Link zum Auftakt der Serie: Hier.

Foto von Antonio Alcántara auf Unsplash

Ich will sie mir genauer ansehen. Und dazu tauche ich ab zu ihr: in ihre Welt.

Ich schaue mich um… und hier ist dann immer gleich alles dramatisch, übertrieben… ich entschuldige mich schon jetzt, aber ich kann nur so; es muss wohl so sein. Alles ist dramatisch. Vermutlich, weil es angebracht ist, schnell und stark auf die kleinsten Bedrohungen zu reagieren, wenn man sich in diesen Tiefen, wo alles so verletzlich ist, bewegt.  

Ich schaue mich weiter um. Wie sieht die Wurzel aus? 

Da liegt – groß und breit: ‘ein Wert-Sein-Geliebt-Zu-Werden‘ und daran gebunden mit einem feinen, seidenen, unzertrennlichen Band: ‘ein Liebeswunsch‘. Das Band erinnert mich an Lieder, die ich nach vielen Jahren wieder höre und mich an Menschen und Situationen zurückdenken lassen; mich wieder in einen bestimmten Moment zurückversetzen. In seiner festen und trotzdem nicht ganz fassbaren Art erinnert es mich außerdem an Seelenverwandtschaften, wie sie Gänsehaut erzeugen und tiefe Dankbarkeit empfinden lassen. Das Wert-Sein-Geliebt-Zu-Werden und der Liebeswunsch bestimmen hier unten aber (fast) alles; von ihnen geht alles aus. 

Ich reflektiere das manchmal und bekomme es manchmal reflektiert; oft frustriert es dann, weil es so fremdbestimmt wirkt… wie kann denn mein Kern so fremdbestimmt sein? Ein Liebeswunsch und ein Wert-Sein-Geliebt-Zu-Werden. In meinem Kern… zwei so abhängige Wesen. Es ist doch mein Kern, meine Wurzel, die ich mir hier anschaue und immer wieder fühle. Wo bin denn da ich? Das frustriert dann… manchmal… ein wenig. 

Aber weiter mit den Betrachtungen. 

Das Wert-Sein-Geliebt-Zu-Werden zeigt sich mir gerade männlich; der Liebeswunsch als weibliches Wesen. Deswegen werde ich diesen Liebeswunsch ‘sie‘ nennen.

Foto von John Reign Abarintos auf Unsplash (geschnitten)

Der Liebeswunsch

Ich versuche sie in ihrem Spielen besser auszumachen. 
Sie schimmert, gibt sich bedeckt; ein Stück verschwindet, taucht an einer anderen Stelle wieder auf; sie wird bald ganz schwarz, funkelt hier und da und ermattet wieder; immer ist sie auch auf die eine oder andere Weise, gefährlich. Oft wirkt sie unruhig… unbeständig… fast ein Wrack… ob es da wohl noch Überlebende gibt, die man retten könnte? 

Beobachtet man sie eine Weile (über Wochen, Monate und Jahre hinweg) sieht man wie sich Elemente wiederholen. Wie sie nach zwei, drei Zyklen wieder so aussieht, wie noch zuvor; wie die gleichen Stücke dann doch immer wieder auftauchen… 
Zunächst will man sie “Was soll das alles?” fragen.

Sie ist faszinierend, aber auch ein bisschen befremdlich… 

So ganz will man ihr nicht trauen. Aber… das Befremdliche… Das will ich wiederum nicht ganz glauben. 

So nehme ich mir jetzt noch einmal ein wenig bewusst Zeit für sie. Einfach nur, um sie zu beschreiben… weil? Vielleicht nur, weil ich es will. 

Nachdem ich sie nun doch schon ein paar Jahre miterlebt habe, fällt mir etwas bei dem auf, was ich vorhin mit “Zyklen” beschrieben habe. Da… steckt ein weiteres Muster in ihrer Musterung.  Um diese Musterung zu fassen, braucht es Zeit und auch jetzt noch bleibt sie überraschend für mich, aber ich habe zumindest eine Idee, wie die Musterung funktionieren könnte.  

