Link zum Auftakt der Serie: Hier.

Foto von Glen Carrie auf Unsplash

In dem brennenden Schwebezustand, bevor der Trotz einsetzte stellte sich mir die Frage: “War das vielleicht eine Wahrheit, die ich sonst – verblendet – nicht sah? War ich – wenn man mal all den Schein wegschabte – wirklich so wenig, wie ich es als die Burg – von einem einzelnen Tropfen ihrer Brüchigkeit bewusst gemacht – , empfand?”

Diese Frage lies mich in schlechter Stimmung mehr hinterfragen und so tat dann auch ein Resümee der letzten Monate und Jahre sein übriges dazu. Startend von einer sehr guten Ausgangsposition (Familiäre Unterstützung, Bildung, Gesundheit, wohl zumindest nicht ganz dumm, vielleicht sogar die eine oder andere Begabung und Leidenschaft), wodurch ich es nun wirklich leicht hatte ein lebenswertes Leben zu führen, sah ich zudem in mir Potenzial, das ich zu möglichst großen Teilen verwirklichen wollte. Tat ich, wobei ich glaubte etwas von mir zu geben und etwas zu tun, dass nur ich auf diese Weise konnte und so mein Potenzial zu erfüllen – hauptsächlich beim Schreiben – , empfand ich sowas wie Sinn. Das war toll. Und deswegen wollte ich mein Potenzial erfüllen. Gerade vor dem Hintergrund dieser Ausgangslage sah ich es aber sogar als schlimme Sünde, es verkommen zu lassen. [Die protestantische Arbeitsethik, habe ich eigentlich noch nicht gelesen… lässt trotzdem bereits grüßen.]

Das eher düst’re Resümee, das mich wie einen absoluten Verlierer fühlen ließ, sah dann wie folgt aus:

