… und so rast der Kopf….

Foto von Troy Jarrell auf Unsplash

 

Ein Vater rackert sein ganzes Leben. Der Sohn fragt sich, ob das Leben lebenswert ist. Er sitzt auf dem Hausdach; tippt in sein Smartphone und fragt sich, was wohl passieren würde, wenn er die Mail abschickt.

Denkt: “Hah… Genau. … Ungebraucht.”

Er, der ja eigentlich keine Probleme hat, sitzt auf dem Dach eines der Hochhäuser, die seinem Vater gehören, und fragt sich, ob man dem ganzen Leiden nicht besser ein Ende bereiten sollte.

Auf dem Hügel im Park nebenan verwehren eben diese Betonklötze einigen Menschen den Blick auf die klaren Berggipfel in der Ferne. Dort springt einer gerade vom Geländer und denkt sich: “Gelungener Abgang — ein Ding kann nicht es selbst und sein Gegenteil sein — jetzt nicht zurückschauen — Und: AH! Ich hab’ einen Gedanken, den ich noch nicht verstehe! … Ruhe! Was? … Ruhe!”

Hinten steht ein Mädchen. Sie war 17 Jahre alt, als sie ihren ersten epileptischen Anfall hatte. Heute ist sie 17 Jahre alt. Sie liebt und denkt: “You can only connect the dots looking backwards.” Sie hätte noch viel zu erzählen — vielleicht von allen am meisten — übergibt aber an ihren Freund.

Er hat eine Freundin, sie ist 17 Jahre alt.


Eine Weile später

Das mit den beiden geht nun schon eine Weile, ein paar Jahre. Mittlerweile sind sie ein wenig älter und Mischa weiß, er will derjenige sein, der mit ihr zusammen in ein gutes Leben geht. Auch für dieses gute Leben, tut er sich mit einem Freund zusammen.


Dimitrij ist einer von denen, die immer irgendein Projekt am Laufen haben und immer irgendwo, irgendwie interessante Leute kennen gelernt haben.


Mischa ruft Dimitrij an.
“…”
“Dimitrij?”
“Was gibt’s?”
“Wollte einfach mal hören, was bei Dimitrij grade so los ist.”
“Einiges, bei dir?”
“Auch. Ist nur… Ich komm’ in ein paar Fragen wieder nicht weiter und jetzt habe ich endlich wieder ein wenig mehr Zeit, darüber nachzudenken, aber… es belastet auch und… wollte einfach mal mit dir reden.”
“Weißt du, was mal eine interessante Runde wäre? Ich hab’ da einen Freund… Wir sollten uns mal zu dritt zusammensetzen. … Wie läuft es mit deiner Freundin?”
“Das läuft echt gut… ist schön. … Auch wenn sich das vielleicht nicht so anhört, als wäre es schön: Wir versuchen gerade beide ein wenig unabhängiger von einander zu werden. Ist anstrengend… aber: Dabei wächst die Beziehung. … Ja. … Es ist echt schön.”


Am nächsten Tag sind Dimitrij und Mischa bei Anatolij.

“Jetzt hör du mal auf mit deiner Freundin… ich erklär es euch beiden nochmal — versteht ihr nicht, wie groundbreaking das ist? Also …”

Und Anatolij erklärt noch einmal, dass bei Spielen, die anfangs normalverteilte Ergebnisse zur Folge haben, auf lange Frist eine Paretoverteilung entsteht; erklärt, dass das durch die Möglichkeit des Ausscheidens einzelner Spieler geschieht.

