Glücklich sind diejenigen, die nie lernen müssen und immer gute Noten schreiben. Ebenso wie der Fußballstar mit dem unfassbaren Naturtalent oder die Kommilitonin mit der tollen Ausstrahlung, sodass ihr jeder sofort verfällt. Gerne blicken wir mit ein wenig Neid auf die Glückskinder, denen der Erfolg einfach zufällt.

Menschen sind unterschiedlich, das steht fest. Gerne liegen den sichtbaren Ausprägungen — den phänotypischen Glücksfällen der Genetik — , aber andere weitaus beeinflussbarere Faktoren zugrunde: Unser Mindset. Das ist weniger genetisch vererbt, vielmehr wird es über den sozialen Umgang weitergegeben. So bestimmt es über einen weitaus größeren Anteil der Ergebnisse, als man zunächst annehmen würde.

Während es bislang noch schwer ist, die Erlaubnis zu bekommen, an der DNA eines lebenden Individuums herumzudoktoren, kann man an den eigenen Einstellungen arbeiten und so eine andere Denkweise entwickeln.

Growth Mindset

Die Professorin und Psychologin Carol Dweck an der Stanford University hat aus den Untersuchungen von Schulkindern über Studenten bis hin zu Spitzensportlern einen Begriff geprägt: “Growth-Mindset”. Er bezeichnet im Wesentlichen die geistige Haltung, dass man sich sowohl Fähigkeiten als auch Charaktereigenschaften aneignen und trainieren kann. Dieser Ansicht steht das “Fixed-Mindset” gegenüber, wonach diese angeboren und somit festgesetzt sind.

In dieser Story möchte ich euch erzählen, wo ich in meiner Entwicklung prägende Ereignisse ausgemacht habe, die mir den Nutzen dieser Denkensart bewusst gemacht haben. Dwecks Buch hat mir auch dabei geholfen weitere “Fixed-Mindset”-Einstellungen in mir selbst zu finden und mir so die Möglichkeit eröffnet daran zu arbeiten.

 

In meiner Jugend gab es zwei sehr wichtige Entwicklungen, die mich (retrospektiv) gelehrt haben, dass sich Fleiß und Mühen lohnen. Da man die schulische Laufbahn vermutlich in seinem prägenden Charakter besser nachvollziehen kann, habe ich mich entschlossen mit dieser zu beginnen.

In unserem Schulsystem steht nach der vierten Klasse eine Empfehlung des jeweiligen Grundschullehrers für den Besuch einer weiterführende Schule an. Wenn ich mich richtig entsinne, gab es damals bei uns einige Kästchen auf dem Zeugnis der vierten Klasse, bei dem die Lehrkraft den Eltern ihre Empfehlung geben konnte. Entsprechen die Eltern der Empfehlung des Lehrers, so stellt dies entscheidende Weichen für die Zukunft des jeweiligen Kindes. Meine Empfehlung war der Besuch einer Hauptschule. Im Endeffekt bleibt das letzte Wort dann aber doch bei den Eltern und so ging es für mich stattdessen auf ein Gymnasium.

In der weiterführenden Schule war ich dann auch ein eher schlechter Schüler und auch in der sechsten, siebten und achten Klasse konnte ich mich gerade so vor einer fünf in Englisch retten. Aber auch in anderen Fächern zählte ich mich eher zu den unterdurchschnittlichen Schülern. Nach und nach schien ich mich aber zu mausern und bemerkte, dass ich jedes Halbjahr ein wenig besser wurde. Zunächst nur einige Fächer: Latein und Mathe. Dann ging es weiter über Deutsch und Biologie bis hin zu Englisch.

War ich auf einmal doch intelligent geworden? Abgesehen davon, dass ich auch zu Schulzeiten schon den Standpunkt vertreten habe, dass Noten wenig bis nichts über die Intelligenz eines Schülers aussagen, war das für mich keine sonderlich überzeugende Erklärung. Das hätte sich bereits in der fünften und sechsten Klasse auf meine Noten durchschlagen müssen. — Damals hatte ich mich natürlich noch für einfach ‘weniger intelligent’ gehalten. Jetzt, schien es mir daran nicht mehr festzumachen. —

Außerdem war ich auch sonst dem Gedanken eher abgeneigt. Für mich schmälert diese Anschuldigung — “du bist intelligent” — eher meine Leistung. Andere würden es vermutlich als Lob auffassen, aber wenn ich einfach nur intelligent war, dann hatte ich nicht wirklich etwas dafür getan, sondern einfach das Glück gehabt, gute Gene mit auf den Weg bekommen zu haben.

Was sich aber geändert hatte, war, dass Klassenkameraden weniger Interesse am Unterricht gezeigt hatten und sich während den Stunden unterhielten. Dafür dann aber nach der Schule lernten und am Wochenende begannen als Belohnung für all das Lernen, Alkohol zu trinken. Ich versuchte, so viel wie möglich aus dem Unterricht mitzunehmen, weil ich nach der Schule auf den Fußballplatz wollte und freitags konnte ich nicht trinken, weil Samstagvormittag ein Fußballspiel anstand. Sonntags traf man sich zum Kicken, da wollte ich auch nicht vollkommen gerädert erscheinen.

