Foto von Ethan Hoover auf Unsplash

Komm. … Komm!

Ich nehm’ dich mit.

Wohin?
Auf eine Reise in die Unterwelt.

In die Unterwelt, in der dich ein Strippenzieher gefangen hält.
Dich fallen lässt und zeigt,
was sich in den Tiefen dieser Welt — verborgen hält;
dich fühlen lässt, was nicht gefällt.

Und: et voilà — schon warst du da.
An einem Ort, der allein — nur für dich war;
es wird dir dort — wird dir gewahr,
was aus den Tiefen deine Angst gebar.

Dort unten fragst du dich:
Ist es, was notwendig ist?

Du hörst in dich:
Womöglich, was dort Innen frisst?

Du sprichst zu dir:
Jetzt nimmst du’s mir?

Es antwortet dir:
Du kannst noch mehr.

Und schmerzt es auch?
Dann lass es raus!
Stell dich ihm und leugne’s nicht.
Bring’ den Schatz zurück ans Licht.


Es war einmal ein kleiner Mann, den ein älterer Mann in einen Keller setzte. Er setzte ihn in den Keller seines Elternhauses, der, um zu verstehen, hier und jetzt, wieder sein Keller sein musste. Dazu machte ihn der ältere Mann fühlen; lies ihn, zwischen den kalten Holzregalen mit Lebensmitteln, Emotion werden. So sollte er verstehen. Um ihn herum nur sterile Wände und die feuchte Kälte alter Gemäuer.

Wir setzen in unsere Geschichte ein, als ihn der ältere Mann dort gerade den Unterschied zwischen Angst und Furcht fühlen lässt.


Die Angst war noch erträglich gewesen. Die Furcht… war grau. Sie war grau und weiße Fäden flimmerten darin. Dadurch wirkte sie heller als sie eigentlich war. Der kleine Mann wusste, dass er den Unterschied zwischen Angst und Furcht nicht kannte. Darum ging es auch gar nicht im Wesentlichen. Er ahnte auch, dass es nicht das Ziel des älteren Mannes war, dass er nach der Lektion diesen Unterschied explizit zum Ausdruck bringen können würde. Nein: Er lies es ihn fühlen. So wollte der ältere Mann dem Kleinen die Schrecken in sich selbst zeigen. So konnte er es ihm deutlicher machen. Doch: Das war hart. Hart für den kleinen Mann, aber er wusste auch, dass notwendig für ihn, weil er es doch verstehen wollte.

Der kleine Mann spürt, dass jemand — jene Kraft, die in diesem Augenblick von oben über seine Gefühle entscheidet — ihm den Unterschied zwischen Angst und Furcht durchleben lässt. Das Durchleben dessen gerade nicht in seiner Gewalt liegt und es einem Entdecken dient. So erklärt dieser jemand nicht, wie es ist, zu fühlen, sondern lässt es ihn unmittelbar erleben. Lässt es ihn sein und zeigt ihm so, wie man es fühlt.


Die Furcht ist grau. Sie flimmert vor seinen Augen. Ihm ist heiß.

Der kleine Mann weiß, dass er den Unterschied fühlen muss. Er muss es durchleben, um es zu lernen. Also hievt ihm der Strippenzieher eine Last auf die Schultern: die Schuld eines kleinen Mädchens. Lässt ihn jemand sein, der etwas Schreckliches getan hat; lässt ihn ein kleines Mädchen sein, das etwas Schreckliches getan hat. Das kleine Mädchen — wir werden dieses Mädchen noch auswählen — hatte ein Geschenk gestohlen. Ein Geschenk, das bereits für eine bestimmte Person ausgewählt gewesen war. Es hatte dieses Geschenk vor einiger Zeit — als er noch jünger gewesen war… vielleicht noch bevor das sein Keller gewesen war — aus einem nahe gelegenen Raum in diesem Keller gestohlen. Dort, wo heute alte Stofftiere stehen und damals schon alte Stofftiere gestanden hatten, hatte es nur darauf gewartet, geschenkt zu werden. Er glaubte, es vor seinem inneren Auge zu sehen, wie sich das Mädchen hatte strecken müssen, um das Geschenk von dort oben zwischen den Stofftieren zu sich hinunter zu ziehen. Er wusste, dass sie das Geschenk in vollem Bewusstsein darüber, dass es für eine bestimmte Person auserwählt war, aus diesem Keller gestohlen hatte. Er wusste auch, dass es jetzt trotzdem nicht verstand, warum es das getan hatte.