“Gebe ich 1.000 Menschen zehn Euro und jeder nimmt sich einen Partner — Mischa und ich sind zwei davon.
Wir werfen eine Münze. Gewinne ich, bekomme ich einen Euro von dir, Mischa, gewinnst du, gebe ich dir einen Euro… und eben noch 998 Menschen, die das Gleiche machen… das wiederholen wir einige Male, wechseln dabei Partner. Dann haben wir ungefähr eine Normalverteilung… das könnt’ ihr euch so vorstellen: die meisten haben noch immer — oder wieder — 10 Euro, manche haben 8 oder 7, andere 12 oder 13 Euro… je weiter man an die Ränder kommt, desto weniger Leute haben den Wert. Spielen wir aber immer weiter, dann wird das Ergebnis — wie viele Leute, wie viele Euros haben — irgendwann paretoverteilt… der Endzustand ist, dass einer alles hat. Warum? Folgt gleich. Schaut erstmal. So sehen die Verteilungen aus:”

Anatolij zeichnet schnell skizzenhaft zwei Graphen auf. Erklärt dann weiter.

“Warum das irgendwann eine Paretoverteilung wird? Eben, weil einige wenige irgendwann Null haben und sie dann aus dem Spiel fliegen. Dann ist es für sie vorbei und nur die Restlichen spielen weiter… immer weiter, bis alle null haben und einer alles. Die Vorstufe ist: wenige ganz viel, viele wenig.

Klar… dazu muss man lange spielen, aber das ist irgendwann die logische Konsequenz des Spieles. Das ist doch krass, oder? Die Frage ist jetzt: Wie weit kann man die Bedingungen des Spieles lockern und diese Regel bleibt trotzdem bestehen? Warum taucht die Verteilung in so vielen Gebieten auf? Und: Wie geht man am besten mit ihr um?”


Mischa liegt abends allein im Bett. Mindestens zwei, manchmal vier Tage die Woche schläft er oder seine Freundin bei Freunden. Er vermisst sie und denkt an die Zeit zurück, bevor er sie kennengelernt hatte: Wie er mit seiner Mutter verhandelt hat, wie viel Zeit des Tages er ‘muss’ und ab wann er ‘darf’. Bis er ausgezogen ist, damit er mehr Zeit mit ihr verbringen konnte. Irgendwie hatte sich dann auf einmal alles so ergeben. Das Leben hatte etwas gewonnen. Sie hatten nie miteinander verhandelt, sondern immer nur gestaunt, wie schön es sein kann. Und sich von Anfang an gesagt: Wir stehen das gemeinsam durch, egal wie schwer es wird; manchmal schien es fast so, als hätten sie es bewusst schwerer gestaltet, als notwendig gewesen wäre. Und irgendwie war es schön geworden.


Apolli und ihre Freundin unterhalten sich.

“Das ist wie bei ihm… bevor ich ihn kennengelernt habe, dachte er, er hätte keine Probleme und es ging ihm miserabel. Es ging ihm noch miserabler, wenn er mich sah. Er dachte, ich hätte meine Krankheit und… wie schlecht es mir damit dann erst gehen müsse… er fühlte sich schlecht, weil er so litt, obwohl er noch nicht einmal einen Grund hatte; wohingegen ich doch wirklich krank war. Aber so einfach ist das nicht.” “Aber hast du nicht erzählt, dass er auch — “ “Ja, aber das hat für ihn nicht gezählt, weil das ja eben etwas Psychisches war… also für ihn nicht echt und nur dann irgendwann auch seinen Körper ausgezehrt hat, aber das… das hat ja dann wieder den Ursprung nur im Psychischen gehabt. Also konnte es nicht zählen. Ich weiß noch, wie er einmal… eigentlich war es noch zu früh… einmal zu mir gesagt hat: ‘Schau mir ins Gesicht… Siehst du? Ich kann doch gar keine Probleme haben…. Aber ich mag es, so auszusehen. So sollte man doch aussehen. Man sollte seine Probleme doch nicht immerzu nach außen tragen, oder?’” …


Unser Freund mit der Normal- und der Paretoverteilung, Anatolij, sitzt derweil in seiner Wohnung, zeichnet gerade einen Graph — lacht — und schreibt an einem Text, weil seine Gedanken immer wieder dorthin abwandern und er nicht findet, dass er “mit diesem Assi-Slang irgendwas oder irgendwen diskreditiert: wer das nicht peilt, versteht’s halt einfach nicht und das ist dann nicht mein Problem. Außerdem reimt es sich.”

