Foto von Volkan Olmez auf Unsplash

Zwei junge Frauen blicken von ihren Smartphones auf und nehmen sich zwei Minuten am Stück Zeit, um ein Werbeplakat zu lesen und später reden sie sogar noch miteinander über das Gelesene, bevor sich der Blick, auf dem Weg aus der U-Bahn hinaus, wieder auf die Smartphones senkt. Da sage nochmal jemand, dass die Aufmerksamkeitsspanne unserer Generation zu kurz ist.

Generation Beziehungsunfähig — Eve Matratzen

Werbeagenturen machen sich größte Mühen, dass ihre Anzeige Beachtung findet. Das Bild eines Tigers mit der Aufschrift “Opa, guck mal ein Löwe” schafft es von Zeit zu Zeit kindliche Wünsche nach Zoobesuchen wieder aufkeimen zu lassen, aber mit den simplen Worten “Generation Beziehungsunfähig” sind wir wirklich voll bei der Sache. Entweder man ist Dauersingle oder Beziehungen halten doch immer nur einige Monate bis sie dann in die Brüche gehen.

Früher bedeutete Single sein, frei zu sein, wild zu sein. Heute fühlen wir uns oder sind wir beziehungsunfähig geworden. Warum?

Im folgenden Artikel will ich diese Fragen anhand von einigen gesellschaftlichen Trends und dem Beispiel eines “Generation Beziehungsunfähig”-Angehörigen — wir nennen ihn einmal “Fred” — behandeln.

Schönheitsapps und kleine Herzchen am Heftrand

Ich brauche nicht noch einmal wiederholen, dass früher alles besser war. Weil die Auswahl potenzieller Partner & Partnerinnen weniger groß war, fiel ein Festlegen leichter. Außerdem gab es keine Apps für den perfekten Teint, den besten Eyeliner und größere Augen, die uns Schönheit an allen Ecken und Enden verfügbar macht.

Kurze Anmerkung: Diese riesen Augen nerven Fred übrigens gehörig. Vor allem, wenn es so dezent gemacht ist, dass man meint vor einem Goldfischglas zu stehen.

Trotzdem sollte Fred verstehen, dass die Damenwelt dazu neigt mit Apps, eigene Schönheit, die auf dem Selfie sonst vielleicht doch nicht ganz so zum Ausdruck gekommen wäre, besser ersichtlich zu machen. Schließlich machen das alle… klarer Wettbewerbsnachteil, sollte man darauf verzichten.

Aber auch unsereins stellt natürlich nur vorteilhafte Bilder auf Social-Media-Plattformen.

Real- & Instagram-Life am selben Tag 😉

Folge: Schönere Menschen in sozialen Netzwerken als im Schlafzimmer.

Es ist keine neue Erscheinung, dass man sich vor dem anderen Geschlecht von seiner besten Seite zeigt. Neu ist, dass wir aus einer Auswahl von Models wählen können, die unser Bild mit kleinen Herzchen versehen haben.

Wenn Fred zu Grundschulzeiten von einer Klassenkameradin ein kleines Herzchen auf den Heftrand gemalt bekommen hatte, dann war klar “Fred und Sophia sitzen auf dem Baum K-Ü-S-S-E-N sich”. Da kann man es einem doch nicht wirklich übel nehmen, wenn man — in Kindheitserinnerungen versunken — meint, auch mit der Instagram-Dame bestünde die Möglichkeit “verliebt, verlobt, verheiratet” zu werden.

Fazit

Es scheint also nicht nur eine größere Auswahl für uns zu geben, sondern diese Auswahl hat — im Gegensatz zu den Real-Life-Menschen— auch noch Photoshop zur Verfügung. Wir meinen also, dass eine Masse aufgebesserter Instagramees & Instagraminnen Interesse an uns hätte, die zum einen weder wirklich ein Herzchen auf unseren Hefträndern hinterlassen haben, sondern nur gedoubletapt und auf das #likebackteam gehofft, und zum anderen nicht einmal so kindchenschema-schön sind, wie Bilder uns das Glauben machen. Hartes Schicksal.

Erwartungen

Flickr: tbee

[…] und nachdem der Prinz die Prinzessin gerettet hatte, lebten sie glücklich bis an ihr Lebensende.

Was fällt auf? Die Zeitspanne zwischen Rettung und Lebensende scheint unzureichend beschrieben. Mit Sicherheit kein Phänomen allein unserer Generation, trotzdem ein Faktor, der mit zur Beziehungsunfähigkeit beiträgt.

Nehmen wir einmal an, dass Schneewittchen und der Königssohn tatsächlich glücklich bis an ihr Lebensende lebten. Dann haben die beiden im Umgang mit herumliegenden Strümpfen und Zeitmanagement im königlichen Alltag ziemlich viel richtig gemacht. Das wurde aber — vermutlich aus Marketinggründen — von den Gebrüdern Grimm nicht mit in unsere Märchenbänder übernommen.

Viele von uns Dauersingles leben in dem Glauben, dass man eines Tages auf die Richtige stoßen wird und dann geht alles glatt. Vielleicht würden wir es nicht so formulieren, aber für alles sind wir bereit zu arbeiten, aber wenn es mit dem anderen Geschlecht mal nicht so läuft, dann “hat es wohl nicht sein sollen”.

Entdeckst du dich wieder?

“Fred?” — “Mhm… Ja”

Auch in einer Beziehung ist Gedankenlesen nicht an der Tagesordnung. Es wird Missverständnisse geben, Konflikte und Kommunikationsbedarf.

