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Und wiedermal kommen wir über einen Hügelkamm, dahinter eine wunderschöne Gletscherlandschaft, bei Sonnenschein und angenehmen Temperaturen.

Wir steigen hinab zum Gletscher, zu einer Stelle, an der keine Eisschicht den Blick auf das darunterliegende Wasser verwährt. Dort spielt sich eine Robbe, saust im eisig klaren Wasser umher, immer wieder unter den Eisschichten hindurch, kommt dann wieder hervor und jagt: hin und her, sich selbst und vermutlich auch den einen oder anderen Fisch.

Hinter diesem kleinerem Eiswall, folgt eine ebenso eisige Fläche und hinter ihr, wieder auf einer kleinen Erhöhung, steht ein Eisbär. Wie eine kleine Arena wirkt der Aufbau.


Ich frage, was denn mit den Tieren passieren wird, wenn der Gletscher schmilzt? Immerhin sind wir ja in den Bergen und sie leben normalerweise in der Arktis. Die Antwort, die ich erhalte, soll keine Antwort sein, sondern nur eine Alternative, um mich meiner ( – obschon allgemeinen Konsens – doch nichtsdestotrotz weltuntergangsstimmlichen) Annahme bewusst zu machen: Wer sagt denn, dass dieser Gletscher schmelzen wird? Der Winter kommt ja erst wieder und dann wird hier alles wieder vereist sein.


Dann kommt der Eisbär näher. Sein Fell besteht aus einer bläulichen – teils schimmert sie auch lila – Glitzergarnitur. Er jagt mich, ich laufe umher, – auch davon, aber so ganz ernst nehmen kann ich ihn nicht. Ein wenig laufe ich wohl davon, um ihm den Gefallen zu tun, mich jagen zu können.

Der Glitzer-Eisbär ist auch viel kleiner als ein wirklicher Eisbär und… ein wenig ungelenk. Als er dann ganz nah kommt, mache ich einen ansatzlosen Sprung – viel weiter als er eigentlich möglich sein sollte, auf die Spitze eines vereisten Monolithen, in einige Entfernung.

Meine Begleitung, ein Fotograf (oder eine Fotografin), ist von dem Sprung begeistert und ebenso beeindruckt, wie ich es bin. Ich bin dazu noch ein wenig überrascht. (Ob sie das auch ist, weiß ich nicht.)

Der Glitzer-Eisbär springt mir hinterher, landet auf einem Eisvorsprung in der Nähe, rutscht aber – wie in Zeitlupe – ab. Ich denke sowas wie “Oh… nein… nicht.” Er fällt… und stirbt.

Ich gehe zu ihm. Und sehe: er war kein echter Eisbär. Die Glitzergarnitur bricht auf und in seinem Inneren liegt ein, bereits in eine Plastikverpackung eingeschweißtes, Stück Eisbärenfleisch. Es war nur ein Trick gewesen, alles nur eine Scharade, nur eine Art Ablenkungsmanöver.

Etwas dämmert mir.

Jetzt ist auch die Robbe tot und auch in ihr finde ich nur ein, ebenso in Plastik eingeschweißtes, Stück Fisch (kein ganzer Fisch, nur ein Filet). Um sie tut es mir mehr leid… sie hatte doch so einen glücklichen Eindruck gemacht.


Foto von William Krause auf Unsplash

Ich kehre zurück und komme in den Thronsaal. Dort sitzt mein böser Königsbruder. Alle wissen, was jetzt passieren wird. Sie haben Respekt, ja der eine oder andere sogar ein wenig Angst vor mir und dem was gleich geschehen wird, obwohl ich so verärgert, wie die Leute denken, gar nicht bin. So schlimm war das Ablenkungsmanöver jetzt nicht gewesen… und wirklich bedrohlich oder gefährlich war der Glitzer-Eisbär nun auch nicht. Trotzdem: Belanglos war es nicht. Ich war nicht gewesen, wo ich hätte sein sollen. Ich hatte eine ernste Aufgabe zu erfüllen und davon war ich abgelenkt gewesen. Und so war ich jetzt zurück und dieser Ernst war mir anzusehen. Jetzt war ich zurück und alle wussten, was passieren wird… und muss.