So sitz’ ich da ganz oben auf der Pareto rum —
Das x gleich eins — W’keit … roundabout … ja: null.
Meine Freunde nennen mich deshalb auch den “Outlier”,
gerne auch “seine Majestät” oder einfach “Sir”.
Für mehr Details, frag’ doch mal die Hoe von Nebenan,
dann kann sie dir auch gleich noch sagen,
warum sie seit Tagen nicht mehr schlafen kann.

The talent-function of individual i
ist für mich — ganz klar — given by…

Halt! Stopp… Zurück auf Anfang.
Ich mach’s anders:
Süße, komm’ mal her und
hol mir deinen Macbook Pro ran.

Für Hypothese 1:
So viel Talent kann’s niemals geben.
Sagt dir dein Rechner eins:
Bin mir ganz sicher: So ein Typ… der kann nicht leben.

Spuckt p aus: kleiner 2,2 mal e hoch minus 16.
Verwirfst du H0, wird’s dir trotzdem schlecht geh’n.

Meine favorite Line? … Die mit “Borderline”,
Und du, du denkst dir insgeheim:
— niemand darf es wissen —
“Gäb er es mir doch hinten rein — 
wär eigentlich schon ziemlich fein.
Stell ich’s mir vor, würd’ ich dabei ins Kissen schrei’n:
‘Ich ging seinem Siegerlächeln auf den Leim!’

Aber… nein, nein…
Du weißt schon, was ich mein…
Jene Line:

The honest-to-god truth is:
He is borderline-created genius.

Ja, diese Line — die triggert fein.
Merkste selber?… — Nein.

Natürlich nicht…

Eigentlich ist das auch grade ziemlich deep…
wenn es mir auch auf der Zunge liegt,
zu sagen: “Genau… Wie vorhin.
Nehm’ ich es doch erst einmal hin,
dass du das merkst …
und freu mich leise in mir drin.

Aber weiter im Programm:
ich mach’s nur, weil ich’s kann.
Denn der Genius, er ist created —
ihre Signifikanz dagegen, sie … faded.
Sorry… diese Line,
die musste sein.

Nur noch ein paar letzte Sätze muss ich loswerden:

Liest du das,
hältst du mich für selbstverliebt
und vielleicht auch
für passively aggressive.
Naja — aber wenigstens auch für schlau.
Denkst dir: “nicht nur sein Brain,
ja, auch sein —
nein… weißt du was?
Der ganze Typ … ist:
ziemlich, ziemlich massive.

Lacht. … Dann kreist er wieder um sich selbst und denkt: “Jetzt lacht er wieder…Toll! … Großartig, Anatolij! — Wie lange das wohl dieses Mal anhält? — Idiot… Aber ich mag ihn ja auch… irgenwie und … AH! … Ruhe!”

Gibt den Gedanken auf, stellt ihn im Hinterstübchen ab, weiß: “der meldet sich früh genug wieder” und fragt sich nach der Verbindung: Was ist es, das die Abwärtsspirale zu immer mehr Betonklötzen und immer weniger Schönem angestoßen hat und am Laufen hält? Warum wird alles so hässlich? Warum spürt man es? Warum? … Liest noch eine Weile und legt sich schlafen. Am nächsten Tag wird er sich mit Mischa treffen.


An dieser Stelle muss ich mich kurz einmischen.

Hier würde ich dem Leser empfehlen, eine kurze Pause zu machen. Vielleicht nur zwei, drei Minuten… eventuell aber auch ein wenig länger… und wenn er den Text gar eine Nacht lang liegen lassen will, dann soll er ihn gar eine Nacht lang liegen lassen. Wenn er es dann vergisst, braucht er — nichtsdestotrotz — keine Last auf sich zu spüren, denn: ich nehme die ganze Verantwortung auf mich.

Und doch: Nach der Pause würde ich empfehlen, wieder zurückzukehren und weiterzulesen.


Nun — wie auch immer der Leser sich entschieden hat: Jetzt geht es weiter.


