wohin mich das Bloggen führen könnte; grundsätzlich mehr Verständnis unter Menschen schaffen; besser Schreiben lernen; …

 

Hier geht es weiter zu dem Beitrag zu dem “Bad-Mood-Tool”: Schreiben.

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