Bei dem, was jetzt passieren würde, würde keiner seiner/unserer Untertanen eingreifen. Sie waren nicht sehr unzufrieden mit ihm gewesen, zumindest hatte er niemandem böswillig Schaden zugefügt, aber er selbst war den ganzen Tag nur in seinem Thron gesessen und hatte nichts für sie und unser/ das (man kann beides sagen) Königreich getan. So würde jetzt auch niemand zu seiner Verteidigung die Hand erheben. Diejenigen, die trotzdem ein wenig Verbundenheit fühlen – immerhin war er nun eine Zeit lang ihr König gewesen -, senkten nur betreten den Blick.


Dann geht alles sehr schnell. Der Kampf entbrennt, er wehrt sich noch nicht einmal wirklich. Von dem Kampf erinnere ich nur einen kurzen Ausschnitt, in welchem ich ihm gerade den Arm verdrehe, vielleicht schon breche, ich aber auch überrascht bin, wie zäh er ist, obwohl er doch den ganzen Tag über nichts getan hatte, als in seinem Thron zu dösen.

Und trotzdem war am Ausgang nie ein Zweifel. Einer nach dem anderen seiner Knochen bricht.

Dann folgt die Schlussszene: Ich packe ihn an den Füßen, schleudere ihn mit ausgestreckten Armen an ihnen herum und schmettere in diesem Schwung, ihn immer noch an den Füßen haltend, mit aller Kraft seinen Kopf gegen einen unserer großen, schwerfälligen (wie steinernen) Erzieher. Seine Halspartie prallt seitlich gegen dessen Kopf.

Damit ist der Kampf entschieden. Es ist vorbei. Auch Hals und Genick sind gebrochen.

Jeder Knochen, Kopf bis Fuß, alles: gebrochen. Alles sitzt nur noch labil irgendwie von Gewebe zusammengehalten aufeinander.


Dann sind wir in der cleanen, im dunklen Grau eines Bürogebäudes gehaltenen Eingangshalle und er und sein Gehilfe, der ebenso lädiert ist wie sein Herr, schleppen sich – geschlagen, mit hängenden Schultern, mit den gebrochenen Knochen wie wirbellose Tiere, besiegt eben – zur Tür.

Draußen, vor den großen gläsernen Wänden, ist es eisig und kalt. Und der Winter ist auch hier drinnen greifbar. (Im Nachsinnen wird klar: Auch hier, im Bürogebäude und der Eingangshalle, muss, ohne den Arbeitsplatzcharakter zu verlieren, wieder mehr Leben einkehren.)

Manche der Umherstehenden halten mich für grausam, dass ich die beiden nun dort hinausschicke, aber sie müssen gehen – ich muss ihn aus dem Haus jagen, darf keine Gnade zeigen.


Foto von Stacy Heideschar auf Unsplash

Aber… ich – im Gegensatz zu den Umherstehenden – weiß auch: ich schicke ihn nicht in den sicheren Tod. Er wird nicht sterben und… – da trifft mich die Erkenntnis…

Hätte ich ihn dann doch ein für alle mal töten sollen?

Jetzt ist es zu spät. Ich weiß nicht, ob ich es bereue… aber: wenn man nur ein wenig über Geschichten weiß, dann ist klar: er wird wiederkommen, stärker wiederkommen, zu einem unpassenden Zeitpunkt wiederkommen.

Das flößt mir vielleicht ein wenig Angst ein, in jedem Fall weiß ich aber: Ich muss mich vorbereiten. Er wird wiederkommen… ja, ich spreche es aus, auch wenn ich es mir nicht wünsche und dazu neige, so etwas dann nicht auszusprechen, um es damit nicht wahr zu machen.

Dann frage ich mich noch einmal: Hätte ich ihn ein für alle mal töten sollen? Und, auch da tut sich mir eine Antwort auf: Ich glaube… die Möglichkeit hatte es nicht gegeben.

Aber… Ich weiß ja damit auch: Er wird wiederkommen. Ich muss mich vorbereiten. Vielleicht ist das gut so… nicht, dass er wiederkommt, aber dass ich mich vorbereiten muss, weil er wiederkommen kann.


Ich fasse einen Entschluss: Ich werde mich (und die meinigen ((auch) damit)) vorbereiten.