Anatolij zeigt Mischa das Gedicht. Sagt, noch bevor der irgendetwas erwidern kann:
“Ich weiß schon… bisschen assi. Und eigentlich stimmt es gar nicht, weil… wenn du IQ als Proxy für Talent nimmst, dann ist der eher normalverteilt als pareto-. Aber dann denk’ ich mir… ja, was wenn das dann so ist, wie mit dem Münzspiel, das ich dir und Dimitrij gezeigt habe; was, wenn das Talent mit der Zeit auch eher Pareto-Formen annehmen kann? Weil … wenn du dir die Ergebnisse ansiehst, dann kommen auch bei so Talent-Sachen wieder Paretoverteilungen raus: Ein ganz kleiner Teil der produzierten Songs, verkauft sich millionenfach, obwohl das Talent beziehungsweise viele der zugrundeliegende Faktoren scheinbar normalverteilt sind. Es wirkt, als würde sich auf lange Frist bei vielen Produkten — auch wenn die einzelnen dahinterliegende Faktoren normalverteilt sind — die Paretoverteilung in den Ergebnissen durchsetzen; als würde sich eben diese andere Regel dahinter durchsetzen, je länger man spielt. … Naja, um wieder zurück zum Talent zu kommen: Wenn man Talent jetzt auch als Ergebnis verschiedener Faktoren sieht — insofern ein Produkt — könnte man dann nicht auch hier sehen: Gewisse Talente fliegen raus, andere driften in astronomische Höhen ab? Könnte doch sein, dass dann deswegen auch hier die Paretoverteilung greift. Nicht?”

“Bro… Das find’ ich so geil an dir. … Ich glaub aber, du vergraulst dir mit diesen ganzen Widersprüchen ziemlich viele Leute… aber, Bro: Ich find’s geil. Sowas, Statistik und dann laberst du wieder irgendwas von schwülstigen Schleiern schöner Schwäne.”
“Ich geb dir gleich schwülstige Schleier, du Banause… Ich glaub’… ja, ich glaub’: das mit den Widersprüchen wird noch wichtig. Auch deswegen will ich sie erhalten.”
“Hmm…”

Die beiden werden kurz ernst — so ganz wissen sie auch nicht warum — nur um dann wieder in ihrer teils gespielten Ausgelassenheit fortzufahren.

“Kennst du das logische Prinzip, das etwas nicht eine Sache und zugleich das Gegenteil sein kann?”
“Ähm… ja… ist irgendwie klar, oder?”

“Ja… aber unter gewissen Bedingungen ist eine Sache etwas und unter anderen Bedingungen das genaue Gegenteil. … Ist also immer eine Frage der Bedingungen… Und… es ist eben auch eine Frage der Annahmen, was am Ende rauskommt… Naja… Sorry. Bro? Worüber ich eigentlich mit dir reden wollte… worum es hier jetzt eigentlich geht: Warum glaubst du, dass so viele junge, talentierte Menschen sich sagen: ‘Was dafür? Ne… dafür nicht.’ Ich mein… das kann es doch auch nicht sein und … oft sogar noch bevor sie wirklich angefangen haben, etwas für etwas zu tun. Irgendwann, nachdem man es immer wieder ernsthaft probiert hat, kann man wohl zu dem Schluss kommen: ‘Ne… dafür nicht.’ Dann ist das zumindest irgendwie … begründet…, aber so direkt, ohne es auch nur zu probieren, zu sagen: ‘Ne… dafür nicht.’ Das geht doch nicht. … Manchmal glaub’ ich, sie sind die Mystiker unserer Zeit…und… Bro… weißt du was: ich kann’s verstehen. Ich frag mich ja auch oft: ‘Dafür? … Echt jetzt?’ … Aber es ist doch falsch, oder? —Das ist eine ernst gemeinte Frage. — Ich will trotzdem noch kurz dazu sagen, warum ich glaube, dass es falsch ist… dann sag mir gerne, warum du denkst, dass nicht… wirklich — also.. und zwar: Wenn du die Werte der Gesellschaft kritisierst und deswegen nach deinen eigenen lebst, dann — und sag mir wirklich, wenn das falsch ist — dann, Bro, ja dann… verlierst du doch irgendwie das, warum es Werte sind.”

