Geschichte oder sowas (Part I: Hier)

Foto von veeterzy auf Unsplash

 

Ich muss nur auf die Straße gehen und schon mache ich Erfahrungen. Das Leben, das sich mir auf die Nase bindet — einfach so — und… Bilder, die sich mir auf die Nase binden — einfach so — .


Ich grabe und grabe — mit geschlossenen und offenen Augen.

Weißt du, E? Ich kann das einfach nicht glauben: ein guter Mensch wird gut handeln, ein böser Mensch böse. Vielleicht gilt das, wenn man voraussetzt, frei zu sein, aber wenn ich da hochsehe, dann glaube ich das nicht. Da sehe ich Ideen, die ein Eigenleben entwickelt haben, die Richtungen vorgeben, aber nicht Menschen, die Ideen formen; höchstens noch die eine oder andere Idee, die Ideen formt. Die Menschen aber getrieben von Ideen, nicht weil sie gut oder böse wären.
Bilder sehe ich dort fast keine mehr, weil sie ihnen nicht eindeutig genug sind — zu viel Freiheit lassen. … Du merkst es selbst, E? Nicht? … zu viel Freiheit lassen…

Wenn ich da hochsehe, dann sehe ich Schafspelze — wie mich? — die Ideen umherblöken. Sollte ich mich auch als ein Schaf von vielen hinstellen, mit Pelz und Stab und laut rufen: “Ich weiß, ich weiß! Hier entlang! Schaut: Hier ist der Weg! Geht ihn und hier ist er.” Sollte ich das tun, E? Ich weiß ja nicht. Ich will nicht so tun als hätte ich die Antwort, die sie hören wollen. Denn: Hätte ich eine Antwort, wär’s wohl keine die sie hören wollen würden. Stattdessen sollen sie auch die Zweifel kennen; selbst zweifeln und ihre Richtung wählen, um sich so vorzubereiten für Antworten. Keine eindeutigen, alles erklärenden und vorherbestimmenden Antworten, sondern Bilder, die Freiräume lassen. Ich glaube nicht, dass man ihnen mehr bieten sollte — sonst verlieren sie wieder ihre Zweifel und die braucht es, weil es sich immer verändert.

Was sagst du? Die Zweifel teilen? Aber, E… hatten wir das nicht schon? Drehen wir uns wieder im Kreis? Kam dann nicht:

“Du wusstest ja auch nicht, woran es liegt — und ich mach’ dir da ja keinen Vorwurf — ich weiß’ es ja auch nicht… hab’ nur eine Ahnung… eine kleine, unschöne. …”

Und jetzt doch wieder teilen? Trotzdem teilen? Nicht naiv, sondern mutig? Erst lang genug abwarten, dass es dazu ein Springen über den Schatten braucht und dann… dann Zweifel teilen? Nicht das vorschnelle Herausplatzen der Verzweiflung eines Halbwüchsigen… Das ist hart, E… aber — dann reißen mich zwei Reize aus meinen Gedanken.

Ein immer stärkerer Druck auf dem Brustbein und gleichzeitig wird es warm an der Hand, die gräbt. Vor mir tritt eine zarte, grüne Flamme hervor. An der Stelle, an der ich gerade noch gegraben hatte. Sie ist schön, auf den ersten Blick selbstbewusst — so wie eine Schauspielerin auf der Bühne selbstbewusst ist. Triffst du sie aber abseits der Bühne, ohne zu wissen, dass sie die berühmte Schauspielerin ist — vielleicht, weil du dich nie so sehr für Schauspielerei interessiert hast — … so von Mensch zu Mensch, dann… ist sie… auf den zweiten Blick: ein Mensch. Und so, als Mensch, kommt sie aus dem Boden: fast vorsichtig, fast schüchtern… ein Mensch.

Sie ist schön, nicht, E?

