Ton Ton Ton Ton Ton*

Foto von Nick Fewings
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Vor jetzt schon einiger Zeit (seitdem ist viel passiert) stand ich vor einem Karton (ich hatte ihn beim allgemeinen Herumstöbern als Vorbereitung für unsere Reise gefunden) und heraus kam eine zunächst leise, dann aber doch immer drängender werdende Stimme. 


Ich will nicht mehr. 

Ich finde keinen Sinn (mehr) in diesem, meinem Leben. Und ich schaff’ es auch nicht künstlich einen aufzustellen, indem ich für irgendeinen arbiträren Sachverhalt dann auf einmal brenne. En-Tre-Brenn-Eur. Es werden wieder Unternehmen gegründet. Ich kann das leider einfach nicht mehr ernst nehmen. 

Richtig: Aus mir spricht der Neid. Recht hast du, ich hätte sowas wohl gerne, habe aber nichts, dass mir wichtig genug wäre, um dafür ein Unternehmen aufzubauen. 

Tja. So ist das. Und ich seh’ auch nicht, dass ich so etwas finden könnte. Wo soll ich den Ernst denn auch hernehmen?, wissend, dass ich nur eine von zigtausend high-performenden Vollwürsten bin, die dann dem neuen “ich mach’ mein eigenes Business”-Trend hinterherlaufen? 

Nichts gegen die Würste: Die machen wenigstens was. Sind mir noch die liebsten. Ich würst’s ja gern. 

… , lieber als die meisten anderen Sonstwie-Weltretter und Veganer. Und all die nochmal anderen sind ja eh** Verbrecher oder Geisteskranke, nicht? Aber ich kann es einfach nicht. Dafür — keine Ahnung — zweifle ich mittlerweile zu sehr an… Dingen und außerdem fehlt mir die Begeisterung, die notwendig wäre um irgendetwas umzusetzen. Ich soll mich also für Biochemie begeistern können, weil ich weiß, dass man damit neue, alzheimerheilende Ernährungsformen entdecken könnte? Recht hast du! Das sollte ich. Ich kann’s aber nicht. Und jetzt?

Na, dann soll ich wenigstens für mein “Manuskript” brennen?, weil Schreiben doch so toll sein kann?, ja? Kann ich aber nicht. Es ist scheiße. Das Manuskript, nicht das Schreiben. Niemand wird das lesen. Weder ist es spannend, noch steckt irgendwas Neues darin. Es ist dreckslangweilig, viel zu ausufernd, nicht konsistent und ich weiß auch nicht, wie ich weitermachen soll. 

Ja, verdammt!: Manchmal macht Schreiben Spaß, aber: 

81% aller Menschen würden gerne ein Buch schreiben. Nur 10% tun es wirklich” 

… Zehn fucking Prozent tun es wirklich! Ich bin doch nicht zehn Prozent! Zehn Pro-Zent!… aller! Menschen.

98% der Manuskripte, die an Verlage und Agenten geschickt werden, werden abgelehnt.” 

Was in meinem Fall bedeutet, dass es mit einer Wahrscheinlichkeit von (grobe Schätzung) etwa 102% abgelehnt wird. Aber: 

 “Es gibt einfache Schritte, mit denen Sie die besten Chancen darauf haben, dass Ihr Text zu den 2% gehört, die letztlich veröffentlicht werden.” 

Zwei Prozent… und dann ist damit ja noch nicht mal wirklich Geld verdient! Dann hat man ein Buch geschrieben, es wurde veröffentlicht und was hat man damit erreicht? Nichts. Dann ist man ein Autor, ein brotloser Künstler, ein armer Schlucker. 

