Geschichte

Foto von Joe Beck auf Unsplash

Ah… ein Spiegel.

Ein junger Mann blickt neugierig und offen.
Er ist groß, sicherlich 1,90 m. Sanfte, kluge Augen verraten es schon. Sie zeigen in ihm schon heute den Diplomaten.
Er ist ein wenig peinlich berührt, als er es hört. Ist es nicht ein wenig weit gegriffen, so etwas schon jetzt in ihm zu sehen?


Ein Spiegel.

Ein Spiegel… und natürlich ist auch der Spiegel nur ein Bild… nur eine Metapher… nur eine weitere Geschichte, wie alles hier. Wofür muss zum Teil auch jeder für sich entscheiden, aber: Was du dann in ihm siehst ist nicht immer schön; meist ist es begleitet… nun oder es wird zumindest angekündigt von: einem Schmerz.

Denn wir ahnen bereits, dass unsere Vorstellung von uns weniger mit unserem Wesen zu tun hat, als wir wahrhaben möchten. Das, obwohl dieses, unser Wesen, immer da ist und uns und unsere Zukunft formt. Und hier kommen der Spiegel und seine Bilder ins Spiel, um die es in dem Text geht. Er kann dir Bilder präsentieren, um dir Anstöße von diesem Wesen zu geben.

Denn: Obwohl es Teil von dir ist, verstehst du das Wesen nicht. Du kannst noch nicht einmal sagen, dass es dein Wesen ist. Zumindest nicht in dem Sinne, in dem du sonst von dir denkst. Ich würde sagen, weil, für es, zeitliche und räumliche Dimension verfließen. Sowohl die eine wie auch die andere Dimension hat dort, bei ihm, weniger klare Grenzen — verschiedene Zeiten und Räume kommen zusammen, wirken aufeinander ein und setzen etwas in Gang. Denn zu Raum und Zeit kommt noch etwas hinzu: ein Kontext, eine Umgebung, die auch dafür sorgt, dass sich beim Verfließen der beiden anderen Dimensionen noch etwas verändert, etwas hinzukommt. Dadurch unterliegt das Wesen nicht den Ursache-Wirkungs-Zwängen, über die du dir die Welt erklärst. Und, obwohl du daher nicht sagen kannst, dass es deines ist, zeigt es sich dir meist nur, wenn du alleine bist; während es manch andere als unbestimmbaren, aber ganz offensichtlichen, Teil von dir immer fühlen können. Dann ist es für manch einen faszinierend, für viele irritierend… oft auch beides.

Dir zeigt es sich meist nur in den Bildern des Spiegels in verständlicher Weise, weil du sie zumindest mit deinen Sinnen fassen kannst. Der Spiegel hat die Botschaft aus ihrem Kontext gefiltert, um sie dir begreifbar zu machen und in ihnen zeigt es sich… zumindest so gut es gerade möglich ist.

Oft beginnt es mit einem Gefühl; oft zeigt der Spiegel zunächst auf die eine oder andere Weise, was du hören musst: dass du nichts bist und nie genug sein wirst. Und dann wird er klar; zeigt dann auch andere, neue Dinge; auch schöne, wunderschöne Leben, die du führen könntest; zeigt dich… als mehr als du bist. Was du sein könntest. Und dabei fühlst du dann einen Teil der Schwierigkeiten, die auf dem Weg auf dich warten — und wieder ist da ein Schmerz, obwohl der Spiegel doch weder die Schwierigkeiten noch deine Zukunft genau gezeigt hatte.

Trotzdem ist es richtig, einen Blick hineinzuwagen. Ein kurzer Blick, bis alles wieder verschwimmt, um zumindest in Kontakt zu bleiben. Denn dann folgt schon die nächste Szene.

Lass ihn dich frei sehen, sieh ihn neugierig an; mit der Bereitschaft, jede seiner Szenen nicht als Wirklichkeit, nicht als Notwendigkeit, aber als echte Möglichkeit zu sehen; sei es um sie zu verhindern oder um einen Weg dorthin zu suchen. Und so kann es sein, dass — auch wenn er dir eine traumhafte Zukunft malt — es dir zunächst wie eine große Bürde, eine zu schwer lastende Verantwortung vorkommt. Sieh dennoch hin. Sieh, was er dir zeigt, sonst wirst du das Wesen dahinter und mit ihm dich und die Welt hassen, weil alle drei immerzu nur deine berechnenden Pläne zunichte machen werden. Denn es hält sich eben nicht an deine kalten Berechnungen; passt sich nicht in deine Theorien ein — seien sie auch noch so konsistent und schlüssig. Und das ist gut so.