Wie ich die Dinge sonst in der normalen Welt betrachte, ist auch die schönste Musterung über die Zeit stabil. Klar, auf einem Fisch, da spiegelt sich das Licht mal so, mal so; er bewegt sich und so scheint sich das Muster zu wandeln, aber es bleibt in Farbe und Form mehr oder weniger beständig;  bei Lebendem allgemein, kann es schon mal sein, dass ein Muster wächst, sich mit der Zeit verändert… die Jahresringe eines Baumes zum Beispiel, aber auch hier, bleibt es in Farbe und Form doch mehr oder weniger beständig. Auch eine künstliche Musterung wird mit der Zeit zwar vielleicht blasser, wird an manchen Stellen mehr abgenutzt als an anderen und verändert sich insofern, aber: sie hat kein Leben in sich; bewegt sich nicht vor und zurück. 

Ihre Musterung ist anders. 

Sie hat selbst in der Zeit noch ein Muster. Für mich ergibt es am meisten Sinn, es sich, wenn die eine Musterung horizontal ist – der aufgeschnittene Baumstumpf, den wir sehen, – sich ihre zweite Musterung vertikal vorzustellen – als folge man einem Jahresring des Baumes entlang des Stammes hinauf. 

Diese vertikale Musterung wird immer nur auf der Ebene einer Horizontalen sichtbar wird – wir sehen die Jahresringe nur an der Oberfläche des Baumstumpfes. So sehen wir immer nur genau die Schnittfläche dieser vertikalen Musterung, an der sich der Liebeswunsch (bzw. ihr Umriss) in ihrem Kreisen um das Wert-Sein-Geliebt-Zu-Werden gerade befindet. 

Es ist als mache die Berührung mit ihr die (in einer anderen Dimension befindlichen) Farb- oder Segmentschichten sichtbar. Diese andere Welt zeigt sich uns dann durch sie. 

Wird sie sich dessen bewusst, macht sie das glücklich. Dann tanzt sie geradezu und alle Farben werden noch einmal kräftiger, schöner. Gerade ihre matten, dunklen Farben werden noch einmal kräftiger; sie werfen mich so schon oft aus der Bahn. In diesen Momenten, weiß ich dann gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht.  

So geht, was sich zeigt, in ihrer mehr oder weniger stabilen horizontalen Musterung (wie die eines Fisches, formt sich auch ihre horizontale Musterung in ihren Bewegungen) farblich über von weiß, zu hellblau, zu blau und das Blau erlischt wieder langsam. Es wird wieder weiß, transparent, verschwindet, taucht wieder auf. Dann erhält die Schattierung einen Rotstich, sie wird rot,  dunkler, schwarz, ein dunkles Grün. Das verblasst langsam wieder. Sie verändert in ihrer Bewegung die Richtung. Wir kehren  zurück zum dunklen Grün, dem Schwarz, dem dunklen Rot. Dann geht es wieder ein paar Schritte nach vorne.

Sie geht das Muster wieder durch, bis nach dem dunklen Grün wieder ein Verblassen folgt. So geht es fort und fort. In jedem Element, das sich in ihrer Musterung zeigt befindet sich so ein eigenes farbliches Muster nach der Zeit. 

So haben wir zwei Musterungen im Liebeswunsch. Eine horizontale (1) und eine, wenn man auch den Liebeswunsch in einen vorbestimmten Rhythmus sehen will, in die Zeit geprägte vertikale (2) Musterung, welche überall um das Wert-Sein-Geliebt-Zu-Werden herum zu liegen scheint. Aber bitte: ein sich-entwickelnder Rhythmus, kein starrer Mechanismus. Und: Wie beschrieben, wird diese vertikale Musterung nun immer nur an den Schnittpunkten mit dem Liebeswunsch sichtbar. 

Das wirkt jetzt alles sehr kompliziert. Ist es auch. Aber nicht für den Liebeswunsch. Sie macht es ja nur, spielt sich. Manchmal schleppt sie sich auch nur, ist todmüde. Immer mustert sie sich um das Wert-Sein-Geliebt-Zu-Werden herum. 

