Bisherigen Umsetzungsversuche maßvollen Handelns und was ich daraus ziehe

Foto von NASA auf Unsplash

Anders als in Hollywoods lebensverändernden Momenten, war ich vor dem Pilgern nicht am Boden zerstört, nicht einmal unzufrieden mit meinem Leben gewesen. Dennoch war bereits das Gefühl da, dass mich mein Lebensstil auf Dauer vor einem — perfekt sortierten und wunderbar glitzernden — Scherbenhaufen stehen lassen würde. Beim Pilgern verdichteten sich die Hinweise. Eine Veränderung musste her. Aber mit diesem Entschluss ist man nicht von heute auf morgen ein anderer Mensch. Man bleibt sogar der gleiche. Der selbe Dude arbeitet einfach nur an sich und verlässt neu erschlossene Komfortzonen.

Dementsprechend habe ich versucht, maßvoll zu handeln:
den Restday flexibel zu gestalten, keine Kalorien mehr zu zählen. Ich habe in den vergangenen vier Monaten etwa ein halbes Dutzend Mal keinen Wecker um 4:58 gestellt. Habe ein Stück Kuchen sowie zwei Kugeln Eis gegessen und noch keine Weinschorle getrunken. War aber auf einer Filmpremiere und habe wieder klischeehafte, wenig weltverändernde, Männergespräche geführt. (Allesamt unfassbare Neuigkeiten, ich weiß.)

Lesson №1: Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen.

Weder 180° noch 15° Lebenswende an einem Tag, sondern ein Prozess. Vielleicht bin ich nicht der Typ dafür, vielleicht liegt es auch daran, dass unser Leben ein Prozess ist und kein Punkt. Behauptung: Prozesse (nicht Punkte, nicht Zu- oder Kontostände) sind die erfüllenderen Ziele. Warum? Weil du dann nach Erreichen deines Ziels, nicht dastehst und denkst: “Und was jetzt?”, sondern in einem neuen, besseren Prozess hoffentlich glücklicher bist. Daher: Veränderungsprozess initiieren, der innerhalb eines Lebensprozesses in einen veränderten Prozess mündet.

Ziel = Prozess

Problem: Der Veränderungsprozess mäandert elend langsam dahin und auch Xerxes Peitsche ändert daran nichts.
Dann beschleichen Ahnungen. Stimmen im Hinterkopf, die ganz unsympathisch besserwisserisch murmeln: großartige Projekte brauchen Zeit.

Ergo:
Nur weil ein Dude beschließt, zuzulassen, dass zwischenmenschlichen Beziehungen wieder ihren Wert im Leben entfalten, heißt das noch nicht, dass ab jetzt jede Interaktion wertvoll ist;
Nur weil man versucht, Menschen Chancen zu geben, in selbiges zu treten, heißt das noch nicht, dass innerhalb zugeordneter Geduldsfristen bereitstehende Frauenzimmer herangesprungen kommen;
Nur weil du denkst, dass jetzt mal wieder ein Artikel fertig sein sollte, heißt das nicht, dass der Artikel das auch so sieht; …

Trotzdem: Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Wenn du am Ball bleibst, dir deine Entscheidung immer wieder bewusst machst und aktiv überlegst, wie du Veränderungen erreichen könntest, weiter am Projekt arbeitest, spürst du, dass sich etwas verändert… langsam… elend langsam.

Deswegen folgen — nach längeren Zeiträumen als erwünscht, mit kleineren Unterschieden als erwartet, in ganz anderen Lebensbereichen als notwendig — zwei weitere Lessons aus den Versuchen maßvollen Handelns.

Lesson №2: Weder der Körper noch das Leben funktionieren linear.

Es werden wieder Lebensweisheiten aus Fitnessstudiobesuchen gezogen.

Im Winter 2017 war Vorgabe gewesen: Muskeln aufbauen. Neuerung: unter Inkaufnahme zusätzlichen Fettgewebes. Meine Idiotie dabei: Um eine Form der Disziplin beizubehalten, war jeden Tag nur eine bestimmte Menge an Kalorien erlaubt. Abwiegen etc. war angesagt.
Es sei angemerkt: Ich habe keine Schwierigkeiten zuzunehmen oder genug zu essen. — Sowas soll es ja geben. — Aber: Genau deswegen benötigte ich diese Kontrollillusion. Man soll ja zunehmen, weil man diszipliniert ist. Nicht zunehmen, weil man es nicht ist. Nun gut.

Folge: Es waren sowohl Muskeln als auch Fett aufgebaut worden.

Danach stand Abnehmen an. Im Sommer 2016 waren mit No-Carb — High-Fat Diäten, Grenzen ausgetestet worden. Über Toilettenschüsseln hängend wurde signalisiert, dass etwas falsch lief. Meine Ernährungsform hatte hauptsächlich erfolgreich Qual maximiert als auf die beste und nachhaltigste Weise Körperfettanteil zu reduzieren.