Daher weiß ich auch, dass ich Dank des Sports, damit begonnen habe, im Unterricht aufzupassen und dadurch lernte: Es macht Spaß, sich Wissen anzueignen.

Mit der Entwicklung meiner Noten begann somit eine Erkenntnis in mir zu wachsen: Meine Fähigkeiten sind nicht festgesetzt, mein Einsatz bestimmt, was ich kann und wie gut ich bin.

Mit diesem Denken im Hinterkopf, war ich pünktlich zum Abi Klassenbester geworden.


Die zweite lehrreiche Entwicklung, hatte ich gerade eben schon angeschnitten und hinterließ weitaus tiefere Wurzeln.

Schulnoten waren mir nie so wichtig gewesen. Zurückweisungen, das Selbstbild und der damit vor allem in der Jugend oftmals verbundene Selbstwert prägt da weitaus nachhaltiger.

Mit dem Fußball hatte ich etwas gefunden, worüber ich mich definieren konnte. Eine Ausrede, warum ich im Unterricht aufpassen durfte ohne als Streber zu gelten. Ein hervorragender Sportler war schwer als Streber abzustempeln. Ich erinnere mich, wie ich mitbekam, dass andere hinter meinem Rücken darüber redeten, dass ich sie anlügen würde. Doch nur — kaum zuhause angekommen —mich wieder hinsetzen und lernen würde. In ihren Worten: “Der hat doch kein Leben.

Ich wollte aber kein Streber sein. Vor allem nicht in meinen eigenen Augen. Das Mantra, an dem ich mich festklammerte, war: “Doch ich habe ein Leben. Es heißt Fußball. Ich kann gar nicht so viel lernen, wie ihr denkt. Dafür habe ich gar keine Zeit, ich will doch Fußball spielen.” Aber auch beim Sport konnte ich eine Entwicklung betrachten. Relativ spät eingestiegen, war ich auch hier zunächst weit unter dem Durchschnitt, doch nachdem ich nahezu jede freie Minute auf dem Fußballplatz verbrachte, zählte ich mich bald zu den besten Fußballern in meinem Team. Wieder wurde klar: Meine Fähigkeiten sind nicht festgesetzt, mein Einsatz bestimmt darüber, was ich kann und wie gut ich bin.

Was beim Sport so unsäglich banal erscheint, dass man geneigt ist, es nicht auszusprechen, war zu einer Unterrichtsstunde für alle Lebensbereiche geworden: Training zahlt sich aus.

Vor Zurückweisungen in Form eines “Streber”-Etiketts war ich somit gefeit. Zurückweisungen vom anderen Geschlecht bleiben aber vermutlich keinem Jugendlichen erspart und auch hier war der Grund für den jugendlichen Marco schnell ausgemacht: Ich war doch super nett, also musste es daran liegen, dass ich nicht gut genug aussah.

Ergo: Ein Sixpack musste her. Das war für mich selbstverständlich: Ein Mann mit Sixpack kann jede Frau haben. Ich bildete mich weiter: Ernährung, Training und — vielleicht gab es außer dem Sixpack noch andere Dinge, die mich attraktiver für das andere Geschlecht machen würden. Dieses Problem sollte sich als komplexer herausstellen, als bessere Schulnoten zu bekommen. Aber auch hier traf mich die Erkenntnis irgendwann plötzlich: Das kontinuierliche Suchen nach Lösungen, das Austesten und Verlassen meiner Komfortzone hatten mich attraktiver gemacht. — Wo zuvor schlecht hinter meinem Rücken über mich gesprochen worden war, waren jetzt verstohlene Blicke.

Aussehen wird gerne neben der Intelligenz und dem Talent für Sportarten als von vornherein festgelegt angesehen. Ein Großteil der Menschen glauben: Manche Leute sehen einfach gut aus, sind intelligent oder ein Naturtalent. Das ist einfacher und liefert Ausreden, warum man selbst keine guten Ergebnisse auf dem jeweiligen Gebiet vorweisen muss. Angenehm.

Der Gedanke, dass man durch Arbeit auf den Gebieten seiner Wahl besser werden kann, beraubt einen dieser Ausrede — unangenehm! — , befähigt aber dazu etwas an der Situation zu verändern.

Beide Aussagen sind wahr: Es gibt besonders gut aussehende, intelligente oder talentierte Menschen. Gleichzeitig kann man sich aber auch durch beständiges, anspruchsvolles Training verbessern.

Von welcher der beiden Aussagen man sich überzeugt, bleibt einem daher selbst überlassen. Ich habe mich von der Aussage überzeugt, die mir mehr Möglichkeiten eröffnet. Weniger anstrengend ist es jedoch, sich zu sagen, dass es leider jenseits des Möglichen für einen ist und man daher gar nicht weiter daran arbeiten sollte.

Zum Schluss:
Wo kommst du gerade nicht weiter und stehst davor aufzugeben, weil dir dafür wohl leider einfach die Fähigkeiten fehlen?


Fehlen sie dir wirklich oder ist das nur das komfortablere Mindset?

Floreant Dendritae!
Marco
Newsletter