  • In Praktika hatte ich bisher nur herausgefunden, was ich nicht tun wollte;
  • Mein Master ging erst in drei Monaten weiter und für danach war meine Idee für die kommenden Jahre vom mit einigen Freunden geteilten und (vor mir selbst) laut herausposaunten “die erste Millionen bis 2021” zu “erstmal genug verdienen, um mein Leben (wieder) vollkommen selbst zu finanzieren und nebenher Philosophie studieren” ja wohl arg geschrumpft. Ich hatte mir gerade das weitere Studium natürlich als ‘langfristig kluge Entscheidung’ leicht schönreden können, aber Stimmen, dass ich meinen Drive, etwas Großes vollbringen zu wollen, verloren hatte, wurden immer lauter in mir: “Jetzt nehmen wir doch mal eine neutrale Perspektive ein: Du bist doch einfach nur faul geworden. Deine Ambitionen sind halt kleiner geworden. Meditier’ noch ein wenig, beruhig’ dich und akzeptier’ es einfach, mein kleiner Sonnenschein-Buddha. Versuch’ dich nicht mit irgendwelchen “Aber auf lange Frist!“- oder “Es ist doch viel wertvoller, dass […]“-Geschichten da irgendwie heraus zu argumentieren. Du merkst doch selbst, wie lächerlich das ist… du bist.”
  • Die Gedanken kamen wohl auch daher, dass ich, wo ich mich wirklich einbrachte, meine Energie meist für Dinge aufwendete, die für Außenstehende einfach vollkommen sinnlos und zum Scheitern verdammt scheinen mussten – schlimmer: ich sah das, wusste darum und an schlechten Tagen schien es mir ja auch so;
  • Außerdem hatte ich Tendenzen in mir gefunden, die jeglichen stärkeren Drive in sich und wenn man ihn in anderen antraf, wie mein Lebensziel “erste Millionen bis 2021“, als etwas Naives, Unreflektiertes, aus einem zu stark vereinfachendem und unerfahrenem Weltbild und Wertesystem Entstandenes zynisch belächelten.
    • Zwei Anmerkungen hierzu sind mir wichtig:
      • Erstens sind das nur Tendenzen, weder bin ich zynisch, noch will ich das jemals werden (klar: Das wollten anfangs wohl nur wenige, derjenigen, die es dann werden. Aber: Ich glaube auch, dass ich es schaffe, nicht zynisch zu werden.);
      • Zweitens denke ich, dass das eine Phase ist, in der man zwar verloren gehen kann, sodass sie zu einem Endstadium wird, die als Entwicklungsstufe vielleicht aber auch notwendig ist, die es zu überschreiten gilt, um naives, unreflektiertes Wollen von einem ernsten, beständigen und durchdachteren unterscheiden zu lernen.
  • In Russland hatte ich mich kein bisschen um mein eigenes Geld gekümmert, sondern mich im Zweifel auf Reserven, im Wesentlichen dann aber auf die Unterstützung meiner Mutter verlassen. Dort hatte ich die Zeit verbracht, wissend, dass ich dann erstmal drei Monate frei haben werde bis mein Studium wieder begann. Für diese Zeit hatte ich mir weder Job noch Wohnung besorgt; mich darauf ausgeruht, mich im Juli bei einer Wohnraumvermittlung beworben zu haben, die doch wohl bis April des nächsten Jahres eine Wohnung haben würde. In der Meinung, indem ich die Zeit als “Übergangs-“Monate betrachten würde, könnte ich danach (auch ohne eigene Wohnung) zufrieden sein, mich Büchern und dem Schreiben zu widmen. … Falsch gedacht. Wie sehr mich das belasten würde, wieder zuhause zu wohnen, hatte ich gewaltig unterschätzt.
  • Anfangs wusste ich weder, wohin ich denn überhaupt Bewerbungen schreiben wollte, um einen interessanten Nebenjob für das kommende Semester zu finden, und wann eine der besagten Wohnungen frei würde, stand in den Sternen. Womöglich erst in sechs Monaten. [Im Endeffekt würde ich schon nach guten drei Wochen, von einer Freundin die erste Übergangswohnung in der Stadt haben und mittlerweile bin ich auch mindestens für das kommende Semester wohnungstechnisch versorgt, aber in dem Moment wusste ich das natürlich alles nicht, es erschien mir zudem vor dem Hintergrund bald ja vielleicht schon ein gutes Angebot für eine Wohnung (bezahlbar und in der unmittelbaren Uninähe) zu erhalten auch verschwendete Zeit, jetzt groß auf die Suche zu gehen. Ich sah mich nicht in der Lage, mich dazu zu motivieren, diese Zeit dennoch zu investieren, zudem war es beim Münchner Wohnungsmarkt dann doch ohnehin unwahrscheinlich, dass sich da noch schnell etwas ändern würde. All das waren jetzt natürlich nur Kleinigkeiten, aber mit diesem kleinen Tropfen vom letzten Teil war eben alle Zuversicht, dass ich daran doch etwas ändern könnte, wie weggefegt. Auf einmal sah alles schrecklich aus.]

Aus all dem zog ich ein Fazit: In den letzten Jahren war irgendetwas verloren gegangen. Und noch schlimmer: Was war das denn bitte für ein Trend? Wo sollte das noch hinführen?

Mit den Gedanken saß ich herum und so kehrte er zurück: 

Der erbärmliche Teil von mir. Der Wurm. 


Foto von David Clode auf Unsplash – habe es bearbeitet.

Der erbärmliche Teil von mir. Der Wurm und Wächter. Das Hässliche, was da unten wacht.

[Anmerkung:
Sollte sich jetzt jemand denken: “Also gibt es doch einen Schutzmechanismus dort unten.”:
Nein, ich glaube, das geht in Ordnung, weil es kein künstlicher Mechanismus, sondern ein lebendiger Organismus und Teil von mir ist.
(Aber: gut aufgepasst.)]

Also nochmal: So kehrte er zurück. Der erbärmliche Teil von mir. Der Wurm und Wächter.

