Vier Blickwinkel

Foto von Samuel Zeller auf Unsplash

Ich

Ich habe mir einen Tag Zeit genommen. Nachgedacht. Und wie. Die Gedanken haben aufeinander rumgewetzt, die Zähne geknirscht, der Blick: intensiv. Im Stehen, im Sitzen, auch im Liegen. Starrend auf Wände. Irgendwo da liegt die Lösung. Ich weiß es.
Hast du schon mal einen ganzen Tag wirklich nachgedacht? Es nicht aus den Augen gelassen, immer weiter nachgedacht? Als würde nicht nur dein — nein, womöglich sogar ein gemeinsames Leben davon abhängen?


Er

Er weiß jetzt, was er tun muss: Alles auf eine Karte setzen und dann: gewinnen. Er macht das hin und wieder. Und es klappt. Immer. Nein, das ist nicht vermessen: Es klappt — immer. Es ist nicht immer einfach, aber es klappt immer. Vielleicht weil er schon auf dem Weg ist? Aber ihr… ihr will er den Weg nicht zumuten. Sie kann doch auch so glücklich werden: ohne ihn, mit einem leichteren Weg und mit mehr… Außenrum. Für sie gibt es da draußen doch so viel mehr; hat das Leben doch so viel mehr zu bieten.

Da sind wir auch schon bei der Sache: Seiner Entscheidung, sich einem großen Teil des Außenrums zu entziehen. Das, obwohl Teile des Außenrums eben ein ‘Mehr’ sein können; für sie wohl ein ‘Mehr’ sind. Das Fehlen dieses ‘Mehrs’ ist es, was sie ihm eines Tages vorwerfen könnte und sagen: Ohne dich hätte ich mehr erlebt. …

Dieses ‘Mehr’ des Außenrums, das sie ohne ihn haben und genießen könnte, ist auf verschiedene Weisen wertvoll. Zum Beispiel macht es das Leben leichter. Und: Sie hat es verdient, es leichter zu haben; leichter als mit ihm; leichter als den Weg, den er — am liebsten mit ihr — einschlagen will; leichter als der Weg, der wohl erst einmal alleine zu gehen ist. Das muss er tun, das ist seine Aufgabe und sein Weg. Er muss ihn gehen, schon um ihr zu zeigen, dass er Wert anders bemisst, als sie das glaubt; Wert — ganz grundsätzlich — anders zu bemessen ist. Auch, damit sie endlich einmal erkennt, dass sie wertvoll ist. Vielleicht wäre das das Entscheidende, was sie für sich persönlich aus diesem Weg ziehen könnte; vielleicht wäre das, das andere ‘Mehr’, welches sie nicht im Außenrum finden könnte; vielleicht wäre das, was es für ihn akzeptabel machen würde, dass sie den schweren Weg mit ihm zu gehen hat; vielleicht würde sich der leise Wunsch nach Begleitung dann auch nicht mehr ganz so egoistisch anfühlen.

Zu dem nächsten, bedeutsamen Schritt auf seinem Weg wird er irrsinniger Weise gewillter, je mehr er erkennt, dass das ‘Mehr’ im Außenrum auch seinen Wert hat und vor allem der Teil davon, der ein Mit-dem-Strom-Schwimmen ist. Denn das macht es leichter. Er erkennt das jetzt. Das sagt er nicht süffisant oder in irgendeiner Weise von oben herab, sondern vollkommen ernst — sogar ein wenig demütig und mit echter Traurigkeit: Das ‘Mehr’ im Außenrum zu erkennen ist auch wertvoll.

Für ihn macht die Tatsache, dass er den Wert im Außenrum nicht erkennt, den schweren Weg immerhin erträglicher. Es lässt ihn eine reine Schönheit erkennen, von der er immer drängender spürt, dass sie wichtiger wird, je größer die Zahl derer, die im tristen Grau verschwinden. Er spürt, dass auch sie diese reine Schönheit sehen kann. Aber: Sie kann ja auch den Wert in dem Teil des Außenrums, das ein ‘Mehr’ ist, erkennen. Trotzdem: Er glaubt, so eines Tages, auch für sie, mehr und reinen Wert zu schaffen. Aber: Er glaubt. Nicht: Er weiß. Für sie bleibt ihm eine Ungewissheit, die da sein muss; die ihrer beider Verschiedenartigkeit entspringt und wohl auch für ihre Anziehung notwendig ist. Deshalb bleibt die Frage, ob er sie einfach mit sich reißen darf, wenn er so einen Entschluss fasst.

