Link zum Auftakt der Serie: Hier.

Foto von Thomas Martinsen auf Unsplash

(Letzter Teil. )

In den Selbstbetrachtungen, in den wirklichen Ereignissen, sind wir aber noch gar nicht zu dieser kräftigen Entschlossenheit gekommen. Ich habe schon vorgegriffen, muss nochmal zurück. Es tut mir leid. Passt aber ja ganz gut, dass wir jetzt, um zum Ende zu kommen, noch einmal zurück zum Anfang gehen.

(Ist hier jetzt aber bitte kein Stilmittel. Das hat sich einfach so ergeben.)

Begonnen hatte alles unmittelbar vor der Zugfahrt. Wo in den Tagen und Wochen zuvor noch alles in mir am Brennen war; wo ich noch den Leergang beschrieben hatte, weil ich nichts tun konnte.

Und es brannte, weil ich wiedereinmal spürte, wie sich jemand innerlich verabschiedete, eine Barriere aufbaute oder selbst etwas niederkämpfte. Vielleicht bilde ich mir das nur ein, aber mittlerweile denke ich wirklich: Ich spüre das, wenn etwas an so einer Verbindung nagt. 

Zumindest etwas, das ich von dem ganzen In-mich-Hören gelernt habe, aber was mir das bringen soll, weiß ich auch nicht. Ich weiß nur, dass es mir so scheint als würde ich es spüren. 

Das Mal zuvor war es eine Melancholie, diesmal dieses intensive Brennen, das mich über Tage begleitete. Und davor? Ich glaube, davor war es eine innere Zerrissenheit, wie sie sie auch in sich gekannt hatte. Und davor? Davor… war ich noch zu jung, da konnte ich mir keine Begriffe bilden… ungerecht… vielleicht war es davor ein Ungerechtigkeitsempfinden. 

Aber warum? Warum die Unterschiede? Warum war es diesmal ein Brennen? Das letzte Mal eine Melancholie? Wodurch wird bestimmt, wie es sich zeigt? Geht das von ihnen aus? Von mir? Oder allein von dem zwischen uns? Was bestimmt es? 

Das sind Fragen für ein andermal, jetzt kommen wir aber erstmal zum Auslöser, der so unglaublich trivial ist… dass ich mich vielleicht für all das, was ich dann daraus machte,  schämen  sollte. Jetzt sind wir chronologisch ganz kurz vor dem Punkt, an dem wir eingestiegen sind. Bei einer Whatsapp-Nachricht. Kurz vor dem:  

“Ich sitze im Zug, beobachte mich selbst. In mir brodelt es.”

Später werde ich schreiben: 

“Ist dir klar, was du damit gesagt hast?” 

Ich glaube, es war ihr nicht klar gewesen, aber auch wenn sie ihre Nachricht um einen logischen Schritt verschlüsselt hatte, hatte sie doch genau da gesagt: dass ich mindestens nicht gut genug und, obwohl sie das offen ließ, wohl auch nicht klug genug für sie war.

Ich sah es, sagte es zu mir selbst und fühlte erst einmal: nichts. Nach einer kurzen Weile war in mir dann ein leises: “Nein.” 

Ein leises: “Nein, das kaufe ich ihr nicht ab.”, aber damit, dass sie es sagte, hatte sich eine Veränderung vollzogen. Vielleicht ist das auch nur meine verwöhnte, narzisstische Einzelkind-Seite, die sich dann wieder meldet, die das dann zutiefst kränkt und es nicht akzeptieren kann. 

Ich war ihr nicht gut genug. So ein einfacher Satz, den ich nur dachte und der dann leise in mir widerhallte. Ein riesiger, leerer Tunnel mit hohen Wänden.

Er sollte mir nicht so viel ausmachen… aber er traf mich eben in der dramatischen Welt, die ich vorhin beschrieben habe – dort unten: in der Welt, mit der ich, brennend wie ich die letzten Tage gewesen war, in Verbindung gestanden hatte. 

Wie auch immer was geschrieben wurde gemeint war, dieser Satz löste viel in mir aus. 
Mit Lesen dieser Nachricht legte sich ein Schalter bei mir um. In Zeitlupe zwar, aber er legte sich um. All das dauerte vielleicht ein paar wenige Stunden. 

Erstmal las ich nur die Nachricht, antwortete nicht, verließ ihren Chat, schob mein Handy wieder in die Hosentasche und ging weiter in Richtung Hauptbahnhof. Nachdenklich. Fragte mich, wie lange ich warten sollte, um eine erwachsene Antwort geben zu können; ich spürte schon: Ich sollte besser nicht sofort reagieren – erstmal ausklinken, runterkommen. 