Wie soll man so denn bitte irgendwann 
(✩.✩ — hello dear, I have been waiting for you A-L-L my life
irgendwem 
(<3.<3 —  the eyes of love have fallen for someone again
zumindest irgendwas 
($.$ —classy Senior-Business-Consultant-Neuwagen-Charme
bieten können? Dann macht man zumindest irgendwas 
(✎ .✎ — passionate-leidenschaftlicher, the-fire-of-life Schreiberling)
, das hin und wieder irgendwie 
(?.? — schwummrig mystische Australien-Aussteigeraura
sowas wie Sinn empfinden lässt. 

Aber eigentlich dreht man sich dann doch wieder nur um seine eigene Welt. Na, endlich! ist’s geschafft: er hat sie, seine eigene Welt —  nichts störendes nicht-ichiges mehr in ihr, das da irgendwas durcheinander bringen oder überraschen könnte!— …. um die [und so unfassbar und (un)erschreckend wenig sonst] drehe ich mich doch auch so schon. Richtig erkannt, mein Lieber.

Meinen Körper, meine Welt und mich, wenn es hochkommt noch um die eine oder andere Frau — that’s it: My life in sixteen words. Autobiografie: Check. Mehr braucht’s dafür nicht. 

Jetzt gehör’ ich quasi schon zu den 10, nicht mal nur 81%. Juhe. (In mir steigt der Verdacht auf, dass das in Wirklichkeit 80% gewesen wären, aber 81% geschrieben wurden, weil 81 so schön präzise, wissenschaftlich, wahrheitsgemäß klingt. 80% aller Menschen wären auf jeden Fall auch vertretbar gewesen — ist ja eh nur eine Schätzung. Ich wurde nämlich nicht befragt. Wahrscheinlich war’s ne Umfrage. In der Redaktion. Mit Handzeichen. Unter Alkoholeinfluss. Die 81% werden mir immer suspekter.)

Man soll doch etwas finden, für das man brennt. Damit man Teil von diesen blonden Lifestyle-Patagonia-Typen sein kann, die Sinn in ihrer Arbeit sehen und sich moralisch überlegen fühlen. Und da passt’s dann eben nur gut rein, dass das grade auch ein boomender Markt ist, sich schick im LinkedIn-Profil macht und gesamtgesellschaftliche Erwartungen erfüllt. 

Aber weil mir Heimatplaneten rettende Mode fast so suspekt ist wie die 81%, vor allem aber weil ich mit all den schönen Zufällen dann leider nicht sehe, dass das aus einer selbstgewonnenen Überzeugung heraus geschieht, weil mir das Weltbild — mitsamt des Typen, den ich dabei gerade im Kopf habe — zu glatt ist, steigt dann Widerwille in mir auf, mich in die Sammlung von grinsenden Gesichtern, die ihre Masterarbeit weltverbessernd über “Erfolgsfaktoren im Social Entrepreneurship” schreiben, einzureihen. 

(Für mein persönliches Seelenheil, sei noch kurz angemerkt, dass ich dieses “Welt retten” schon wirklich auch erstrebenswert finde)

Schade. Schön wär’s schon; ein sicherlich auch oft schwieriger, vielleicht an einigen Stellen sogar wertvoller und dann aber doch machbarer Weg, wenn man sich da einfach einreihen könnte. So haben die vielleicht was gefunden, das sie zumindest mal ablenkt. 

Denn: Etwas, das ablenkt, soll man ja finden; etwas, das einen seinen eigenen Weg gehen lässt; etwas, das den Kopf endlich mal seine verdammte Scheißsdrecksfresse halten lässt, soll man finden; etwas, das Frauen von Vorabenden vergessen macht, sie mit einem eleganten Wisch vom Gedankentisch fegt; etwas, das einen die Blase zusammenzwicken macht, weil man doch das jetzt noch fertigmachen muss, Geschäfte erledigen muss; etwas, das Frauen von Vorjahren (nun aber mal endgültig!) ad acta legen lässt; etwas, das— ganz wichtig! — man nicht macht, um Frauen zu gefallen… nein!, auch nicht unterschwellig!; sie so dann also anzieht, weil man da ja dann auf “seinem (eigenem) Weg” ist — so etwas soll man finden. 