Dieses Geschenk wäre etwas ganz Besonderes gewesen. Nicht etwa, weil es so außergewöhnlich gewesen wäre, vielmehr weil es von großem persönlichen Wert für Schenker und Beschenkte sein sollte. Es wäre die Art von Geschenk gewesen, die man berührt, wenn man den Schenker vermisst. Es wäre wertvoll gewesen, weil es die beiden verbinden sollte.

Und: Es hatte es gestohlen.

Es war nun die Last des kleinen Mannes, sich wie dieses Mädchen zu fühlen. Nachdem es das getan hatte. Das sollte seine Lektion sein. Er sollte sie, welche das Geschenk gestohlen hatte, sein. Sie, die darum gewusst hatte, dass es falsch ist. Er sollte die Reue fühlen, die Angst entdeckt zu werden und das Wissen darum, etwas angerichtet zu haben, das er nicht einschätzen konnte. Die Furcht, dass es unumkehrbar sein könnte. Und: Er sollte die Verantwortung dafür tragen müssen. Die beklemmende Schwere auf seiner Brust fühlen.


Die graue Furcht flimmert vor seinen Augen. Er beginnt zu schwitzen. Die Furcht wird schmierig und verschwimmt. Aus ihr bilden sich Filmrahmen mit einer Vielzahl von Gesichtern… Gesichtern kleiner Mädchen.

 
Foto von Caleb Minear auf Unsplash

 

In einem Karussell fliegen die kleinen Kopfsequenzen — ein Gesicht nach dem anderen — vorbei und werden immer blasser, die Haare immer blonder, der Blick immer irrer und die Haut der kleinen, umherschwirrenden Mädchen aschfahl. Grau. Wie tot. Er spürt: Der Strippenzieher war gerade dabei, ein Gesicht für ihn auszuwählen, und er sah zu. Wusste um die Bedeutung und sah zu.

Der kleine Mann versucht, sich das Gesichterkarussell in die andere Richtung drehen zu lassen. Und: Hilflos muss er mit ansehen, wie es funktioniert. Der Filmrahmen dreht sich jetzt zurück, in die andere Richtung. Die Gesichter werden weniger aschfahl, die Haare dunkler, der Blick nicht weniger irr. Das Filmband fliegt über den Punkt hinaus, an dem wir einsetzten. So werden die Wangen immer belebter. Doch der Horror bleibt, die Gesichter werden immer puppenartiger. Alles wird noch intensiver und unechter. Rosige Wangen. … Sein Herz rast.

Jetzt wird es ihm zu viel. Er will erwachen; will, dass ihn der Strippenzieher gehen lässt; will ausreißen, aus dem Keller seiner Unterwelt und will— noch immer gefangen von der lähmenden Furcht — nach seiner Mutter rufen. Gelähmt, gibt er nur unartikulierte Laute von sich. Dennoch hört sie ihn. Sie kommt. Setzt sich langsam zu ihm, bleibt aber unfähig, ihn aus der lähmenden Furcht zu befreien. Doch langsam gewinnt er die Kontrolle zurück. Erst über seinen rechten Arm. Der Arm pulsiert und erwacht. Er will die Kontrolle über seinen Kopf zurück: Der Kopf erwacht.

Doch: Er selbst bleibt gefangen; bleibt gefangen in der Furcht des Strippenziehers. Im Grau. Bis er dann endlich erwachen könnte. Aber: Er wählt, noch nicht zu erwachen. Er weiß, dass er jetzt die Augen öffnen könnte und wach wäre. Doch: Er badet noch ein wenig in der Furcht. Schwitzt. Fühlt noch einmal die graue Furcht. Fühlt noch einmal, wie es ist, das aschfahle, schuldige Mädchen zu sein, und fühlt die letzten Sekunden in der Furcht. Schwitzt. Fühlt die Schuld; weiß, dass es ein Traum ist und fühlt die Angst… die Furcht… die Schuld. Bleibt im Traum. Denn es dient doch einem Entdecken. Die Schwere. Und: er musste es doch fühlen. Muss verstehen. Hier konnte er es fühlen. … Er muss es doch entdecken. Muss doch verstehen. Er will es doch verstehen. Verstehen…