Währenddessen nimmt ein Druck auf meinem Brustbein immer weiter zu. Er war schon immer ein Teil von mir war. Wie eine alte Narbe, die bei schlechtem Wetter halt schmerzt. Der Schmerz ist Einsamkeit. Und das Hadern mit ihm gibt ihm nur noch eine andere Facette. Man weiß, man sollte es lassen, aber… ja aber… aber jetzt gerade wird der Druck immer stärker. Immer stärker und sie sieht ihn an.

Der Druck wird stärker, viel stärker. Er betäubt die Welt um mich herum. Ein kleiner Bolzen aus Stahl drückt immer fester auf das Brustbein, während sich mein Brustkorb nach vorne biegt. So entsteht eine kleine Bucht und durch einen Durchgang an der Stelle, an der der Bolzen sich durch den Knochen gepresst hatte, drängt — nicht schnell, sondern langsam, zäh… noch immer skeptisch… als hätte er sich dazu bereiterklärt, obwohl er doch weiß, dass er es mittlerweile besser wissen müsste — ein komprimierter, schwarzer Stein.

Der Prozess war schmerzhaft, aber nicht so schmerzhaft, wie man meinen sollte, wenn ein Bolzen ein Loch durch einen Knochen stanzt. Jetzt zieht sich der Bolzen wieder zurück und schließt dabei das Loch im Knochen. Zarte, rosa Haut bleibt an der Stelle zurück. Es wird gut verheilen, bald wird man nichts mehr davon sehen. Vielleicht eine kleine Narbe.

Ich öffne die Augen wieder. Der Stein nimmt langsam an Größe zu, schwebt auf Höhe meiner Brust vor mir. Kleine Farbschatten schimmern um ihn herum. Das Schwarz des Steins lässt kurz das Bild von einer Beerdigung vor meinen Augen erscheinen. Ein kleines Bergtal, ein Haus vor einem See, viele kleine Statuetten — alle handgefertigt. Ein wenig abseits davon Menschen in Trauerkleidung. Sie sinnieren über das Leben des Verstorbenen nach. Daran erinnert mich die Farbe des Steins: an die Trauerkleidung dieser Menschen. Der Verstorbene war ihnen immer wie ein Mensch vorgekommen; sie hatten mit ihm sprechen können, weil er selbst wusste, dass er nur allzu menschlich war — er hatte seine Fehler und Schwächen — seine Schattenseiten. Er stand zu ihnen und das gab ihm eine besondere Qualität. So hatte man nie das Gefühl gehabt, dass er unzugänglich war; er hatte die Verbindung immer behalten. Jetzt? Jetzt ist der Verstorbene glücklich und befreit… aber auch ein wenig besorgt. Hätte er seine Aufgabe besser machen können? Hätte er eine bessere Sprache finden können? Würde es alles in Vergessenheit geraten, weil er auf den absteigenden Ast eines alten Baumes gesetzt hatte? … Aber der Baum verbindet doch alles — ohne ihn verlieren wir… eine Hälfte der Welt. Und: Was ist, wenn die andere Hälfte ohne sie auf Dauer nicht leben kann… oder will? Was ist, wenn sie sich brauchen?


In diesem…. seinem Schwarz schwebt der Stein so vor mir. Die kleinen Farbschatten schwirren um ihn herum.

Ich weiß, was ich zu tun habe: Ich strecke meine Arme aus, öffne die Hände, sodass der Stein sich… endlich — wie ein alter Mann nach einem langen Arbeitstag — in meine Hände hinabsacken lassen kann. Er pulsiert in meiner Hand. Jetzt hat er seine Größe gefunden und in dieser pulsiert er. Wird dabei größer und kleiner — wieder größer und kleiner — oszillierend um die eine Größe, die ihm hier draußen angemessen scheint. Die Farbschatten springen hektisch um ihn herum. Sie sind aufgeregt. Als würden sie ihn vor der Gefahr einer ungewohnten Umgebung verteidigen wollen — angriffslustig, aber auch ein wenig kindlich. Gutmütig und dankbar beruhigt er sie.

Dann: Hitze.
Das Flämmchen will auf sich aufmerksam machen. Hoffnungsvoll schaut es mich von unten an. … Soll ich?