Ich ging weiter und ich merkte fast überrascht, dass es mir nicht schlecht ging. Es brodelte nur, aber mir ging es nicht schlecht. Es war ein außerordentliches Gefühl. (Ich tadelte mich für den Impuls, es niederschreiben zu wollen und freute mich gleichzeitig darauf.) Ich war nicht niedergeschlagen, vielleicht nur endlich mal wieder wach gerüttelt. Nach und nach beschloss ich (und machte es so zu meiner Realität): ich wurde gerade nur endlich wieder wachgerüttelt. Es fühlte sich seltsam an. Aus dem niederdrückenden, ablenkenden Brennen wurde zunächst ein aktives, fokussierteres, gleichermaßen aber auch nachdenkliches Brennen. Später Schaudern. 

Als nächstes stieg ich in den Zug und beobachtete meine Gefühle und Gedanken dabei genau. Schrieb sie auf. 

Zunächst versuchte ich, was ich gerade zu hören bekommen hatte, in meine Lebensgeschichte einzuordnen. Kenne ich das Gefühl nicht schon irgendwoher? Ich war wieder Kind / Jugendlicher. Ich entschuldige mich für die Ausdrucksweise, aber ich werde versuchen nahe am Original zu bleiben und habe vorhin schon beschrieben, warum dieses Jugendlich-Kindlich-Trotzige für mich nötig war.

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“Mir haben schon viele Leute gesagt, dass ich nicht gut oder klug genug für sie oder etwas bin. Noch habe ich sie danach alle gef*ckt, noch habe ich es immer bewiesen, dass sie nie auch nur eine Schimmer hatten, wie gut ich sein kann, wenn ich will.”

Als nächstes folgt, was ich daraus jetzt machen will. 
Hier spiele ich darauf an, dass ich schon die Tage und Wochen zuvor gemerkt habe, dass ich sowohl auf eine schöne, als auch auf eine unschöne Weise Kraft und abhandengekommene Entschlossenheit ziehen kann.

“Wie immer das jetzt auch weitergeht, jetzt bringe ich es [gemeint ist damit “mein Game”] auf das nächste Level. 
Ich bin gerade nicht traurig, nur entschlossen. Vielleicht ist es gut, vielleicht habe ich diesen Schlag ins Gesicht endlich mal wieder gebraucht. Jetzt wache ich endlich wieder auf. 

Damals haben sie mich alle unterschätzt. Immer. Und sie wohl  [mit dem “wohl” klammere ich mich noch immer daran fest, dass es vielleicht nicht so gemeint war, wie ich es interpretierte] jetzt auch. … Nur eine mehr. Weil ich ehrlich zu ihr war; weil ich bewusst versuche mich nicht besser darzustellen als ich bin, wenn ich versuche jemanden wirklich zu zeigen, wer ich bin; weil ich bewusst versuche wenig zu prahlen und weil ich genau weiß, dass man mich in einem ersten Kennenlernen besser wahrnimmt als ich bin; ich auch meine Fehler habe. 

Ich hatte diese Fehler immer, werde auch immer Fehler haben und daraus werde ich kein Geheimnis machen. … Nicht vor den Menschen, die mir wichtig sind.  

Aber weder hat sie, noch hatten sie damals irgendeine Ahnung, welche Kraft ich in mir habe, wenn ich etwas will, wirklich will. Sie verstehen schon nicht, was los ist, wenn ich mal nur ein wenig will – schon dann kommt da nur noch: “oh wow…”; aber wenn man wirklich Willen in mir weckt und sei es mittels dieses Trotz, dann verstehen sie die Welt nicht mehr und ich kann endlich wieder ich sein, endlich wieder diese Kraft einsetzen. 

Warum habe ich damit aufgehört? Warum habe ich sie nicht mehr weiter verwendet, besser zu werden? Warum braucht es dazu nur immer wieder das?! Was bin ich nur für ein Idiot? 

Aber nein! Ich darf eins nicht vergessen: diese eine beste Erfahrung der letzten Jahren aus den letzten Wochen. Etwas war neu. Zunächst hatte sie mir auch etwas Neues gezeigt. Dass man den Willen, sogar ein wenig den Trotz auch schön wecken kann. In einem Spiel – als eine Herausforderung. Weil sie eine von denen war, die an die Wurzel konnte, verletzen konnte, konnte sie mich auch dort kitzeln. Etwas in mir wecken, in Flammen setzen und kämpfen lassen – ohne die Panik. 

Das darf ich nicht vergessen. Wehe, du vergisst das! Das ist die schöne Erkenntnis, die du daraus ziehen musst! Vergiss das nicht! Bitte, Marco, vergiss das nicht. 



Aber so… wurde es jetzt doch anders. So geht es auch. Ist dann nur nicht schön. 

Aber ich darf diese Lektion nicht vergessen: Es geht auch schön.”

Dann springe ich wieder zu einer Beschreibung der Situation. 

“Und mit diesen Gedanken sitze ich jetzt im Zug, die Tränen drücken gegen die Augen, aber ich bin nur sauer und entschlossen. Sie drücken trotzdem.

Es ist nur eine Person mehr, die am Ende dastehen wird und große Augen machen. Nur eine mehr.”

In Gedanken wiederhole ich das “Nur eine mehr; nur eine mehr.” immer wieder.

Dann meldet sich die Kraft in mir stärker. Ich grüße sie. 

