Foto von Markus Spiske auf Unsplash

Ich habe meine Freunde mehr zu schätzen gelernt

In meinem Auslandssemester habe ich viele neue Menschen kennengelernt: viele Menschen in meinem Alter, einige Professoren und unter diesen Menschen — wie das immer so ist — auch ein paar, über die ich mich sehr freuen würde, sie wiederzusehen und die ich gern gewonnen habe. Durch die vielen neuen Leute, die ich hier getroffen habe, ist mir aber am meisten bewusst geworden, wie selten die Freunde, die ich bereits in meinem Leben hatte, eigentlich sind und wie unwahrscheinlich es war, sie zu treffen. Alle inspirieren mich, besser zu werden, alle wollen mein Bestes, alle sagen mir ihre ehrliche Meinung und gerade einer kritisiert mich auch immer wieder proaktiv, woraus ich sehr, sehr viel lerne.

Unbehagen in Gruppen

Ich glaube, ich bin weder sehr extrovertiert noch sehr introvertiert, eher das häufigere aber trotzdem unbekanntere: ambivert, was in der Mitte zwischen beidem liegt. Aber gerade in den ersten drei Monaten meines Aufenthalts ist mir aufgefallen, wo ich trotzdem eine Ausnahme zu sein scheine: Wenn es zu der Frage kommt, ob ich lieber was mit einer Gruppe von Leuten mache, bei der auch Menschen dabei sind, mit denen ich nicht so gerne Zeit verbringe, oder in der mir die Gruppendynamik nicht gefällt, bleibe ich meistens lieber alleine.

Da gibt es ja auch sehr schöne Alternativen: abends lesend, morgens schreibend oder einfach irgendwann und irgendwo streunend Zeit allein mit Musik im Ohr verbringen.

In Russland habe ich gelernt, dass obwohl ich gerne neue Leute kennenlerne, keine Probleme damit habe auf Unbekannte zuzugehen und ziemlich begeistert auf dopaminanregende Aktivitäten reagiere (ein Auftritt vor einer Menschenmenge, nach einer Telefonnummer fragen, usw.) bin, gibt es nur wenige Menschen, mit denen ich gerne Zeit verbringe, und fühle ich mich in fast allen Gruppen nach einer Weile ziemlich unwohl. Und auch der Ausblick auf ein Gruppentreffen löst bei mir meist eher Unbehagen aus — wenn dieser Ausblick plötzlich und unerwartet kommt, löst er manchmal auch sehr starkes Unbehagen aus.

Ja und diese Gegensätze in mir, die beiden Seiten, die erstmal nicht zusammen zu passen scheinen, den aufgedrehten Animateur und die manchmal melancholische Leseratte, habe ich hier besser kennengelernt. Ein bisschen verstanden, dass auch das mit der Extroversion und Introversion kein “Entweder — Oder”* sein muss.

[*obwohl das gleichnamige Buch von Kierkegaard schon ziemlich toll ist!]

Außerdem: Diese Möglichkeit solcher Gegensätze in sich sollte ich auch beachten, wenn ich mir Gedanken darüber mache, wie eine andere Person wohl “ist”.

Du weißt nie, wann du jemanden wiedertriffst

Apollinariya und ich waren eine Weile auf der selben Schule. Wir hatten aber kaum Kontakt. Sie damals eine Klassen unter mir und zudem habe ich die meiste Zeit eh Fußball gespielt, dann war da noch Schule, Zocken mit meinem besten Freund und Fantasyromane… da blieb wenig Zeit. Während der Schulzeit also nie so viel miteinander zu tun. Und, ‘nie so viel’ heißt wirklich fast nichts. Ich habe sie nur häufig an den selben Orten in mancher Pause sitzen gesehen, habe nicht ganz verstanden, warum sie da so oft alleine saß, weil sie doch schon ganz hübsch und sympathisch war.
Sie damals wohl so 14/15, ich 16.
Dann, bereits nach meinem Abi, habe ich sie auf Instagram gefunden, bin ihr gefolgt und das hat sie dann erstmal nicht ganz verstanden.

So sind wir eben irgendwie in Kontakt geblieben. Sie hat die ganze Zeit über selbst ganz coole Sachen gepostet und sich von dem Müll, den ich so fabriziert habe, nicht abschrecken lassen; lebte zwischenzeitlich in Paris, Moskau, den USA und ne Weile auch mal in Griechenland.

Naja… fast forward, im Mai 2018, ist sie dann für wenige Tage nach München gekommen und wir sind am Tag vor ihrer Abreise den Großteil des Tages in der Stadt und den Parks der Stadt rumgegangen. Haben dabei gut miteinander gesprochen.
Im August 2018 bin ich dann — eben für besagtes Auslandssemester — nach Moskau gezogen, wo ich erstmal nur die Leute an meiner Uni kennenlernte, aber ich kannte ja auch noch: Apolli. Warum also nicht auch mal in Moskau treffen?

