Kurzgeschichte

Foto von Fernando Maté auf Unsplash

 

Ich möchte dich etwas fragen.

Schau:

Gestern, in der U-Bahn, da hat mich eine Frau angesprochen — sie hatte etwas Katzenartiges und eine Breze in einer Papiertüte in der Hand: 

“Gibt es denn sowas? Muss der Verkäufer in die Tüte fassen, wenn er davor das Geld in der Hand hatte? Kann er nicht… mit der Zange…” Sie sieht mich fragend an. “Haben Sie ihm denn gesagt, dass sie das nicht wollen? Vielleicht macht er es dann das nächste Mal anders.” 

Sie schaut mich kurz verdutzt an. Geht nicht darauf ein. Stellt sich vor und isst ihre Breze. Die ganze Fahrt über redet sie zusammenhanglos: von einem Erbe, das sie nicht angetreten hat… aber ihre Großmutter hat gesagt, dass das schon richtig so war; dass sie früher den Mund nicht aufbekommen hat, aber heute: da sagt sie ihre Meinung; dass die Welt früher anders war, sie auf dem Land aufgewachsen ist und heute, da spricht sie die Leute an. Verrät mir, dass sie — auch wenn sie weiß, dass sie nicht so aussieht — 48 ist. 

Aus ihrer Hosentasche lugt ein Dokument, um sie auszuweisen, und ein Schlüsselbund hervor. Die Situation irritiert mich ein wenig. Auch weil ich ohnehin schon aufgeregt war. 

Am Odeonsplatz steigt sie dann aber auch aus, lässt sich übermäßig Zeit dabei und achtet nicht darauf, dass andere Leute auch aus der und in die U-Bahn wollen. Ich war froh, dass ich heute einmal nicht am Odeonsplatz aussteigen musste. Ihre letzten Worte, rückwärts aus der U-Bahn gehend: “Du bist sehr nett. Sehr nett. Gibt nicht mehr viele so Leute. Sehr nett. Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder.” Ich hatte kaum ein Wort gesagt. 

So stieg sie strahlend aus; schien überglücklich; strahlte mich an — wie ein kleines Kind. 

Das muss ich dir alles aber gar nicht erzählen. Nur ein Augenblick und schon ist die Erinnerung geteilt. Ohne Worte mit mehr Gefühlen, mehr Stimmungen und fast allen Gedanken. Und… vielleicht ahnst du es jetzt schon.
Wahrscheinlich ahnst du es jetzt schon… was ich dich fragen möchte.

Ich möchte dich fragen: War das deine Mutter?
Du nickst.

Jetzt bist du gutmütig und hell. Ein wenig freust du dich, dass ich das gesehen habe; dass ich es vermutet hatte und deswegen nicht glaube, dass du eines Tages auch so sein wirst; dass ich vielmehr sehe, dass es auch eine andere Möglichkeit für dich gibt.

War das deine Mutter? Du nickst… sie war psychisch krank und aus der ärztlichen Behandlung ausgebrochen.

Die Stimmung ändert sich, weil ich doch ein wenig Angst davor habe, dass es so kommen wird. Die Stimmung kippt, weil es so kommen kann und du weißt ja auch, dass ich das befürchte… immerhin habe ich alle Gedanken mit dir geteilt… aber… wenn jetzt sogar ich schon Zweifel habe. … Ich darf doch nicht auch noch zweifeln. Aber es kann eben so kommen und… deswegen möchte ich dir ja auch etwas erzählen.
Da kommt… vielleicht hilft dir das… ich möchte dir etwas erzählen… eine Metapher?

Drei Fische. Noch schwimmen sie in einem Waschbecken.
Ich weiß: Man kann sie retten, wenn man will.

Ich trete die Reise in die Metapher an.
Möchte dich mitnehmen.
Entscheiden musst aber du.
Und du kommst mit.
Aber das reicht noch nicht.
Ich trete die Reise an und du stehst hinter mir am Waschbecken.

Die Fische sind noch jung, gerade kann man erkennen, welche Farben sie haben werden und mich fasziniert der weiße, fast transparente mit dem schwarzen Punkt am Kopf und dem roten Farbfleck an der Seite. Er wirkt so… lebendig, so wache Augen, als würde er mich bewusst wahrnehmen, mich betrachten, ein bisschen frech mit mir spielen, voller Vorfreude auf das Leben, intelligent, beseelt, gar nicht wie ein Fisch… er wäre doch… aber… auch wenn du einen anderen willst — wähl’ doch wenigstens einen, es muss ja nicht mal der sein…

Aber jetzt bist du anders. Ich höre dich nur aus der Ferne — deine dunkle Seite grinst in der Ferne: nur dein Gesicht… groß und kalt — ein Mond. Wie ein Mond lacht es von oben auf mich herab. Groß und kühl. Erst bist du noch hinter mir, dann schaust du von oben auf mich herab.

Du lachst über die kleinen Fische im Waschbecken und was ich in ihnen sehe; dass ich ihnen schon wieder eine Bedeutung beimesse — diesen drei kleinen Fischen in dem Waschbecken. Siehst zynisch darauf, was ich tue, dass ich dir helfen will; und, dass ich glaube, dass es Hilfe für dich geben kann.

Und da sehe ich schon die ersten Anzeichen von diesem hellen Blau.
Du belächelst mich. Und da sehe ich es schon kommen.

Ich versuch’ es dir verständlich zu machen.
Ich weiß’ ja auch, dass es nicht einfach ist; ich weiß’ doch auch, dass du in einer Situation feststeckst, die ich mir nicht ausmalen kann, dass ich das nie verstehen konnte… und dazu kommt noch, dass du die Veranlagung hast… das kann ich ja auch gar nicht bestreiteten… und du… du siehst es doch bei ihr… was dich erwartet. Jetzt glaubst du, es ist dein Schicksal, du kannst nichts dagegen tun, kämpfst gar nicht mehr dagegen… vielleicht hast du es nie getan… außer damals… kurz… da wolltest du es versuchen. Ich habe es gespürt. — Wie schön war das? Als ich gespürt habe, dass du es versuchen willst… das ist… je länger ich darüber nachdenken… ja… vielleicht ist es eine meiner schönsten Erinnerungen. — Aber jetzt…

Und ich sehe, dass es so sein wird… aber… es hätte doch auch anders kommen können.

Oder… bin ich… zu naiv? … Vielleicht… aber…
Du hättest gegen das, das dich steuern will, ankämpfen und gewinnen können und mit der Zeit… ja, mit der Zeit wär’s leichter dann geworden. Auch wenn es erstmal unmöglich scheint. Mit der Zeit wäre es leichter geworden.

Aber du versuchst es nicht einmal. Und so entfernt sich langsam der Stöpsel… Oh nein… Ich wollte dir doch zeigen, wie du ihm entkommen kannst… Habe ich auf den Stift gedrückt? Und dann ist es zu spät… du bist weg und alle drei Fischlein sind weg.

Das war’s dann wohl mit dir… der schöne transparente Fisch mit dem schwarzen Punkt. Was wohl aus ihm geworden wäre?

Ich sehe ins Waschbecken und da ist nur noch ein wenig Wasser, verunreinigt vom blauen Gemisch der Zahnpasta aus meinem Mund.