“Hallo, willkommen zurück. Da bist du ja wieder. Du willst mich jetzt also auf das nächste Level bringen? Hallo. Danke, ja … das machen wir.
Schön. Hallo, ja, endlich brennst du wieder in mir. 
Du brennst und brennst, wie schön, dass du wieder da bist.   
Hallo. Willkommen zurück! Hah. 

Jetzt: drücken die Tränen zu stark. (Fast vor Glück, dass ich wieder ich bin, aber klar, ein wenig Trauer ist auch dabei. Witzig, wie sich das verbinden kann.)

Und auch der Gedanke daran, dass mir die Tränen gleich die Augen runterlaufen würden, stört mich nicht. Ich würde nicht schluchzen. (Ich bin nicht in der Stimmung zu schluchzen. Ich fühlte mich gerade auch nicht schwach oder weich. Nein, so schön hart, wie lange nicht mehr. Trotzdem: Fast nichts davon drang nach außen, alles spielt sich innerlich ab. In meinem Gesicht gibt es keine Regung; nur der Kiefer ist nicht wirklich entspannt. Sonst schaue ich aber einfach stumm aus dem Fenster, starre dann wieder auf die Seiten meines kleinen Journals. Die Tränen würden jetzt nur stumm aus den Augen laufen. Das würde mich nicht stören.) Trotzdem drücke ich die Augen zu.”

Ich notiere weiter: “Der Druck geht zurück.”, kommentiere dazu: “Fast schade – es hatte sich gut angefühlt.”

Ich kehre zur Kraft zurück; mache mir über die unmittelbare Zukunft Gedanken; die konkreten Schritte heute und in den nächsten Tagen, fasse einen Entschluss. 

“Schön, dich wiederzuhaben, Kraft.   
Ich muss dich jetzt nur kanalisieren; gezielt einsetzen – mit System, nicht nur drauflosstürmen. Ich werde heute keine alles zerstörende Einheit im Fitnessstudio einlegen, sondern meinen 5er Split konzentriert weiter durchziehen. Heute werden nur Arme trainiert. Die mit voller Kraft, aber konzentriert.

Es heißt jetzt einen Schritt nach dem anderen. Die Schritte bleiben die gleichen, ich werde sie nur mit mehr Nachdruck gehen, endlich wieder entschlossener gehen, auf dem Weg weiter reflektieren, aber: endlich wieder entschlossener gehen; vielleicht nur ein wenig schneller gehen… und weiter gehen. 

Trotzdem – mein Kierkegaard  [das Buch, das ich gerade las und mir ohnehin nicht sonderlich gefiel “Der Begriff Angst”] wird jetzt erstmal aufgeschoben, das ist gerade nicht, was ich brauche. Ich will jetzt wieder zurück ins Leben, das war jetzt genug fast so lethargisches wie ledigliches Denken. Zu meinen Gedanken kehre ich ohnehin wieder zurück, aber jetzt gibt es etwas zu tun, jetzt gilt es im echten Leben weiterzukommen.”

Dann wiederhole ich die Schritte, die ich vor habe zu gehen, füge einen hinzu und werde mir einer Notwendigkeit währenddessen bewusst. 
Einen Tag später notiere ich es dann zum ersten Mal in der Form, in der ich es hier jetzt beschrieben habe: 

“Das Brennen schwillt ab; weicht in eine schöne Entschlossenheit. —
Hallo, liebe Kraft, da bist du ja wieder. Willkommen zurück. Ich habe mich lange nicht mehr so gut gefühlt.”

Tschüss: Lebensekel, Lethargie und Lappigkeit. Jetzt bin ich wieder an der Reihe. 

Danke.”

ENDE

Foto von Thomas Martinsen auf Unsplash

Fazit:

 1) Will ich ein ewiges “egal.” für das Brennen eintauschen? Nein. Auf keinen Fall. Ich will mich wieder mehr Erfahrungen aussetzen. 

 2) Brauche ich jemanden, der zur dramatisch, verletzlichen Wurzel durchdringen kann? Ja. Das bewegt mich. 

3) Vergiss das Schöne nicht. 

4) Eine Aufgabe erkannt: die Weichen umstellen, das eigene Schicksal nicht zu wiederholen, sondern es selbst zu formen; auch wenn es viel Glück und Schmerz bedarf.

5) Der Wurm soll brennen. Brenn’, Wurm, brenn’. Brenn’ und kämpf’. Kämpf’ für jemanden und etwas, üb’ dich und lass mich wachsen, sonst werde ich uns wieder und wieder als den Erbärmlichen, der wir dann sind, um unser Leben kämpfen lassen. Du wirst brennen. Such’ dir also etwas, wofür du brennen willst. Ich rate dir: Entwachse deiner Panik und brenne als Wille. Denn so ist es besser; alles ist besser als, dass wir in deinem Schlafen und Welzen dem schleimigen Parasiten: Lebensekel, das Feld überlassen. Brenn’ Wurm, brenn’. Brenn’ und kämpf’. Endlich wieder. Brenn’.

Wir sind zurück.