Anatolij stockt kurz. Das macht er im Folgenden noch häufiger. Ich werde es nicht immer erwähnen. Er bricht immer wieder ab, pausiert kurz — und macht weiter. Als würde eine Miniatur-Version seiner Selbst auf einem Faden entlanglaufen. Endet dieser, sucht er einen weiteren Faden… dann überprüft er ein erstes Mal, ob die Farbe passt; knüpft ihn testweise an, um im nächsten Moment daran entlangzulaufen… kurz zu sehen, ob er sein Gewicht hält — er schwingt auf und ab — , läuft daran entlang — die Farbe immer im Blick — bis zu seinem Ende. … Das Spiel beginnt von Neuem. In dieser Weise fährt er fort:

“Ich mein: Müssen die Werte nicht irgendetwas haben, das nicht aus einem selbst kommt, sondern das gerade über einem selbst liegt; nachdem man sich eben auch mal strecken muss; das auch mal unangenehm ist und das eben nicht durch einen selbst formbar ist? Noch nicht einmal dann, wenn man ernsthaft versucht, echte Werte auszumachen. … Wenn du sie selbst aufstellen kannst und sie deswegen ganz individuell für dich zählen, ist das dann nicht genau Teil des Problems und nicht Teil der Lösung, dass niemand mehr übergeordnete Werte akzeptiert? Es wirkt manchmal so, als würde man die Welt verneinen, indem man glaubt, sich seine eigenen Werte schaffen zu können. … Am besten noch à la: ‘Sie gehören mir. Das sind jetzt meine und ich geb’ sie auch nicht mehr her!’ …

Ich frage mich manchmal, ob das nicht irgendwas mit Rationalität und Schönheit zu tun hat. Dass der Mensch Schönheit braucht und wenn sie zu lange oder zu tief fehlt, dann findet er keine Antwort mehr auf das ‘Wozu?’… Und … wenn das Fehlen immer früher beginnt, dann fehlt einem vielleicht umso früher die Antwort auf das ‘Wozu?’, weil das heutzutage — und dieses heutzutage geht, glaube ich, schon länger als, zumindest ich, das gedacht hätte — zu selten mit etwas Schönem beantwortet wird, aber mit etwas Schönem beantwortet werden sollte. Weil etwas Schönes der Ursprung für Antworten, die den Menschen gut tun, ist.

Wenn wir jetzt aber grade im Begriff sind im besten Fall: ‘uns’, im weniger guten Fall: ‘sich jeder selbst’, Werte zu schaffen, dann fehlt uns grade aber der Zugriff auf die Schönheit, die notwendig wäre für neue Antworten… ja… für neue Werte … oder zumindest: wieder Werte. Jetzt versuchen wir Werte zu gestalten, wo wir gerade so außergewöhnlich schlecht darin sind, auf Schönheit zuzugreifen. Das ist dann aber der falsche Weg! … Klar… wir brauchen die Werte, aber… müssten wir dann nicht erst einmal wieder Zugriff auf die Schönheit finden, bevor wir Werte schaffen können, die der Menschheit gut tun. Das Problem könnte in vielem liegen… eine Möglichkeit wäre — es ist aber nicht so, als wäre das der Weisheit letzer Schluss … noch nicht einmal meiner Weisheit letzter Schluss — eine Möglichkeit wäre, dass Schönes auch aus Chaotischem entsteht und wir Chaos — einfach gemäß seiner Definition — nicht mit unserer Logik erklären können. …

Die, die Logik, hat natürlich auch ihre ganz eigene, bizarre Schönheit, aber sie ist definitiv nicht die einzige Schönheit und nicht die Schönheit an sich; darf daher nicht zu früh der Filter werden, weil aus ihr nur bestimmte Schönheiten abgeleitet werden können; es darf daher nicht immer nur dieser Filter sein, durch den wir die Welt betrachten. Mit Ordnung und mit Logik können wir es nur eindämmen — wir neigen aber dazu, alles, was wir erfahren, schon in seine geregelten Bahnen zu lenken, bevor irgendetwas Schönes entstehen kann; neigen dazu, es schon in eine Richtung zu lenken, ohne überhaupt zu wissen, welche Richtung das ist oder, ob wir überhaupt dorthin wollen.

