Foto von Alexander Krivitskiy auf Unsplash

Ich sitze im Zug, beobachte mich selbst. In mir brodelt es.  Ich bin sauer, wütend, enttäuscht (hauptsächlich von mir): aber auch entschlossen. 

Entschlossen, endlich wieder entschlossen.

Und weil das alles grade viel ist und mich fasziniert, was da in mir vor sich geht, schreibe ich es auf. 

Die letzten Tage waren von Vorwürfen geprägt gewesen: “Was bin ich nur für ein Lappen? Das ist doch nur-… Was bin ich für ein sensibles Stück *******, dass es mich so trifft?” 

Für den Moment hatte sich das aber verändert, weil noch immer ähnlichen Gefühlen durch die neu hinzugekommene Entschlossenheit eine konstruktive Wendung gegeben war. Trotzdem war durch den neusten Schlag ins Gesicht gerade so viel los in mir, dass ich es jetzt einfach aufschreiben musste. Teile von diesen ersten Aufzeichnungen werden später in dem Text hier auftauchen. 

Erstmal bin ich dann aber auf einer nächsten Zugfahrt, schreibe da ab, was ich damals handschriftlich notiert habe, denke dabei über die letzten Tage und Wochen nach, bessere ein paar Fehler  in den ursprünglichen Notizen aus, füge ein paar Halbsätze hinzu. Später verliere ich mich in Metaphern, verbinde, was die letzten Wochen so passiert ist mit den Monaten und Jahren davor und verliere dabei den zeitlichen Faden immer wieder mal aus den Augen – schreibe wieder an einer anderen Stelle weiter, finde dort Dinge schon angekündigt, die doch eigentlich später erst entdeckt wurden, und versuche danach herauszufinden, was ich jetzt schon wieder alles durcheinander gebracht habe. … Das, nur als kurzer Ausblick, was gleich in der Serie noch so folgen wird.

So schreibe ich, wie immer, mehr hinter mir her als vor mich hin. 

Und das Ende ist jetzt zwar noch nicht geschrieben, trotzdem steht eines jetzt schon fest: am Ende steht am Anfang dann: das Brennen.

Foto von Shiguang Zhao auf Unsplash

Das Brennen

Das Brennen. In der Unsicherheit, in der ich die letzten Tage verbracht hatte, war das das bestimmende Gefühl. In der Brust, den Armen, nicht in den Beinen, aber im Gesicht und… an den Schlüsselbeinen. Wenn ich so drüber nachdenke… vor allem da, an den Schlüsselbeinen… hah – ja, klar… wie könnte es anders sein? … Ihre schönen, weißen Schlüsselbeine. 

Wenn ich Glück hatte verschwand das Brennen mal für wenige Stunden, aber es kam wieder. Spätestens wenn ich dann mal nicht mehr in Bewegung war, kehrte es zurück.   

So ein Brennen, das kannte ich von früher, damals… war es im Bauch gewesen. Das hatte ich mit Meditation ganz gut in den Griff bekommen. 
Warum jetzt wieder so ein Brennen? 
Ob es da wohl einen Zusammenhang gibt? 

Wann kam es denn damals?   
Damals kam es, wenn ich mich… untätig fühlte; ich nichts tuen konnte, um mich voranzubringen – und doch wollte, unbedingt wollte. Und jetzt… das selbe – ich konnte nichts tun, um etwas zu verändern, um sie für mich zu gewinnen. Musste untätig sitzen, während sie-. *Nein.*

“Nein.”, sage ich mir selbst, “Hier nicht weitermachen. Kein Kopfkino jetzt. Hör auf, verdammt! Denk an was anderes.” 

So höre ich stattdessen die Stimme eines Freundes, wie er vor wenigen Tagen noch zu mir sagte: “Frauen spüren das, wenn es dir zu wichtig ist. In meiner Erfahrung waren es immer die Leute, die es zu einem so zentralen Thema gemacht haben, die sich damit unglücklich gemacht haben. Und außerdem… macht es dich unattraktiv. Für mich war das nie so ein zentrales Thema und-“, er bricht kurz ab – vermutlich um auf meine Unsicherheiten in dem Gebiet ein wenig Rücksicht zu nehmen und sich deswegen hier nicht über mich zu stellen. … Zu spät. 

Der Stich war schon da. Ich fühle mich schon unterlegen; verdammt einer von den Unattraktiven zu sein. 