Hier war ich dann auch schon bald sehr dankbar, sie zu kennen/ kennenzulernen, weil sie eine der (wie oben beschrieben) seltenen Personen war, mit denen ich gerne Zeit verbrachte. Auch schien es ihr wie mir lieber zu sein, etwas mit einer als mit mehreren Personen zu machen. Außerdem ist sie auch ein wenig komisch. So sind wir beide in Cafés und Parks, vor allem aber in einige Museen gegangen, ohne irgendeine Ahnung von Kunst zu haben. … Waren dort komisch.

Unsere Instagram-Story des Tages — Schattenspiel vor Kunstwerk (besser zu sehen unter “Exhibitions” in den Highlights von meinem Instagram-Profil)

Auch in Russland war es wieder so, dass ich aus den eher schwierigen Erfahrungen viel gelernt habe, aber die Zeit, die ich hier mit ihr verbracht habe war schön und (trotzdem) habe ich daraus auch viel für und über mich gelernt. Außerdem war es ganz einfach schön zu sehen, wie unerwartet man Leute doch ein zweites Mal im Leben sieht.

Welche Ausstellungen?

Das will ich noch erwähnen. Wahrscheinlich ist es auch nur eine Nebensächlichkeit, aber was ich aus der Zeit hier auch gelernt habe: Ausstellungen mit einem durchgängigen Thema, ein wenig Text und vielleicht ab und an sogar einem Gedicht an der Wand, gefallen mir meist besser als ihre oft größeren, breiteren Pendants mit oft auch bekannteren Kunstwerken.
Und… ja… mit wem ich da hingehe ist dann ohnehin viel wichtiger als die Ausstellung selbst.

Sowas gefällt mir. Grauer Text auf weiser Wand. Apolli fotografiert mit schwarzem Pullover. Schön.

Leider kein Gedicht, aber: schwarzes Eichhörnchen in ziemlich farbloser Umgebung auf spiegelnden Oberfläche. Marco fotografiert mit schwarzem Pullover graupullovrigen Mitsuki. Das lila Eintrittsbändchen macht alle Farblosigkeit kaputt. Unverschämt! Eigentlich ja nicht. Burljuk heißt der Herr im Hintergrund. Seine favorisierte Zeitform ist weder Vergangenheit noch Gegenwart.

Of course. Mit Apolli. Tolle Ausstellung, tolle Texte, schöne Zeit verbracht. (auch besser in den Instagram Highlights unter “Exhibitions” zu sehen)

Wertvolle Ausflüge

Eine weitere schöne Aktivität aus der ich etwas gelernt habe waren ein paar Tagesausflüge, sowie ein kurzer Sibirientrip. Ich habe gelernt, dass ich da dann auch mal abschalten kann; dass so ein Trip einfach eine andere Verbindung schafft als die gemeinsame Zeit im Alltag; dass Köpfe gekrault werden wollen und dass diese Ausflüge auch für mich eine schöne und wertvolle Zeit sein kann, gerade in der Rückschau.

Irkutsk – Sibirien

Chance zugelassen

Anfang 2018, vor dem Auslandssemester, habe ich auch eine echte Chance, mal (wieder) eine Beziehung anzufangen, zugelassen. Ich war übereifrig und voreilig, fand zu schnell vieles zu toll, aber ich habe es mal echt versucht, eine junge Frau kennenzulernen und habe sie auch ein wenig besser kennengelernt; sie hat sogar meine Mutter und meine Hunde getroffen. Ich habe den Versuch zugelassen, es hat sich keine Beziehung entwickelt, ich habe daraus viel gelernt und bin stolz auf mich, es ehrlich versucht zu haben. Außerdem war es zwischenzeitlich eine echt schöne Zeit. Zum Ende hin, dann eine Weile nicht so schön, aber gelernt habe ich daraus auch viel. Auch, dass ich doch schon ein wenig weiter bin als noch vor ein paar Jahren.

Ich kann mit gleichaltrigen Menschen zusammenleben

2018 habe ich zum ersten Mal in einer WG zusammengewohnt. Komfortzone verlassen: Check. Und dabei habe ich vielleicht von all den Aktivitäten hier in Moskau am meisten über mich gelernt.

Erstens, dass ich mich nicht immer am Riemen reißen sollte, um etwas möglichst freundlich zu sagen, sondern dass ich die Menschen um mich auch einmal spüren lassen sollte, wenn mich etwas wirklich aufregt. Das fällt mir nicht leicht, aber glücklicherweise auch nicht sehr sehr schwer.

Zweitens, dass — und ich weiß, wie banal sich das anhört — das Zusammenleben auch einfach Zeit erfordert, die man zusammen verbringen muss, um Konflikte anzusprechen, ihnen zuvorzukommen und sie zu lösen; diese Zeit kann sogar schön sein, in jedem Fall erfordert es sie aber.

Drittens, dass ich schon auch einfach schwierig bin. … Stimmungsschwankungen: auch check. Das wusste ich davor schon, aber mir ist nochmal klarer geworden, wie schwer das für die Menschen um mich ist.

Viertens, eben dass ich auch in einem alten Sowjetbau, auf engem Raum mit anderen Menschen und ein bisschen Ungeziefer, leben kann. Ist nicht schön. Aber für ein paar Monate auch nicht so schlimm. Mit einem neuen Duschvorhang sogar echt erträglich, vor allem gewöhnt man sich aber auch ein bisschen daran.