Nein, dieser Entschluss ist kein großer Sprung in das Nichts. Aber ja, es geht um eine große Entscheidung. Eine große Entscheidung, die zwar nicht unumkehrbar ist, aber doch bedeutsam sein soll. Die Entscheidung, ein Leben zu leben, das anders ist: bei dem man Gedanken auf den Grund gehen kann; sie fixieren und verfolgen kann; dann wieder laufen lassen, um sie in ihrem freien Spiel zu betrachten und zu erkennen, wo noch Abzweigungen sind, die übersehen worden waren — sei es aufgrund einer Unachtsamkeit, ganz bewusst oder weil die Zeit dafür einfach noch nicht reif war; in diesen Gedanken einen Trieb zu finden, der in den letzten Jahren, Jahrzehnten oder Jahrhunderten vernachlässigt wurde; vielleicht auch nur einen kleinen Sprössling des Weltengedankens zu entdecken, der der Aufmerksamkeit bedarf, um zu wachsen, und eines Tages doch so unabdingbar sein wird, für das, was wir tun; unabdingbar sein wird für das, was wir dann entscheiden müssen: ob wir es tun wollen und werden… oder nicht. …


Sie

Ihm steht die Welt doch offen. Er kann sie erobern. Ihm hat sie doch so viel mehr zu bieten. Er hat alles, was es braucht und zieht alles in seinen Bann. Was will er mit ihr? Sie ist doch nur nur irgendein Mädchen aus irgendeinem Dorf von weit weg; ein Mädchen, das ihr Leben nicht auf die Reihe bekommt; das sich von den kleinen Dingen im Leben verführen lässt und das das auch gar nicht so schlimm findet. … Die kleinen Dinge sind doch auch etwas wert.

Sie versteht ihn aber auch: Sein Leben hat ein gewisses ‘Mehr’ an Bedeutung. Es gibt etwas, das er tun kann, wofür den meisten anderen irgendetwas fehlt. Auch das ist, was sie bewundert. Deswegen glaubt sie, sie wäre nur eine Fußfessel für ihn und —… eines Tages würde er es erkennen und ihr noch nicht einmal vorwerfen. — Das wäre nicht seine Art. Aber: damit würde er es nur noch schlimmer machen und sie befürchtet: tief drin könnte er es ihr nicht verzeihen. Dann lässt sie ihn besser in Ruhe, egal wie schwer es ihr fällt. Aber wieso lässt er nicht los? Wie kann er wissen, dass sie noch immer an ihn denkt? Er kann es nicht wissen. Es kann diese Verbindung, die sie vom ersten Moment an gefühlt hat, doch nicht wirklich geben.

Oder … was wäre wenn? … — Was wäre, wenn es nicht stimmt? Wenn sie ihn nicht zurückhalten würde? Wenn er sie braucht? Als kleines bisschen Chaos, damit Neues entstehen kann? Wenn sie dann aufeinander bauen würden — mit dem bisschen Chaos — , es versuchen und er dann eines Tages — wie aus dem Nichts — zu ihr sagen würde: “Es stimmt: Ich habe mich dafür entschieden. Das war meine Wahl. …Aber: Ohne dich hätte ich nicht durchgehalten.” Danach wäre er wieder ruhig und sie würden beide erkennen, was sie einander bedeuten, gegeben haben und geben; dass sie einander gebraucht hatten, um zu schaffen. Vielleicht wäre das der Unterschied, dass sie dann — wie er immer gesagt hat — erkennen würde, dass sie wertvoll war und ist. … Ja, das wäre wieder so eine Filmszene, die sie nur mit ihm erleben würde.

Aber diese Verbindung, die da ist — das kann doch nicht so bedeutsam sein. Für sie fühlt es sich ein bisschen an wie die Verführung der kleinen Dinge im Leben. Denkt sie darüber nach, dann ist es aber das genaue Gegenteil davon: es trägt und formt; es hält sich nicht mit der Oberfläche auf und nimmt seine Veränderung direkt im Innersten vor. Die Tragweite lässt sich immer nur erahnen, nie greifen; nur spüren, nie festmachen. Aber es ist da. … Es kann doch nicht so wichtig sein!?

Und: Es gibt doch so viel mehr, für das es sich auch zu leben lohnt. Das sollte sie doch wohl nicht alles aufgeben, um auf etwas so unverständliches zu bauen. Das ist nur ein kleiner Teil, der zwar wichtig und notwendig ist, aber da ist noch so viel mehr und sie kann doch nicht so viel aufgeben. Oder ist es wirklich so, wie sie sich manchmal fragt? Wartet sie eigentlich nur auf ihn, an dessen Seite sie sein kann; der bereit ist, den Schritt zu machen, den sie alleine nicht machen will? Wartet sie eigentlich nur darauf, dass sie gemeinsam so ein Leben führen? Will sie mit ihm den schweren Weg gehen? Viel grundsätzlicher: Ist sie bereit, zu erkennen, dass sie wertvoll ist?


Jemand

Fantastische Geschichten und Gedanken da draußen. Erstmal durch den Kopf gehen lassen, dann testen, dann … ja … Was dann? … Den Weltengedanken… Jemand schüttelt langsam den Kopf und fragt sich: … Was ist denn hier los?