Der Spiegel selbst ist nicht gut, nicht böse — nur Spiegel, nur Botschafter. Dafür kannst du ihn schätzen und als das erfüllt er seinen Zweck; als dein geliebter Retter, wenn nichts mehr einen Wert zu haben scheint, als verhasster Retter, wenn du die eine Richtung gefunden glaubst.
Trotzdem musst du wissen, dass es ihn nicht böse macht, dass er zusammen mit dem Wesen jene Berechnungen zunichte macht. Es macht ihn manchmal sogar zu unser aller Retter; dann, wenn zu viele glauben, die eine Richtung gefunden zu haben.
Und zudem ist er so das Portal zu allem Neuen und dem aller Schönsten — kommend von dem, was hinter ihm liegt und durch ihn spricht.


Bilder.

Diesmal sieht ein Außenseiter und Brückenbauer in den Spiegel. Und er zeigt ihm eine neue Szene. Da ist noch kein Bild — nur Empfindungen, Beobachtungen und Gedanken. Sie ziehen an ihm, ziehen ihn zu sich. Und auf einmal ist das Leben wieder weniger leer. Endlich! Endlich wieder Emotionen, nicht dieser fremdbestimmte, unechte Brei. Wärme überkommt ihn; endlich fühlt er wieder.

Und auch bei ihm war es nur eine Bestätigung gewesen. Die Bestätigung eines Raison d’Être, den einige im Zusammensein finden, anderen zeigt sich das Bild eines Diplomaten. Der Brückenbauer findet ihn in Empfindungen —  Beobachtungen und Gedanken. Und dann… kommt doch noch ein Bild. Endlich auch ein Bild! Und dann noch eins und noch eins… und während all den Bildern werden unserem Brückenbauer und Außenseiter die Empfindungen zum einen als abstraktes Kunstwerk — faszinierend zu betrachten! — und zum anderen… vielleicht vor allem… als Farbmalkasten begleiten. Der Farbmalkasten, mit dem er seinen Gedanken Leben verleiht. Ja… wohl vor allem als Farbmalkasten, mit dem er seinen Gedanken Leben verleiht.


Das erste Bild, das sich so zeigt, ist eine Brücke. Sie reicht durch die Zeit, tief in sie hinein — ein Minenschacht, der hinab führt zu immer älteren Geschichten, Lösungen und Darstellungsformen. Die Brücke selbst ist zusammengeknüpft aus vielen kleinen Geschichten, jede von ihnen Teil der Brücke und darüber hinaus erstreckt sich an den Seiten einer jeder dieser Geschichten eine Verbindung zu vielen Andockstelle, oben: wo die Bewohner der Welt auf sie zugreifen können, wo sie eine Verbindung aufbauen können. Die Brücke selbst reicht an ihrem oberen Ende zu einem Plateau. Auf ihm sitzt: der Erzähler; um das Plateau herum ist: die Welt. Mit jeder angeknüpften Geschichte wird die Brücke wieder ein Stück stabiler, die Verbindungen in die Gegenwart erkennbar, die Gegenwart selbst wird wieder mehr — mehr von dem, was immer weiter vergessen wird, was immer weniger gesehen werden darf; mehr von dem, dessen Fehlen heute immer stärker schmerzt. Mit jeder angeknüpften Geschichte gelingt es wieder mehr Menschen, das Fehlende zu erahnen. So zeigen sich mit der Brücke und ihren Geschichten langsam wieder Farben in den Grautönen. Mit jeder angeknüpften Geschichte haben wieder mehr Bewohner Ankerpunkte, um sich an ihnen zu orientieren und bewusster in eine Richtung zu schreiten.

Nach einiger Zeit beginnen sich in der Ferne auch wieder Zukünfte, auf die die Gegenwart — kraft ihrer Handlungen und mangels eines Ankerpunktes überbrückender Geschichten — blind zugerast war, zu schälen.


Die nächste Szene zeigt den Erzähler, wie er fällt — von seinem Plateau in den Minenschacht fällt.

Ihm selbst, dem Brückenbauer, hatte seine Verbindung, ein echtes Leben, gefehlt. Ihm hatte die Erdung, die ihm zeigte, dass er auch nur ein Mensch mit Leib und Seele war, gefehlt. So hatte er das Werk nicht weit genug voranbringen können. Begonnen hatte sein Niedergang damit, dass er nur noch in düsteren Farben gemalt hatte. Denn es hatte niemanden gegeben, der seine Sprache sprach; niemanden, der das Krankhafte eines allein brodelnden Geistes durch den Austausch entzogen hätte. Es hatte keinen Ankerpunkt für ihn in der Welt gegeben. So hatte er sich selbst in den Geschichten verloren. Am Ende war er nur noch ein fieberndes, krankes Wesen gewesen, das sich auf seinem Plateau hin und her rollte — bis es fiel. Alles: Leid — die schöne Wärme der Gedanken und Empfindungen war zu seiner ganz persönlichen Hölle geworden. Dieses Wesen war nicht in der Lage gewesen noch mit irgendjemanden zu sprechen— nur dann und wann stieß er, zwischen zwei Fieberschüben, noch eine geniale Geschichte hervor, die niemand verstand. Sein einziges Medium. Der Versuch, etwas mitzuteilen. Es kamen noch einige Geschichten… und immer noch eine Geschichte, bis sie ihn schließlich ganz vom Plateau gezogen hatten.