Spätestens, wenn ihm die Bedrohungen um ihn zu viel werden, kommt er hervor. Dann kann er mit jedem noch so kleinen, vorgeschobenen Anlass den ganzen Organismus in Panik versetzen. Und so hasse ich ihn, wenn er nichts tut, als Panik zu verbreiten. So hasse ich ihn, als destruktive Panik, nicht konstruktive Kraft.

In dem Moment fühlte ich mich klein, schwach und kindlich. Und schon während ich mich so fühle, ekle ich mich vor mir selbst. Nicht wie vor dem bedürftigen, nach Liebe lechzenden Wesen, das mich zuvor noch abstieß, sondern wie vor meinem 35 jährigen Muttersöhnchen-Ich. 

Und obwohl in dem Ekel, etwas Abstoßendes liegt, das doch einiges an Energie innehat, fehlte mir konstruktive Energie, Kraft. Der Organismus ist in Panik. Und zu verdanken habe ich diese dem (gerade nicht Wächter-, sondern) Mitesser-Wurm, der nun so lange ungesehen, unbeachtet und faul sein Leben fristete – schlief; sich von Vergangenem und dem Autopiloten “Genug.” nährte. 

Bis er – wie beschrieben – zunächst wieder sanft geneckt, dann geweckt, später aufgewühlt wurde.

Als ich ihn dann aber wieder in mir spürte – irgendwie vertraut, aber dann hatten wir jetzt doch auch wieder über längere Zeit wenig bis keinen Kontakt gehabt – war ich zunächst ein wenig verwundert über die numinose, konstruktive Kraft, die mit ihm einhergeht, und da wurde mir bewusst: Ich brauche ihn. Er muss auch mit mir wachsen, er muss Unruhe stiften können, muss seiner Panik entwachsen und wieder Wille werden, Kraft spenden. Er kann das. 

Sei es über den Trotz, den Stolz oder welches Mittel er sich auch dazu findet; es scheint auch Liebe sein zu können, dann soll es Liebe sein – aber, was es auch immer ist, ich brauche ihn. 

Ich weiß: Er kann mehr als nur Panik hervorrufen. Er ist gleichzeitig zutiefst faul und ungeheuer kräftig mit genau dem Teil des Fleißes, der mir oft zu schwach in mir ist. Er ist gleichzeitig zutiefst faul, verabscheut aber auch die Faulheit, die in Routinen liegt, die Faulheit, wie sie im Abhaken von To-Do-Listen liegt, die auch viel “erreichen” kann… aber genau das wirft er ihr vor: obwohl sie auch mächtig, ist es eben nur ein “Erreichen”, ein Sich-nach-niedrig-hängenden-Früchten strecken. Er belächelt mich (zurecht) süffisant von oben herab, für diesen Teil des falschen Fleißes, der so stark in mir ist, welcher teils nur versteckte Faulheit und Ablenkung ist. Weist mich zurecht, denn: wenn er etwas tut, dann verändert er – wenn er etwas tut, dann tut sich etwas. Dann ändert das etwas an der Substanz der Sache.

Er ist Macher.

Das ist dann kraftvoll, echt fleißig – nicht immer mit einem Ziel, neben das man einen Haken setzen kann versehen, aber dafür mit einem Zweck. Er steckt voller Entelechie, die Routinen oft verloren geht, weil sie, obwohl zunächst mit solcher angerichtet, dann eben doch zu wenig lebendig sind, um wirklich von ihr durchdrungen fortleben zu können. Er, der Wächter, ist lebendig. Und er soll wieder in mir und mit mir arbeiten; mir sogar ein wenig auf die Finger sehen.

Und: Er braucht viele Gründe, die kann ich liefern, aber er braucht eben auch einen Anlass… Das ist schwerer. Das ist was durch mein Zurückziehen aus jenen bedrohlichen Situationen fehlte.

Aber er muss wieder leben, arbeiten und auch mal Unruhe stiften.