Schau! Ich hab was, das mir wichtig ist. Ich mach’ was! Schau! Du interessierst mich gar nicht! Schau!, schau!, wie wenig du mich interessierst!

Und ich schau! und schau!, aber ich seh’ es einfach nicht, seh’ einfach nicht, dass ich so etwas für mich finden könnte. 

Ich weiß auch nicht, wo ich noch danach suchen sollte — eigentlich habe ich auch einfach keinen Bock mehr danach zu suchen. Weder nach ihr noch nach etwas, für das ich brennen könnte. Es ist doch so verdammt scheißegal, was ich mache, wenn ich mich doch ohnehin für nichts begeistern kann. Dann knipsen wir den Kollegen doch lieber einfach aus und schonen so Ressourcen. Hurra!, es werden wieder Welten gerettet. Denn die Alternativen zu glimmer-glitter-schriftigem “PuRSue yoUr PasSioN” sind ja nur noch beschissener: Jeden Tag zwischen irgendwelchen anderen leidenschaftslosen Würmern sitzen und da dann für den dritten Nachfolger eines ehemals motivierten Unternehmers (dessen, sich mit Alkohol von der Nichtigkeit ihres Seins im Schatten ihres Großvaters ablenkende, Enkel heute übrigens sicher mit Frau und Kind im Piniengarten eines Ferienhauses an der Côte d’Azur sitzen) die Drecksarbeit erledigen, um Geld zu bekommen. Damit die Patagonia-Wurst dann auch ihren Privat-PKW kaufen kann und der motivierte Jung-BMWler seine modischen Snipes. Es ist mir doch einfach vollkommen Schnurz. Das Geld — soll doch eh*** wieder nur irgendjemandem zeigen, wie toll ich bin. Hier ist die große Auflösung: Ich bin’s nicht. Punkt. Na und jetzt? Bin ich also “frei vom Gelde”. Juhu! Aber:

Frei wovon? Was schiert das [Zarcomander]! Hell aber soll mir dein Auge künden: frei wozu?”****

Na eben, wozu? Und wo brauch’ ich jetzt noch Geld/ viel Geld zu? 

“Komm!, arbeite viel, gut und noch mehr; steig auf und verdien’ noch mehr Geld — dann kannst du allen zeigen, was du für ein toller Hecht bist!” wird immer reizloser, je mehr man drüber nachdenkt. 

Es tut mir leid: Ich bin’s nicht. Kein toller Hecht, noch nicht mal ein besonders toller Zander. Ende Gelände. So einfach ist das. Ich kann mich nicht begeistern, auch nur noch beschränkt fürs Blenden. Und auch noch nie (oder noch nicht) dafür, einfach nur sein Leben abzuleben, abends zu niemanden heimzukommen und den Fernseher anzuschalten oder — noch schlimmer —  zu jemandem, der so einen Nicht-Begeisterten, für nichts brennenden Versager lieben könnte, heimzukommen. Was soll das denn für ein Mensch sein? Abstoßend muss dieser Mensch sein — ja wohl! — , wenn er sich mit so wenig zufrieden gibt. 

Ich mach alles nur noch weil… na, weil noch weniger ja nun wirklich absolut nicht zu vertreten wäre; für die winzigen und immer winzigeren Augenblicke, in denen man sich dann doch einmal kurz irgendwie noch abkann. 

In kurz: Ich will einfach nicht mehr. Ich will nicht mehr weiter machen. Und immer öfter will ich sogar diese Drecksgedanken nicht mehr Ertragen müssen. Ich will ja etwas finden, für das ich brenne (und wenn es Heimatplaneten rettende Mode wäre, dann… dann wär’s halt Heimatplaneten rettende Mode), aber ich finde es nicht — da kommt nichts — und ich weiß auch weder wie, noch wo und grade auch nicht warum ich danach noch suchen soll.