Deswegen: Ja, es soll funken. Ja, es kann sich magisch anfühlen, aber diese Magie wird nicht jedes Alltagsproblem lösen. Es wird Kommunikation benötigen, um etwas aufrecht zu erhalten. Bald wirst du merken, dass dein Partner nicht perfekt ist. Das haben Menschen so an sich.

Das läuft doch nicht weg (?)

Zu Beginn habe ich beschrieben, dass man sich als Single in den guten alten Zeiten frei und wild gefühlt hat. Heute: Beziehungsunfähig. In diesem Punkt tendiert Fred vermutlich zum Einzelfall, aber der eine oder andere findet sich womöglich trotzdem wieder.

Fred ist gut im Belohnungen aufschieben.

 

Ab Minute 6: “Let me tell you something, homie! These women ain´t going nowhere. These clubs, these parties — all this sh*t, ain`t going no-where.

Nun hat es Fred nie Spaß gemacht, groß “Party zu machen” und vieles deutet darauf hin, dass es sich alsbald nicht ändern wird. Aber trotzdem sollte man — egal wie geil der Part des Tapes um 5 Uhr im Gym ist — mal wieder kritisch hinterfragen.

“Goen die Parties und die Women wirklich nowhere”?

Erstens: Die Parties. Ja, es wird auch in 15 Jahren noch Parties geben, aber willst du dann mit 40 beginnen dir deine Nächte in den Clubs um die Ohren zu hauen? Wäre es da nicht angebrachter, sich jetzt mal von Zeit zu Zeit eine Auszeit zu gönnen und das Langfristdenken kurzfristig mal Langfristdenken sein zu lassen?

“Du musst deswegen noch nicht einmal feiern gehen, Fred! Man munkelt, es können auch außerhalb von Alkoholkonsumierungsstätten Damen kennengelernt werden.”

Zweitens: Die Women. Ja, es wird auch in 15 Jahren noch gutaussehende 20-jährige Single-Girls geben — vermutlich sogar mit noch makelloseren Instagram-Pics — aber die Frauen in ähnlichem Alter werden zu einem großen Teil in einer Beziehung stecken, verheiratet sein. Das sollte sich sowohl die Damenwelt, die keinen Toyboy, sondern einen Mann haben wollen, als auch die Herrenwelt, die eine echte Dame und kein #SingleGirl suchen, bewusst machen.

Fazit

Manch Zeitgenosse mag somit tatsächlich weniger freier und wilder Single als vielmehr sturer Sack/ Säckin sein. Die Problematik hierbei ist jedoch, dass man mit der Zeit zu mehr und mehr Idiosynkrasie* neigt und so womöglich tatsächlich beziehungsunfähig wird.

*Idiosynkrasie ist ein Wort im deutschen Sprachgebrauch leider eher selten vorkommt, und in diesem Zusammenhang am besten mit Eigentümlichkeit “übersetzt” werden kann.

Das heißt: Nicht bis 40 “husteln”, um dann zu merken, dass man einen wichtigen Teil seines Lebens vernachlässigt hat. Ist dann nämlich deutlich schwieriger nachzuholen als das Motivational Speeches glauben machen wollen.

Allein(e glücklich)-Sein

Ich machs kurz:
Du darfst aber auch alleine glücklich sein.

Nur weil Romane einzig und allein dann ein Happy-End haben, wenn der Protagonist seine Geliebte (und die Welt) vor einer bösen Macht rettet und sie danach endlich glücklich zusammen sein können, muss das nicht zwangsläufig auch für unsereins gelten.

“Es ist auch schwer diesen weltenrettenden Ansprüchen gerecht zu werden, Fred!”

Das heißt: Lieber glücklich Single, als unglücklich vergeben. Dazu muss man sich aber erlauben, auch alleine glücklich zu sein.

Das ist ein schmaler Grat auf dem man hier wandelt. Einerseits sind uns alle einig, dass ein Partner das Leben bereichern kann, aber du solltest nicht erwarten einen Partner zu finden und — Abrakadabra! — damit ist dein Leben auf den Kopf gestellt und plötzlich atemberaubend. Kümmere dich erst einmal selbst darum, dass du zufrieden mit deiner Lebensführung… mit dir bist.

Was ist nämlich ansonsten die Schlussfolgerung? Eine Erwartungshaltung an die Beziehung: Mach mein Leben toll. Sobald das Leben dann mal ausnahmsweise kein Ponyhof sein sollte, heißt das dann: Er/sie hat mein Leben nicht toll gemacht, ist folglich schuld daran. Damit wird auch die stärkste Frau oder der stärkste Mann auf Dauer nicht klarkommen.

Flickr: Filip Brocke

An dieser Stelle wäre ein #MarcoOverandOut angebracht, aber ich schulde euch noch ein Fazit und das fällt schwer, da mir aber nach dem Artikel Stella” nahegelegt wurde, die Leser weniger ratlos zu entlassen, verzichte ich diesmal nicht auf ein Fazit.

Freds Lessons

  1. Ein großer Teil deiner Generation fühlt sich beziehungsunfähig. Du bist nicht so allein, wie du meinst.
  2. Real-Life-Menschen sind nicht makellos, nicht perfekt. Das sollte man auch nicht erwarten.
  3. Keine Partnerin wird dafür Sorge tragen, dass dein Leben plötzlich atemberaubend wird. Das musst du selbst in die Hand nehmen. Dann ist sie auch nicht schuld, wenn es mal nicht so läuft.
  4. Nicht jede Freude lässt sich nachholen.
  5. Erlaube dir auch alleine glücklich zu sein, solltest du damit glücklicher sein/ werden.