Einleitung

Ich weiß du lernst, für das Leben und nicht für die Noten. Deswegen ist es dir selbst überlassen, was du machst.” Ist das nicht ein Satz, den man als Student (oder auch Schüler) viel zu selten hört? Ich hatte allerdings das Glück, genau diesen Satz als Antwort auf meine Frage, “Was ich denn als schriftliche Leistung für meinen “Negotiations”-Sprachkurs einbringen sollte?”, zu bekommen.

Schon während des Semesters war dieser Kurs anders als übliche Vorlesungen, vor allem für mich.


Freitag 16 Uhr: Ich verlasse mit einer Teilnehmerin des Kurses das Universitätsgebäude und sage: “Weißt du, was ich mich immer frage: Warum gehe ich jeden Freitag wieder zu dem Kurs?

Bild von Angelo Mercado

Für die meisten Vorlesungen gibt die Studienordnung eine überzeugende Antwort: Credits. Über die Studienzeit hinweg sammelt man diese, um später seine Zertifizierung zu erhalten und sich dann Bachelor oder Master of Arts, Science oder Philosophy nennen zu können. Das hehre Ziel ist somit gegeben.

Als Jura-Studentin waren einige solcher Sprachkurse auch für sie Pflichtprogramm, von daher war eine gewisse externe Motivation ohnehin gegeben. Ihre Antwort fiel trotzdem schöner aus als ein Verweis auf diese Notwendigkeit:

So wirklich weiß ich das auch nicht, aber ich genieße die Gespräche und wenn ich den Raum dann wieder verlasse, fühle ich mich besser als beim Reingehen.

Das war schön. Für mich sollte sich der Kurs jedoch auch in einem messbaren Ergebnis “auszahlen. — Der BWL-Student kommt zum Vorschein.

Der Kurs war eine Ausnahme, da mein Studienverlauf diesen Kurs normalerweise nicht vorsehen würde.
Ende 2014 sollten wir, BWL-Studenten, im Rahmen unseres Studiums in Gruppenarbeit einen Businessplan aufstellen. Deswegen trafen wir uns in einem leerstehenden Universitätsraum und besprachen unsere Arbeit.

Nach gut einer Stunde kam eine Dozentin in den Raum, störte sich jedoch zunächst nicht weiter an uns. Nachdem wir uns auflösten, sprach Sie mich an, ob ich nicht Ihrem Sprachkurs beiwohnen könnte, um die Teilnehmer ein wenig mehr zur aktiven Diskussion an Stelle von stumpfen Frontalunterricht anzuregen.

In Erwartung einiger Credits, interessanter Diskussionen und um an meinen Englischkenntnissen zu arbeiten, nahm ich also teil. Hinsichtlich interessante Diskussionen und der Englisch-Eloquenz wurden meine Vorstellungen übertroffen, Credits bekam ich als BWL-Student für den Jura-Sprachkurs “Intercultural-Management” jedoch nicht.

Die Frage bleibt somit:
Was habe ich aus dem Kurs gezogen? Englischkenntnisse waren für mich schwer konkretisierbar, mir blieben also die interessanten Diskussionen und einen der Punkte, den ich aus diesen ziehen konnte, will ich euch vorstellen.

Angewandter Pragmatismus

 
Bild von Kurt Kowalski

Während einer unserer Diskussionen im Unterricht war ich genervt: Seit gut einer Stunde saß ich da und hatte die Stunde als ein fortwährendes Jammern empfunden. Die Gehaltsunterschiede zwischen Mann und Frau sind nicht hinnehmbar! Sex-Tourismus ist schrecklich! Wie kann man nur glücklich sein, wo so viele Menschen auf der Welt Hunger leiden? Alles nur eine Scheindemokratie, weil Geheimtreffen ohnehin schon vor 8 Jahren beschlossen haben, dass Hillary Clinton Präsidentin der Vereinigten Staaten wird. Erdogan macht die Türkei wieder zu einer Diktatur. In Indien werden jeden Tag etliche Mädchen zu Tode vergewaltigt! Außerdem kann ich auf den Link leider nicht klicken, weil das CIA sonst am nächsten Tag vor meiner Tür steht. …

Und so ging es dahin. Ich war nicht in der besten Stimmung als ich zum Unterricht kam und mit dem Gedanken, “Könnt ihr endlich mal aufhören durchgehend nur zu jammern?!”, senkte sich mein Kopf immer weiter der Tischplatte entgegen.

Irgendwann verlieh ich diesem Ausdruck und sagte: “Was nützt es denn über alles nur zu schimpfen? Ändert etwas dran, überlegt euch eine Lösung, versucht es zumindest oder hört auf damit zu jammern.” Sofort bekam ich eine Antwort: “Wie sollen wir denn bitte irgendetwas ändern, wenn wir nicht darüber sprechen?

An dieser Stelle muss ich zugeben, dass der Punkt natürlich seine Berechtigung hat. Dennoch: Ich suche mir lieber ein Thema, welches es für mich zu ändern gilt, und konzentriere mich darauf. Nach und nach kann ich dann dazu übergehen, meinen Kompetenzbereich zu erweitern und andere Probleme anzugehen.