Sonst wird zu vieles egal; die Aufgaben, die ich mir stelle, wachsen nicht (schnell genug), es kommen keine echt neuen hinzu. Man sollte meinen, es wäre schön. Das ist es aber nicht. Denn dann kommt der beschriebene, viel langsamere, destruktivere, grausame Lebensekel; diese schleppende, auszehrende Krankheit, die aus dem Genug erwächst; wenn ich nicht wachse. Auch ihn, kann ich am ehesten als Wurm darstellen, als eine andere Art von Wurm: ein reiner Parasit. Dick, lang und weiß, keine Stacheln, keine Empfindungen, nur schleimig; er zieht seine Bahnen unter der Haut, keine Augen, nur eine Mundöffnung. Lebendig und doch kein Leben in sich. Er kann mir nichts geben, nimmt nur.

Nein. Bevor ich mich weiter von ihm, dem Parasit, zugrunde richten lassen, soll mein Wächter-Wurm lieber wieder brennen, diesen anderen Wurm, die Krankheit ausbrennen. Und wenn er es als kleiner erbärmlicher Bastard tun muss, dann soll er so um sein Leben kämpfen. 

Denn das ist seine Stärke: der Lebenswille, er ist nicht der beste darin, von sich aus leben zu wollen; er ist anfällig für die leisen Gefahren, aber er will nicht sterben, der Manchmal-Mickrige, der so viel mehr sein kann.

Und steht er erstmal wieder in Flammen, dann kämpft er auch endlich wieder; auch wenn er erstmal nur blind um sich schlägt; irgendwann – der Landeanflug zur Verzweiflung – wird aus dem kleinem Wurm ein richtiger Drachen mit Schuppen, Stacheln und – *siehe da!* – Feueratem, den es sich zu bändigen lohnt. 

Er muss seiner Panik entwachsen und seinen Atem bändigen. Ihn kontrolliert einsetzen und üben. 

Und, ein wenig enttäuscht, frage ich mich: Muss er dafür echt erst wieder schmerzhaft, brennend in Flammen stehen? Muss da erst wieder eine äußere, unkontrollierbare Energie kommen?
Ja… in gewisser Weise. Ich dachte, ich könnte mir selbst genug sein, um ihn zum Kämpfen zu bringen, aber: ich kann es nicht. Dafür bin ich mir dann (für den ein oder anderen vielleicht: überraschenderweise) doch nicht wichtig genug. 

Ich würde jetzt ja gerne “schade eigentlich” schreiben, aber… das finde ich gar nicht. Schön ist das. Gut ist das, dass ich darauf angewiesen bin. 

Will ich nur für mich leben, schiebe ich nur etwas vor: Beschäftigung. Innerlich wird es zu lethargisch. Da sind dann keine Regungen mehr, nur noch oberflächliche Verschiebungen.

Nein… nur für mich kann ich es nicht, das ist gegen meine Natur. Eine Lehre der letzten Jahre. Vielleicht können andere das (besser). Ich nicht. Ich kann nicht nur für mich kämpfen.

Gibt es für den Wurm aber einen Grund zu kämpfen, brennt es wieder in mir, haben wir dann beide ein Ziel, die Schritte dorthin ausgehandelt und uns bewusst gemacht, dann kann das Brennen (sein und unser Brennen) einer schönen, kräftigen Entschlossenheit weichen; dann kann er sich mit mir in die Lüfte heben und wir können gemeinsam aufbrechen.

Oft musste ich mit ansehen, wie diese schöne Entschlossenheit und dieser gemeinsame Flug aus einer Zurückweisung oder aus den Zweifeln anderer kamen. In den letzten Wochen hatte ich aber auch gelernt, dass das nicht der Fall sein muss; es braucht etwas Externes, aber das muss nicht Zurückweisung und Zweifel sein. 


Na dann, mein Wächter: So oder so… es soll jetzt wieder brennen, du wirst jetzt wieder brennen… und fliegen. Genieß’ es, lern’ es zu schätzen und mit mir zu leben. So oder so… du wirst jetzt wieder brennen… wir werden es tun.
Ich sage: Auf, dass wir gemeinsam fliegen.

Foto von Quentin Dr auf Unsplash

Link zum VII. Teil: Hier.