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Moskau bei Nacht IV

Hey Lilly,
ich habe heute Nacht von dir geträumt.

Wir waren gemeinsam im Louvre in Paris. Du hast mich gemocht und mich auch so angesehen. Wir haben gemeinsam in Paris studiert und es war schön.
Wir sind da, im Louvre, auf einer steinernen Treppe gesessen, einige Freunde und viele, große Steinsäulen um uns herum. Die Treppe war sowas wie unser Treffpunkt, von ihrem oberen Ende hatte man einen guten Überblick über die ganzen Stadt und in meinem Traum leuchtete uns zwischen den Steinsäulen jedes Mal, wenn wir da saßen, der helle Tag entgegen.

Wir hatten ein kleines Apartment zwischen zwei der dicken, tragenden Mauern des Palastes. Man konnte es nur durch eine unscheinbare Tür, nur scheinbar versteckt hinter den immer wechselnden großen Plakatständern der Eingangshalle, erreichen. Ich sage ‘scheinbar versteckt’, weil sich trotz all der Menschen, die tagtäglich ein- und ausgingen, so gar nie jemand für sie interessierte, dass es schon fast auffällig war — man musste einfach meinen, die Tür wäre versteckt; nie kam auch nur einer der Besucher auf die Idee, dass ein Apartment, in dem zwei Studenten lebten, hinter der Tür liegen könnte. Und doch war sie eigentlich nicht versteckt, nur unscheinbar.

Nach der Tür, folgte ein sehr enger Gang, rechts die Tür zum Bad und dann auch schon unser Zimmer. Viel Platz zum Leben war darin nicht. Es war nicht größer als die gut geschnittene Rumpelkammer der ehemaligen Residenz, die es vermutlich einmal war; nur ein kleines Dazwischen, aber wir lebten ja auch irgendwie dazwischen, da passte das. Dieses dazwischene Leben spielte sich hauptsächlich im Hof vor unserem Fenster, in den Cafés und Museen der Stadt und oft auch in der Universität ab. Abends fielen wir dann ohnehin meist müde ins Bett… oder uns reichte eben auch das bisschen Platz, um uns einen schönen Abend zu machen.

Im Museum lebend, kannten wir die wechselnden Ausstellungen natürlich immer sofort in- und auswendig und die Wächter hatten ‘ihr kleines Pärchen’, das da im Museum wohnte, auch sehr gern gewonnen. Dort war es natürlich nicht wirklich hell, nur künstliches Licht, aber unser kleines Apartment war hell. Es hatte ja die große Fenstertür, die, wieder: scheinbar versteckt (in einer abseits gelegenen Ecke des riesigen Innenhofes), nach draußen führte.

Von unserem Zimmer aus waren wir dann sofort am Hauptkorridor des Museums; sind von dort aus immer die Treppe hoch, raus in die Stadt gestürmt und wollten jeden Tag viel machen. Erkunden.

Hauptsächlich aber waren wir Studenten und gemeinsam hat uns das Lernen auch wieder Spaß gemacht. Ich kann mich noch an einen Moment erinnern, als wir einen stinklangweiligen, verstaubten, alten Rechnungslegungsstandard zusammen… echt erträglich fanden. Und dann haben wir auf einmal gelacht und Freude daran gehabt, welch öde Dinge wir da eigentlich gerade erträglich finden. Da hat der Rechnungslegungsstandard wieder geglänzt und geblinkt, wie in seinen besten Zeiten.

Mir wurde klar, was du mir gegeben hast. Du hast mir gezeigt, dass mir mein Studium doch noch Spaß machen kann. Ich habe mich auf die Zukunft gefreut — mit dir. Du hast mir die Freude zurückgebracht. Am Studium, an mir, am Leben und du… warst endlich etwas, für das es sich zu arbeiten lohnen schien; für das es endlich einen Sinn zu ergeben schien, Geld zu verdienen.

Und dann: bin ich so glücklich aufgewacht. So glücklich, dass ich erst gemerkt habe, wie sehr du mir fehlst.