Stattdessen verlieren sich viele Menschen darin, einfach nur alle Dinge aufzulisten, die nicht funktionieren, ohne dabei nach Lösungsansätzen zu suchen.

Als ich das im Kurs zum Ausdruck brachte, gewann ich die Terminologie für meine Philosophie, vielleicht meine Lebensphilosophie.

Kurze Anmerkung:
Es erscheint mir noch ein wenig früh, mich auf eine Lebensphilosophie festzulegen. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass eine zentrale Lernerfahrung der letzten Monate war, wie veränderbar doch manch scheinbar Unabänderliche ist.

Diese — nun… zumindest bisherige — Lebensphilosophie wandte ich seit längerer Zeit an. Doch jetzt hatte ich endlich einen Ausdruck dafür: “Useful Pragmatism”. Während meiner innerlichen Dialoge konnte ich der Denkensweise endlich einen Namen geben. Das ist doch was.

Um die Idee ein wenig klarer zu machen möchte ich drei kurze Anwendungsbeispiele geben:

Wetter

Bild von JudithTB

Das Alltagsbeispiel. Es regnet. Ich bin zu geizig für ein Ubahn-ticket, will aber in die Uni.

Innerer Dialog:

Ich: “Es regnet… Ich will da nicht raus.
Marco: “Das Wetter ist immer gut.
Ich: “-.- Es pis**, wie nochmal was…
Marco: “Das Wetter ist immer gut. Wie kannst du es für dich nutzen?
Ich: “
Marco: “Wie kannst du es für dich nutzen?
Ich: “… Ich weiß ja, übe dich in positivem Denken und so.
Marco: “Geht doch.

Also raus…

Ich: “Ne, es ist immer noch kacke.
Marco: “Dann embrace the suck, mein Freund… Durch mit dir und genieß es, dass es sich kacke anfühlt.
Ich: “Du musst da ja nicht durch.
Marco: “Doch, fahr endlich los. Useful Pragmatism.

Genetik

Bild von Polygon Medical Animation

Auf dem Weg zur persönlichen Traumfigur gibt es alle mögliche Argumente, die es einem möglich machen ein Scheitern zu rechtfertigen. Ein begehrtes Argument ist die Genetik. “Ich kann trainieren so hart ich will, ich baue einfach schwerer Muskeln auf als andere.” “Egal, was ich esse, ich nehme nicht ab.” etc. Nun gibt es tatsächlich wissenschaftliche Befunde, die darauf hindeuten, dass manche Menschen schneller Fett abbauen als andere, das Fett weniger sichtbar deponieren oder besser Muskeln aufbauen und so weiter.

Angenommen ich würde nun denken, ich hätte eine für meine persönlichen körperlichen Ziele ungeeignete Genetik, dann spielt sich folgender innerlicher Dialog ab:

Marco: “Marco, wie kannst du eine mögliche unterdurchschnittlich schlechte Genetik für dich nutzen?” …
Ich: “Hmm…
Marco: “Streng dich an!
Ich: “Nun, ich könnte davon ausgehen, dass ich für die gleichen Ergebnisse härter arbeiten musste, das heißt ich trainiere meine Disziplin für andere Bereiche, in denen ich durch geeignetere Genetik bereits einen Vorteil habe und erziele dort umso bessere Ergebnisse.
Marco: “Totschlagargument, aber passt, akzeptiert. Useful Pragmatism.

Autounfall

Dir fährt jemand von hinten aufs Auto. Klare Sache: Der Mensch im Auto hinter dir hatte mit dem Handy gespielt, nicht auf die Straße geschaut, zu spät gebremst und ist dir aufgefahren.

Innere Dialog:
Ich: “Aaaaaaaah, dieser Id***. Und was jetzt?! Dieser d-
Marco: “Marco.
Ich: “Ach, halt´s Ma**
Marco: “Useful Pragmatism.
Ich: “Nichts da, Useful Pragmatism, du kannst mich mal mit deinem Useful Pragmatism.
Marco: “Wie könnte es dir denn irgendwie was bringen?
Ich: “Wie solls mir denn bitte, was bringen, wenn der Trottel mir auffährt?!
Marco: “Jetzt chill mal. Sieh´s als Möglichkeit in einer schlechten Situation ruhig zu bleiben.
Ich: “Nicht überzeugend…
Marco: “Versicherung? Vielleicht gibt´s ne gute Versicherungsleistung und hattest du dir nicht eh überlegt dein Auto abzumelden und auf öffentliche Verkehrsmittel und Carsharing umzusteigen.
Ich: “Nicht überzeugend.
Marco: “Dann sieh´s einfach als Möglichkeit ruhig zu bleiben, weil wenn du hier jetzt austickst und rumstresst, bringt dir das erst recht nichts.
Ich: “Hmm.

Fazit — Bild von Christian Klepej

Fazit:

Egal, ob creditloser Kurs, schreckliche Unterrichtsstunde, ungeeignete Genetik, Auffahrunfall, schlechtes Wetter, persönlicher Geiz oder eine Neigung zu innerlichen Dialogen, mit der Frage, “Wie kann ich Nutzen daraus ziehen?”, verbunden, kann jede Situation gleich ganz anders aussehen.