Mich aber einfach nur immer weiter mit irgendwelchen Betätigungen und Unterhaltungen davon abzuhalten über Sinnfragen nachzudenken: das kann’s doch wohl auch nicht sein. 

Punkt.


Das war also die Stimme aus dem Karton und nachdem ich sie ein wenig hab’ reden lassen, teils interessiert zugehört habe, kam dann auch ein “Iagh!” (Na, liebes “Iagh!”, du hast dir aber ganz schön Zeit gelassen — noch ein bisschen länger und ich würde behaupten, du seist unglaubwürdig.) und ich hab’ den Karton erstmal noch ganz provisorisch wieder zugemacht — die Stimme dabei noch immer leicht durch den Karton hindurch zu hören.


Aber keine Angst, mittlerweile (einige Zeit ist ja bereits vergangen, viel ist passiert, et cetera pp) ist ja eh***** schon wieder alles superduperwunderbar. Der Protagonist dieses Lifes hat einen neuen Plan: eine neue Reihenfolge, eine neue Ausräumstrategie — will das jetzt zumindest mal noch probieren. 

Wir öffnen einen Karton nach dem anderen, aber besagten schließen wir zunächst wieder, kleben ein “Bis auf Weiteres geschlossen”-Etikett über seine Öffnung und schieben ihn vorsichtig unters Bett. Da steht er gut — die Stimme hinter einer Kombination aus undurchdringbarer Pappe und einem (bekanntlich handelsüblich mit dreifachem Versieglungszauber ausgestatten) Klebe-Etikett verborgen. Irgendwann können wir uns dann damit beschäftigen, warum man sich doch zumindest in die motivierten und nicht mit ganz so glattem Weltbild gesegneten (Social-)Entrepreneurship-Menschen einreihen kann und sollte — warum das überhaupt doch alles ganz wunderbar ist; die meisten davon wohl schon wirklich irgendwie sowas wie “das Beste” wollen — und, sogar wenn die dann nicht so wirklich aus selbstgewonnenen Überzeugungen handeln, ist’s wohl auch gut, wenn besagte Grinsegesichter mit dabei sind. 

Jetzt holen wir aber erstmal einen anderen alten, löchrigen und welligen Karton hervor. Dem wird sich jetzt mit einer neuen, von Erfahrung getragenen Überzeugung genähert: So. Dich haben wir nämlich lange genug herumgeschleppt. Wir nehmen jetzt all das, was sich als nicht brauchbar erwiesen hat und stellen es in ein Kellerabteil. Da bleibt es erstmal. Schädliches wird gar weggeworfen. 

Und keine Angst, dich, lieber Krisel-Karton, vergess’ ich nicht. Aber jetzt kümmer’ ich mich erstmal um andere Dinge, wenn die mich dann nicht mehr komplett ablenken, findet sich ja vielleicht auch neu gewonnener Raum, Zeit und Energie, um sich mit dir zu beschäftigen. 


Ende


*Aus dem Lied “Es rappelt im Karton” von Pixie Paris.

**&***&*****Wenn der Link mal nicht mehr funktioniert, google der interessierte Leser*in*s zur Erklärung einzelner, bedeutungsträchtiger ehs (wie in asiatischen Speisestätten) “Nietzsche Morgenröte Aphorismus 202”, “Nietzsche Morgenröte Aphorismus 204sowieNietzsche Morgenröte Aphorismus 114” — man kann sie aber auch ganz genüsslich (wie in asiatischen Speisestätten) ignorieren. “Machen schätz’ ich die meisten.”******

****Nietzsche Also sprach Zarathustra 

******Meinte mein Kopf in Prezident Tonfall aus dem Song “Es heisst, dass sie heiss ist” rezitierend. 
Und jetzt reicht’s auch mal mit irgendwie schrägen und nicht ganz zum Text passenden Fußnoten!