Danke an meinen WG-Kollegen Magnus für den neuen Duschvorhang. 🙏🏼

Viertens, dass ich meine Ticks habe. Auch das wusste ich davor schon, dass ich genervt bin, wenn jemand meine wunderschönen Routinen durcheinander bringt: auch, aber dass ich es überlebe, wenn es passiert: Davon konnte ich mich jetzt nochmal überzeugen. So schlimm ist es auch gar nicht. Und: *psst* — hin und wieder waren die Gespräche am Abendtisch echt in Ordnung.

Fünftens, dass ich, wenn ich mehr mit jemanden zu tun haben will oder muss, schon früher sagen sollten, wenn mir ein Verhalten einer anderen Person nicht passt.

Studium

Ich habe hier bewusst keine Kurse belegt, die ich für meinen Master an der LMU in München einbringen könnte, sondern nur die vorgesehene Anzahl an Credits gemacht aber mit einer Auswahl an Kursen, die kein oder nur wenig BWL beinhalten, um mal etwas anderes zu sehen. So habe ich auch endlich einmal einen wirklich Philosophie-Kurs belegt, weil mich Philosophie schon eine Weile begeistert. Aus all dem habe ich sehr viel gelernt. Bei ein paar Sachen habe ich gemerkt: Ist ok, aber nicht meins. Gerade der Philosophie-Kurs hat mir aber viel Freude bereitet, mich fasziniert und mir auch geholfen.

Aristoteles Präsentation 🙂

Warum geholfen?

Ich glaube, jeder der ein paar meiner Geschichten gelesen hat, weiß, dass in meinem Kopf ein ziemliches Wirrwarr herrscht — oft ist das für mich (gerade beim Schreiben) auch durchaus amüsant. Der Philosophie-Kurs hat mir jetzt dabei geholfen zumindest ein paar Konzepte besser zu verstehen, um vielleicht zumindest weniger Worwahl-Fehler in meinen Geschichten zu machen. Wenn sie ohnehin schon so chaotisch sind, werden sie so vielleicht ein wenig lesbarer.

‘Konzept’ ist hier aber einfach nur ein hochtrabender Ausdruck für (oft alltägliche) Wörter. Ein Beispiel für so ein Wort ist: “Modalität”. Für mich ein Wort, das ich schon während des Abiturs verstanden haben sollte, bei dem ich es nicht in Ordnung finde, dass ich dabei noch immer unsicher in der Verwendung bin/war und wie lange ich gebraucht habe, ein Verständnis dafür zu bekommen. Ist jetzt doch wirklich nicht sooo schwer zu verstehen. Mo-da-li-tät… Echt jetzt.

Im Philosophie-Kurs habe ich mir aus den Inhalten eine Erklärung für mich zusammenbasteln können, die allerlei weniger bekannte Wörter verwendet, aber mir ein wenig hilft: “Kants apodiktische, assertorische und problematische Urteile sind alles Urteile nach der Modalität.” So. Das weiß ich jetzt und hilft mir ein wenig.

Warum sind die Dinge außerdem wertvoll für mich? Viele der philosophischen Kategorien und Konzepte sind Dinge an die ich im Alltag des Öfteren mal denke und dann nervt es mich oft gar nicht zu wissen, was ich da eigentlich denke oder ob das nun nicht schon wieder Humbug ist. Deswegen hat mir der Kurs sehr viel gegeben, auch dadurch, dass ich für die finale Prüfung viel (Halb-)Wissen systematisieren musste, weil genau diese Zusammenhänge zwischen den Philosophen und das “bigger Picture” unserem Professor wichtig waren.

Und: es hat mir einen Anhaltspunkt gegeben, ob ich ein Philosophie-Studium weiterhin in Betracht ziehen sollte.


Also… viel gelernt 2018… ich glaube, das waren die wichtigsten Punkte, die ich bisher erkannt habe. Insgesamt denke ich, 2018 hat sich einiges in Bewegung gesetzt und ich habe mich ein wenig entwickelt, wovon ich glaube, dass es mir in meinem späteren Leben noch helfen wird. Einiges bleibt aber jetzt trotzdem ungenannt… sowas wie:

    • Ich glaube, warum ich das mit den Gruppen auch nicht mag, ist, weil es dann da meist darum geht zu gossipen. Und sogar wenn gossipen interessant sein kann und ich diesen Impuls dazu auch habe, mag ich es nicht zu gossipen oder gegossipt zu haben.”,
    • “[…] dass das mit dem Unbehagen in Gruppen nicht so schlimm ist, wenn es da eine klare Struktur gibt (Fußballtraining, Klassenraum, Seminare, …)” oder auch
  • Sag mal? … Es gibt da schon so ne generelle Tendenz, dass es nicht um das, was man eigentlich tut geht, sondern das, was dann da so nebenher geschieht. Nicht?

Naja… man kann eben oft auch nicht alles loswerden.

До свидания,
Марко