Langsam, vorsichtig führe ich den Stein zur Flamme. Die Farbschatten schwirren alle auf die Seite der kleinen Flamme. Sie ist heiß, aber nicht unerträglich heiß. Auch nachdem sich meine rechte Hand in ihr befindet, ist die Hitze gerade an der spannenden Grenze zum Schmerz, nicht darüber.

Ach… so ist das: Ich merke, wie sie mit der Grenze spielt, und kann mir ein Lächeln nicht verkneifen.

Dann lege ich den Stein direkt neben ihr ab, sodass sie mit ihrem Züngeln den Stein gerade erreichen kann. Erschöpft rolle ich mich um die beiden herum und schlafe ein. Ein letzter Blick auf die beiden: Sie liegen in meiner Mitte. Das Flämmchen ist mittlerweile ganz zu ihm gewandert. Neugierig züngelt es von einem zum anderen Ende des Steins und zurück. So wächst der Stein und die Flamme. Die bunten Farbschatten tanzen in der Flamme umher. Ein schönes Bild. Das ist ein Bild, aus dem viel entstehen kann. Sie spielen miteinander und irgendetwas passiert… Ach lass es passieren… Es ist doch so ein schönes Bild, um einzuschlafen. Ja… ein Bild — endlich mal wieder ein Bild — ich hatte es fast vergessen, wie schön es sein kann… was es einem alles geben kann.


Ende

Als ich erwache bin ich nicht mehr in meinem Loch. Ich bin wieder nur einer. Höre keine Stimmen, grabe nicht mehr Löcher als andere. Ich habe Bilder im Kopf. … Oder kann sie zumindest auftauchen lassen. Ich versuche sie zu zeichnen. Ich weiß nicht, was sie genau bedeuten, aber ich glaube, so einfach ist das auch nicht und hier liegt genau das Kommunikationsproblem: man darf es auch nicht von ihnen erwarten. Sie sind individueller. Ich mag sie. Ich überzeichne sie manchmal, aber nicht immer und währenddessen kommt es mir nie so vor als würde ich es tun. Ich lasse mich auch mal in die Bilder und die damit verbundenen Gefühle hineinfallen — auch, wenn es davor und danach unangenehm ist — , aber ich tue es, um damit eine Wahrheit auszudrücken. Das klang jetzt vermessen, nicht? Aber mit ihnen vergesse und lerne ich gleichermaßen — es fühlt sich richtiger und ursprünglicher an als vieles, auf das ich sonst so treffe.

Den Stein habe ich immer dabei. Er ist wertvoll, aber sorgfältig verwahrt im Brustbein. Ich darf ihn nicht jedem zeigen. Das hat er mir gesagt. Er hat in diesem Traum vieles herausgefunden. Zum Beispiel, dass er die Flamme braucht, aber auch, dass er wertvoll ist; vor allem aber, dass es einen Grund dafür gibt, dass es ihn gibt.

Ich weiß jetzt, dass ich diese Flamme finden muss. Aber ich habe auch noch einen Satz, der im Gedächtnis nachhallt… nachdem ich erwache. Ich weiß jetzt, dass ich die Flamme finden muss… zwischen all ihnen da oben. Vielleicht, um die Bilder klarer zu machen; vielleicht, um neue zu finden; vielleicht um die Verbindung nicht ganz zu verlieren. Aber das ist alles nur Spekulation. Ich kann es noch nicht so genau sagen — hab’ sie ja auch noch nicht gefunden.
Aber bis dahin werde ich den Stein für mich behalten. Er bleibt bei mir. Auch als der Satz, der ganz klar und deutlich — aber ohne Worte — nachhallt. An ihm rekonstruiere ich den Traum und es gelingt mir… wie immer… nur zu Teilen. Aber es ist viel weniger der Satz, als die Stimme und wie sie es sagt, die ihm seine Bedeutung gibt. Mir fehlen die richtigen Worte, um sie zu beschreiben, aber am ehesten würde ich sagen: Sie sagt es stolz.