Schön. 

Aber es geht weiter. Die beiden sind da unten ja nicht allein. In ihren Bewegungen stößt sie auch immer mal wieder gegen etwas. 

Zum Beispiel liegt da grau und hart, doch mit feinen, eingearbeiteten und diesmal echt bunten, nicht matten, schimmernden Rillen: ‘eine masochistische Lust, sich verletzlich zu machen‘; direkt daneben passend, fast nicht davon zu unterscheiden und doch aus einem anderen Stoff… noch mehr Masochismus: ‘eine Sehnsucht zu kämpfen‘. Oft fliegt der Liebeswunsch an seiner Leine aus den Liedern und Erinnerungen um sie herum, schmiegt sich an sie an und schreckt dann wieder vor ihnen zurück. 

Auch das ist… interessant zu beobachten. 

Ich schaue mich weiter um. Es wird dunkler. Ein Stück weiter unten an der Wurzel treffen wir auf ‘einen Kinderwunsch‘… der lässt sich nur schwer betrachten…

Da unten ist es langsam ziemlich finster… ‘eine große Furcht vor …’ überschattet.

Ich kann es nicht klar formulieren, dafür ist es zu dunkel. Aber sie bezieht sich auf etwas Konkretes – es ist eine Furcht, keine Angst. – Ich bin vieles, oft ein Idiot… und was für einer, aber zumindest ängstlich bin ich nicht. – Es ist eine Furcht vor… einer Schwangerschaft… entstanden aus einer nur im Moment bestehen könnenden Liebe; bald: eine Furcht vor Liebe.  

Anders besehen – und auch das teilen viele: eine Furcht vor der Wiederholung des eigenen Schicksals. Eine der größten Aufgabe, die viele (vielleicht alle) auf die eine oder andere Weise haben: Der Tendenz zur Wiederholung des eigenen Schicksals entkommen. Denn die Weichen sind nun einmal auf Wiederholung gestellt, ob man es will oder nicht. Und man hat noch nicht einmal eine Ahnung, wo die Weichen liegen, geschweige denn, wo es einen hinführt, stellt man sie um. Man muss sich umsehen, reflektieren, umstellen, wieder umsehen und wieder reflektieren, nochmal umstellen, vielleicht wieder zurückstellen und nochmal von vorn beginnen… wieder umstellen. Und immer weiter so, ein mühsamer, manchmal auszehrender Prozess. 

Und ich verstehe dabei etwas für mich… “Oh. Fuck…”, denke ich; schelte mich in Gedanken für die Ausdrucksweise. “Oh. Fuck… Deswegen… ist diese unmögliche Liebe so anziehend. … Das passt… … Oh. Fuck…” 

Das passt, denn: Eines der Leben, auf das für mich alle Weichen gestellt sind, ist eines mit Angst vor romantischer Liebe, ohne große Liebe. 

Und ganz in diesem Sinne macht mir auch die Bewusstsein der Flüchtigkeit der Liebe die Furcht nur noch größer; bestimmend… deswegen kann ich mich schon nur verlieben, wenn es unmögliche Liebe ist. Das befreit von der Last, macht sorglos – so schön sorglos – und so kann etwas geschehen. Zumindest bis die Unmöglichkeit einen einholt… 

Die eine Frage ist: Lässt man sich einholen oder macht man es möglich? Können wir die Weichen eine nach der anderen auf ein besseres Leben stellen?  
Mein Gefühl sagt mir, es wird wohl nur eine unmögliche Liebe sein, die es möglich machen kann.
Die Frage ist nur: Können wir es? Umstellen und wieder umstellen, uns verletzlich machen, verletzt werden, korrigieren, ausbessern, vertrauen und es gemeinsam möglich machen: zu lieben, Liebe zu erhalten und sie stärker zu machen.

Das… ist eine Aufgabe. Das eigene Schicksal nicht zu wiederholen, das ist also eine Aufgabe. Und die gibt es auf so viele Weisen.

… Ich… brauch’ jetzt erstmal eine Pause.


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