In der Zwischenzeit macht er seinen Satz fertig: “wenn es welche anzieht, dann nur die Falschen, die danach der alleinige Mittelpunkt deines Lebens sein wollen.”  

Über diese Aussicht mache ich mir erstmal keine Gedanken, denn gedanklich bin ich weiter bei dem vorherigen Halbsatz. 

Unattraktiv? Au. Ich will nicht unattraktiv sein. Ich weiß ja, dass es wahr ist, dass es mich für sie unattraktiv macht, wenn es mir so wichtig ist, aber warum schmerzt mich diese kurze Feststellung? 
Als würde er wirklich nach einer rationalen Erklärung suchen, fährt mein Kopf die übliche Evolutionsschiene: Evolutionär habe ich natürlich allen Grund dazu, attraktiv sein zu wollen… natürlich ist es da schlimm, unattraktiv zu sein. Wie soll ich denn so den Fortbestand meiner Spezies sicherstellen? 
Aber wir, Kopf und ich, wissen beide, dass das nur ein Teil der Wahrheit ist. Ich bin da schon besonders anfällig für, nicht? Ich will doch schon noch mehr als andere unbedingt “attraktiv” sein. Schaff’ das auch, nur halt nicht bei denen, die mir wichtig sind oder werden.  

Mein Freund hat das schon richtig erkannt… widerwärtig bedürftig bin ich. Vor allem widerwärtig. Ja… wenn ich so darüber nachdenke, mir wird ja selbst beim Gedanken an mich schon schlecht. Ich bin… ein Überfluss, geschmacklos, ohne Pointe, nicht greifbar, schleimig und schlüpfrig und… 
Wwwwhhh… widerwärtig, widerwärtig, widerwärtig…

Es ekelt mich.

Aber: Nein, ich muss damit aufhören. Hier darf ich nicht weitermachen. Das bringt nichts, da wird mir nur übel. Nein, das ist eine Sackgasse. Schon wieder. 

Mehr aus Trotz als aus Überzeugung widerspreche ich mir also: “Nein… nicht immer. Nicht immer. Das muss nicht so sein.” Und ich habe doch gerade eben jetzt endlich mal gesehen, dass mich – zumindest für eine kurze Zeit – auch eine von ihnen gut finden konnte; eine von denen, bei denen ich immer glaubte, dass sie mich doch viel zu uninteressant fänden – mich stolzierendes Sunnyboy-Klischee. Nein… es ist schon irgendwie möglich. Ich finde da schon einen Ausweg. 

Aber auch zu seinem anderen Punkt: Nein. Nein, auf keinen Fall will ich das Liebesthema künstlich weniger wichtig machen. In seiner Wichtigkeit liegt viel Gutes. Es speist sich viel daraus, lässt Neues entstehen. Und solche Dinge stehen heute auch als echte, selbstständige Wichtigkeit auf eigenen Füßen; auch, wenn sie vielleicht erstmal aus der zentralen Frauenfrage kamen. Die Leidenschaft “Fitness” ist mit Sicherheit auch daraus entstanden, hat dann aber in mehr von mir Anklang gefunden und sich so selbst entwickelt. Und auch das Schreiben, wenn man will sogar das Lesen, könnte man darauf zurückführen. Diese Wichtigkeit hat mir also geholfen, neue eigenständige Wichtigkeiten zu finden. … Den Kopf darüber zerbrechen muss ich mir aber eigentlich nicht, denn ich schaffe es ohnehin nicht, mir dieses “Lieben” weniger wichtig zu machen. Ich tue es trotzdem, so kann ich es mir wenigstens gut rationalisieren… das Lieben gut rationalisieren… Lieben rationalisieren… … Ach, Marco.

Aber – trifft sich auch gut – mit dem Abflachen des Brennen merke ich: ich will es auch nicht schaffen, mir das Liebesthema weniger wichtig zu machen. Ich will nicht noch mehr Wichtigkeit in meinem Leben verlieren; es ist doch schön, wenn endlich mal wieder etwas wichtig ist, mir endlich mal wieder etwas wichtig ist; ich endlich mal für etwas kämpfen will. 

Diese Erfahrung aus den letzten Wochen war doch die beste seit Jahren gewesen. Auch, wenn sie dann schmerzte; egal, wie sehr sie dann schmerzte. Es war doch die beste, wohl die mir persönlich wichtigste, seit Jahren: dass sie mich dazu brachte, wieder zu wollen.

Dann folgt: eine kurze gedankliche Pause.


Link zu Teil II: Hier