Die nächste Szene spielt früher. Sie zeigt den Außenseiter noch bevor er sich für den Platz auf dem Plateau entschieden hatte; den Außenseiter, der sich nicht entscheiden wollte, der zu allen Außenseiter bleiben wollte. Und auch er: fällt. Fällt zwischen vielen kleinen Pfaden in den Ozean, weil er sich für keinen Weg entscheiden wollte. Fällt: gerade als er die Grenze vom Jüngling zum Mann hätte überschreiten sollen. So war er auf immer Jüngling geblieben; ein oft schwermütiger Jüngling zwar, aber zu mehr hatte er es nie gebracht. Die Zeichen waren da gewesen: kein stechender Schmerz, aber die drückende Last einer einsamen Zukunft war da gewesen, aber er hatte es nicht geschafft seine Entscheidungen zu treffen; vielleicht hatte er es auch nur nicht geschafft, seine Sprache zu teilen… was auch immer der Grund sein sollte: er fiel… noch immer ungläubig, dass er fallen könnte, fiel er.
Er? Mit seiner glänzenden Zukunft?
Ja: er; und ja: er… mitsamt seiner glänzenden Zukunft. Das hätte er… nicht nur bedenken sollen, sondern sich sogar bewusst machen, er hätte es fühlen sollen: dass auch sie mit ihm fallen würde; er hätte den Schmerz fühlen sollen, ihn ganz auf sich nehmen sollen, immer mehr und immer stärker fühlen sollen; ihn sich reinwaschen lassen und verstehen, dass es nicht nur um ihn ging und dann… dann wäre es vielleicht anders gekommen.


Dann: eine andere Szene. Noch einmal das Bild des Erzählers — wieder das Plateau, wieder die Brücke aus Geschichten. Aber diesmal steht hinter ihm — befestigt am Plateau mit zwei schlichten, grauen Ringen — auch eine hölzerne Leiter hinab zur Welt. Ein Trampelpfad führt zu ihr. Auf ihm: eine Gestalt, die sich auf die Leiter zubewegt; sie hält etwas in der Hand.
Dann — gerade als der Bildausschnitt des Spiegels sich auf sie zu bewegen will — kommt wieder ein Schnitt und man sieht das Gesicht des Erzählers aus der Nähe. Den Blick starr auf etwas vor sich gerichtet.

Jetzt: richtet sich alle Aufmerksamkeit auf seine Augen. Wir sehen noch immer das gesamte Gesicht, aber jetzt spielt sich alles in seinen Augen ab.

Sie flackern und in ihnen: die Gestalt vom Pfad, eine Frau. In ihrer Hand: ein Apfel… vom Baum gepflückt.
Weiter liegt alle Aufmerksamkeit auf den Augen des Erzählers und in ihnen wechselt das Erscheinungsbild der Frau immer wieder zwischen zwei Darstellungen hin und her — und hin und her — mal schneller, mal langsamer.

In einer Darstellung ist sie fest und lebendig. Ein elfenhaftes Wesen zwar — doch eindeutig von dieser Welt — im Hintergrund die weiße Augenhaut des Erzählers: ihre Bühne. Die Frau strahlt etwas aus. Es ist… keine tiefe Zufriedenheit, dafür war sie noch zu jung. Was sie ausstrahlt ist: eine ruhige, tiefe Vorfreude; nicht mehr ganz so helle Töne, aber die Vorfreude klang noch immer von ihrer Jugend nach. Dieser Nachklang war viel angebrachter, stand ihr viel besser, als die zu jugendliche helle Vorfreude oder die verfrühte Zufriedenheit es getan hätten. Es war stimmig. Ja… stimmig. Es machte sie viel schöner als … leider fehlen mir die Worte. Mir fehlen die Worte zu beschreiben, was es war, das es so…. richtig wirken lies… es war… eine ehrliche Stimmigkeit… das Zusammenspiel zwischen dem Absoluten, Unveränderbaren ihres Alters, das sie akzeptiert hatte; ihrem zeitlosen Selbst, das sie zuließ; und gleichzeitig Ausdruck der sich so elend langsam verändernden Grundstimmung der letzten Monate und Jahre. Nichts davon versuchte sie zu verstecken, noch versuchte sie, den Betrachter mit besonderem Nachdruck darauf hinzuweisen. Am besten ist ihre Ausstrahlung wohl als Kleid zu verstehen. Es war nicht dazu gedacht, sie in den Mittelpunkt zu stellen; machte nichts mit ihr, sie trug es nur — nicht das Kleid sie — und dadurch stand es ihr. Keine Schnörkel, kein Versuch mehr darzustellen als sie ist. Sie war gerade sie: das sie, das sie gerade jetzt war, und das war genug — und dazu… auch noch so wunderschön stimmig.