Was ich sagen will ist, dass wir erstens noch nicht einmal wissen, wonach wir ordnen — uns dessen, zumindest meist, nicht bewusst sind, während wir ordnen — und zweitens zu früh mit dem ordnenden Element beginnen; zu wenig akzeptieren, dass wir auch andere Formen und Filter — ja, sogar erstmal das chaotische Element — brauchen, damit etwas Schönes und Neues entstehen kann. Und: Das ist dann ein Spiel mit dem Feuer und doch liegt darin dann wieder und noch immer das ‘Wozu’, das so vielen verloren geht; ebenso, wie die Werte, die uns verloren gegangen sind. Weil der Ursprung für eine nachhaltige Antwort auf das ‘Wozu?’ für einen Menschen in etwas Schönem liegt.

Und dann… dann frage ich mich wieder, ob es nicht irgendwas damit zu tun hat, dass es doch noch irgendwo einen Zusammenhang gibt… zwischen unseren subjektiven Realitäten; einen Zusammenhang, den wir allein durch die Wahl unserer Methodik schon ausgeschlossen haben; frage mich, ob wir nicht fahrlässig die Augen davor verschließen, dass wir mit der — von uns angenommenen — Ordnung diesen Zusammenhang nie erklären werden können… und trotzdem machen wir, was daraus folgt, zu einer Realität, die wir so aber nie leben wollten. Erschaudern und schauen auf die Realität, die wir im Begriff sind zu schaffen, sich immer deutlicher abzeichnet. Verzweifeln darüber und sagen: ‘Was dafür? Ne… dafür nicht.’ … Aber das ist — wie ich vorhin ja schon meinte — eben auch nicht richtig! Nicht die Welt, wie wir sie uns machen, dafür verschmähen, dass sie so wird, sondern fragen: Womit würden wir denn eine andere schaffen? Was wäre schöner? Und wie müssten wir dann handeln? Welche Bedingungen bräuchte es, dass beim Bestimmen eines Sinns, eine andere, wertvollere Realität zum Vorschein kommt? Was wäre ein erster Schritt in die Richtung? — “ Hier bricht Anatolij ab. Ehrlich betroffen fügt er nur noch hinzu: “Ich … Damn… Bro… Es ist doch echt wichtig…”

“Bro… jetzt sind wir schon wieder bei ziemlich deepen — …”

“Ziemlich… … Ich weiß… ich weiß, ich hab da noch viel zu denken, bevor ich das aussprechen sollte. Vermutlich hab’ ich irgendwo Verbindungen gemacht, die da gar nicht sind oder sie zumindest nicht gut genug erklärt; habe viele Verbindungen übersehen. Aber… das ist ja gerade ein Problem, dass man an sich immer in jede Richtung logisch erklären kann. So, nach persönlichem Gutdünken, zu einer — wie es scheint — vorab-definierten Lösung kommen kann… und wenn man dann noch die gerade passenden Annahmen trifft, um zu seiner Lösung zu kommen und die Augen davor verschließt, was das dann bedeutet … ja dann… dann ist es kein Wunder mehr, dass man zu dieser Lösung kommt… was ich meine: es scheint mir so, als könnte man unendlich viele Konstellationen logisch erklären… aber… warum dann nicht die wertvollen logisch erklären? Vor allem, wenn wir danach unsere Welt gestalten… Naja, aber… Bro: All diese Gedanken… sind alle noch work in progress. … Ich verstehe auch, wenn du das jetzt so gar nicht nachvollziehen kannst, aber wenn es einer nachvollziehen kann, dann vielleicht noch du. … Bis das alles auch nur ein wenig klarer wird oder … … ja ‘oder’ weiß ich auch noch nicht. … Damn!… ‘oder’ weiß ich auch nicht!