Kein Shocking-Transformation-Pic, aber: 4. März 2017 vs. 22. Mai 2017 — Andere Lichtverhältnisse, anderer Winkel und eben anderer Körperfettanteil. (+MammaBavaria-Kreuz)

Nachdem ich im Frühjahr 2017 mehr auf den Rippen hatte als noch im Frühjahr 2016, hatte ich erwartet, weitaus schlimmere Qualen durchstehen zu müssen, um ripped zu werden. Ich hatte wieder mal linear gedacht. Ich wusste, wie schlimm es war, ein Kilogramm abnehmen zu müssen, dann müssten fünf Kilogramm fünfmal so schwer sein… unerträglich. Aber weder Leben noch Körper funktionieren linear.

Der treue Leser soll mich nicht falsch verstehen. Es gilt noch immer: Deine Fähigkeiten sind nicht festgesetzt, dein Einsatz bestimmt, was du kannst und wie gut du bist. Aber das Leben ist keine lineare Funktion. Es ist sowohl individueller als auch komplexer. Es heißt nicht:

Links: eine einzelne Bohne auf einem Teller; rechts: Sixpack

 mehr Hunger & Qual →  sinkender Körperfettanteil
⬆ mehr Stunden in der Bib → 👍 bessere Noten
⬆ mehr, was dich glücklich macht → #Goodlife
⬆ mehr Schläge mit dem Hammer → 👌 schöneres Eigenheim.

‘Focus on the effort, not the results meint auch, check, wie dein Einsatz aussieht. Nicht nur quantitativ erhöhen, was dich einmal weitergebracht hat, sondern Trial and Error. Wenn auf ‘mehr’, ‘schlechter’ folgt, ist ‘anders’ womöglich die bessere Strategie.

So wurden auch andere (wenig maßvolle) Varianten ausprobiert. Der Gedanke daran, 48 Stunden nichts zu essen, bereitete mir zuvor schlaflose Nächte. Dann habe ich es ausprobiert und es war weitaus weniger schlimm als gedacht. Aber: zuvor informieren. (Bspw. Das Buch Tools der Titanen lesen oder Experten fragen. Mir half zudem: mit intermittierenden Fasten herantasten.)

Lesson №3: Extrempositionen verlassen hilft, besser mit Realitäten zu arbeiten.

Aber das überraschende Learning aus der Gewichtszunahme war, dass mich mehr auf den Rippen zu einem anderen, nicht zwangsläufig schlechteren, Körpergefühl führen würde. Ich mich nicht, wie ein wandelnder Fettkloß fühle. Der egozentrische Körperfokus scheint minimal durch. I know. Und: Er hat eine weitere Dimension gewonnen: Masse. — Juhu. —

So war mir das Verlassen meines (vermeintlichen) ästhetischen Ideals Schlüssel, mich von meiner aktuellen Form zu distanzieren und eine neue Perspektive zu erhalten. Wenn ich sonst immer am Rand der Klippe stand und mich fragte, ob ich es auf die andere Seite schaffen würde, konnte ich so Anlauf nehmen und erhöhte meine Chancen drastisch, den Sprung zu meistern. Es wurde leichter, Ziele zu erreichen. Eine vermeintlich schlechtere Startposition — weiter entfernt von der Klippe — , hatte mir geholfen, nicht geschadet.

Warum? Weil ich es zugelassen hatte, mal meine Extremposition aufzugeben und mich stattdessen diszipliniert zum einfacheren Weg mit empfundenen Disziplinlosigkeiten gezwungen hatte. Das half mir auch, die Realität — Muskeln wachsen stärker, wenn man bereit ist, auch Körperfett aufzubauen — besser zu akzeptieren. Gewusst hatte ich das davor auch schon. Akzeptiert: Nein.

So konnte ich besser mit der Realität arbeiten als im angstvollen kreisen um eine mögliche Gewichtszunahme. Zudem kann ich jetzt darauf vertrauen, dass ich mich im Zweifel dazu entschließen kann, abzunehmen. Netter Nebeneffekt: Mein Körper hat auch in Winterform eine Daseinsberechtigung erlangt.

Fragen zum Schluss:

Lebst du auf ein Zielpunkt zu oder auf einen Lebensprozess hin?

Wo bringt dir ‘mehr’ schlechtere Ergebnisse und du solltest es mal mit ‘anders’ versuchen?

An welchen Stellen solltest du, um neue Perspektiven zu erlangen, einen Schritt zurück von Extrempositionen machen?

Such dir die Frage aus, die dich am ehesten anspricht, nimm dir Zeit und beantworte sie ausgiebig.