So flackerte sie in den Augen des Erzählers.

Dann wechselt das Erscheinungsbild: Hinter ihr breitet sich die Pupille des Erzählers aus. Der Hintergrund nimmt die dunkle Farbe der Pupillen des Erzählers an, wie sie sich weiter und weiter dehnt — bald jeweils sein ganzes Auge, die gesamte Bühne einnimmt. Die Frau in ihnen wird ein wenig blasser, die Wangenknochen treten stärker hervor. Sie blickt uns direkt aus ihren wachen, hellen Augen an. Im Hintergrund immer das Schwarz der Pupille des Erzählers und auch ihre Klänge werden dunkler. Wir hören ihre Musik: die Verbindung zu einem alten Schmerz, Teil von ihr, aber auch Erbe und Teil der Welt. Aus dem schwarzen Hintergrund bricht vereinzelt — wie unter rhythmischen Schlägen —  ein wenig vom grellen Blau ihrer Augen hervor. Der hellblaue Hauch wabert über dem tiefen Schwarz, dann verblasst er nach und nach und die Reste weichen wie durch kleine Risse wieder zurück in den Raum dahinter.

Da war es: ihr anderes Erscheinungsbild. Sie als Projektionsfläche. Eine Projektionsfläche für eine Welt viel größer und älter als sie selbst, der Erzähler und alles, was heute ist; vor allem aber viel reichhaltiger und ambivalenter als alles, was logisch verstanden werden kann.
So wie die Empfindungen vor allem der Farbmalkasten des Erzählers waren, war sie vor allem viel reichhaltiger und ambivalenter als alles, was logisch verstanden werden kann.

Während sie und ihre Umgebung sich so verändern, blickt sie uns weiter direkt an. Und wieder füllen sich die Pupillen, bis die kleinen Risse auftauchen, aus denen das helle Blau hervortritt. Sie blickt uns weiterhin direkt an. — Dann schlägt sie die Augen nieder… und … spätestens da wird die Wärme zur Hitze; die Vorfreude zur Lust.

Auf einmal ist die Aufmerksamkeit überall. Emotionen kochen über. Der Erzähler schwitzt. An Unterarmen, Rücken, Nacken, Kopf — das Herz pocht. Der Blick flackert stärker — noch immer starr nach vorne gerichtet. Muskeln zucken — im Gesicht und am Körper. Er schreibt — eine neue Geschichte, einen neuen Teil der Brücke. Ein Schauer läuft über den Rücken und er schreibt.

Hinter ihm steigt ein elfenhaftes Wesen die Leiter hoch. In ihrer Hand: ein Apfel… vom Baum gepflückt.

Diesmal war der Erzähler nicht krank. Diesmal gab es jemanden, der seine Sprache sprach. Hätte sie nicht verstanden, wie er die Dinge sieht… dann … das war der Unterschied zwischen ihm und dem fieberhaften Wesen, das an seiner statt auf dem Plateau sitzen könnte. Sie hatten sich verstehen gelernt. Sie konnte sehen, was er sah. Und so war ihr Bund und ihrer beider Tätigkeiten, um ihr Leben zu ermöglichen, auch sein Bund mit der echten Welt: Sie, das lebendige Wesen mit ihrer herrlichen Stimmigkeit, als sein Halt in der Welt und sie, die Projektionsfläche einer anderen Sphäre, als der Ursprung seiner Welten in ihr. So konnte er leben und weitermachen; weiter an einer Brücke bauen, zu der viele einen Weg bereitet hatten und ihre Werkzeuge sowie einige Bestandteile für den Bau hinterließen. So konnte er leben und weitermachen.

Er konnte sein Glück kaum fassen.


Und dann verblasst das Bild. Und hinterlässt… eine Stimmung.


Die Natur ist ein Spiegel, jawohl, ein Spiegel, der klarste, den es gibt! Schau hinein und weide deine Augen, das ist alles!
– Fjodor Dostojewski