… Sorry… Solange muss ich mich halt noch so ausdrücken und auf so Leute, wie dich setzen. … Aber… ich hatte doch mal etwas gefragt, oder? Ähm… Ach… Ja: Ist dieses ‘Was dafür? Ne… dafür nicht.’ falsch? Weil… das beschäftigt mich echt. … Haha, merkst du, oder?” Er schnaubt kurz. Macht weiter: “Ich könnte da ja jetzt selbst nicht drauf antworten, aber — wenn du willst — sag doch einfach mal, was dir bei meinem ganzen Gelaber so in den Kopf kam. … Jetzt bin ich echt mal ruhig. … Bin jetzt auch irgendwie echt k.o.”

“Ja… Ähm… Ich weiß nicht, warum… weiß nicht, ob das jetzt nicht komplett dämlich und daneben ist, aber weißt du, woran ich denken musste? … Ich musste daran denken, dass Apolli und ich nie über irgendetwas verhandeln, weil im Zentrum immer steht, dass jeder einzelne von uns im Zweifel ohnehin alles auf sich nehmen würde… und dann leiden wir zwar, wenn es an der Zeit ist. So ist es dann aber auch vorbei… fühlt sich an wie… abgebrannt. Und: danach ist es jedes Mal wieder wie neu; es sind immer noch wir, nur wieder auf einer anderen Stufe…”

Anatolij kommt in dem Gespräch nicht allzu gut weg. Es wirkt so, als würde er nur irgendwo seine Gedanken loswerden wollen. Mischa wirkt dagegen teils fast stumpf, als wäre er nur ein Abladeplatz für Anatolij. Und: Er ist auch ein Abladeplatz, aber: er ist ein mit Bedacht gewählter Abladeplatz. Anatolij sieht nicht von oben auf Mischa herab. Nein — nicht im Geringsten. Im Gegenteil: Hat er geendet, ist er absolut gespannt, was Mischa dazu denkt, welchen Spielzug er macht und welche Geschichte man davon ableiten kann. Er war und ist weiter auf der Suche: sucht seine Verbindung… aber dafür braucht er auch Mischa und: er weiß das. Weiß, dass Mischa ihm manchmal folgen kann, wenn er sich selbst schon nicht mehr folgen kann und ist dann immer wieder verblüfft, was dabei rauskommt. Außerdem weiß er: So — im Zusammenspiel — macht es auch Spaß.

Also: Die beiden sind auf Augenhöhe. Und: Mischa ist ein guter Freund und hört zu, aber mehr als das: er kann Paradoxien verstehen und hat oft bessere Ideen, als ihm das bewusst ist; versteht Gedanken manchmal besser, als ihm das bewusst ist. Anatolij schätzt das. Das ist auch, warum er Mischas Antwort sehr ernst nimmt. Sie wird ihn noch lange beschäftigen. …

Aber zurück zur Handlung:
Auf Mischas Antwort hin, schaut Anatolij diesen an und schweigt. Schaut nach links, schließt die Augen und kneift sich an die Nasenwurzel zwischen den Augen… schiebt die Zahnreihen aneinander. Ein angestrengter, fast gequälter Gesichtsausdruck… … Das ist alles ein bisschen viel für einen Menschen.


Hier endet die Geschichte.


Dimitrij, Mischa, Apolli, ihre Freundin und Anatolij treten ab. Wir, lieber Leser, holen sie nur noch einmal kurz hervor: Sie stehen in einem weißen Raum. Keine Bühne, nur die vier Gestalten und eine Stimme spricht einige letzte Worte: “Geschichten stiften übrigens Sinn.” Es wirkt so, als würde sie enden. Im letzten Augenblick fügt sie aber noch hinzu: “Sie sind das, wodurch wir sinnvolle Einheiten schaffen. Einheiten, auf deren Basis wir handeln; Einheiten, die uns so helfen zu entscheiden, welche Realität wir gestalten.”