Foto von Gian Cescon auf Unsplash
Audioversion des Beitrags

Es wurden wieder Selbstexperimente durchgeführt: Ich habe drei Tage gefastet — nichts gegessen, es überlebt. War eine Erfahrung und entgegen all der Behauptungen war es gar nicht so wunderschön, aber auch nicht so schlimm, nur die Nächte waren eklig. 

Darum geht es aber nicht. 

Vor ein paar Tagen war es soweit: ich hatte sechs Monate Instagram Pause gemacht und hier kommt mein Fazit: Es hat mich überraschend wenig gejuckt. 

Meine Erwartungshaltung war gewesen, dass ich es echt vermissen würde, mich Followern mitzuteilen. Aber dem war nicht so. Hin und wieder gab’s Momente (tolle Songs, super Ausschnitte aus Büchern, mindestens ein Spiegelselfie mit anabolen Licht der Extra-Klasse, starke Regenschauer in der bayerischen Staatsbibliothek, Wanderschaften), die mich nach der Instagram-Story sehnen ließen, dann aber vorüberzogen wie… nun… die schöne Momente im Leben.  


[wem es aber an weit(hergeholt)eren Vorüberzieh-Vergleichen gelegen ist, für den — und nur für den — ist dieser Absatz bestimmt: 

Wie ziehen die Momente nun also vorüber? Wie: 

  • das Leben an auf Zugfahrten Verunglückenden; 
  • zuvor Wohnhäuser an in wenigen Minuten verunglückenden Zugfahrern; 
  • Regentropfen an den Fensterscheiben (dieser Wohnhäuser); 
  • reihenweise Fallende an Heimkinoleinwänden (… das passt jetzt aber nicht rein? Doch, denn es sind natürlich nicht irgendwelche Fallende, sondern freitagabends zur Primetime unverhofft von besagten Wohnhäusern Fallende);
  • das Leben so einiger Leinwände an in Memoiren blätternden Klassenzimmerautokraten(, die in eben jenen Wohnhäusern leben und wenn sie nicht gerade in Memoiren blättern, als Zeitvertreib in ihrem freitaglichen Primetime-Lebensabend gerne verunglückende Züge beobachten); 
  • weil sie davon dann auch einmal Pause brauchen, im Ägyptenurlaub befindliche, auf Kamelen sitzende Klassenzimmerautokraten an UNESCO Weltkulturerben;
  • und zuguter Letzt selbstverständlich: 
    Untergehende UNESCO Weltkulturerben
    an allmächtigen Spaghettimonstern auf den Leinwänden ihrer Realitätssimulatoren.]

Aber back to Business:


Warum hatte ich das Experiment durchgeführt? 

Und was ist mein Fazit zu den einzelnen Punkten? 

  • Teils habe ich mich gefragt, ob ich manches nur noch mache, um es bei Instagram zu posten. 

Was ist passiert? Ich bin überrascht, aber all die für mich schönen Momente (meine Story bestand meist aus Spaziergängen in der Natur, Handständen*, Fitnessstudio, Büchern, Beitragsbewerbungen für meinen Blog) haben keinen Reiz, aber ein wenig Zwanghaftigkeit verloren. Diejenige meiner Befürchtungswaagen, die sich hauptberuflich mit der Frage auseinandersetzt, ob ich nicht alles nur mache, um einem möglichst großen Publikum zu gefallen, hat einen unangenehm unbemerkt bleibenden Kieselstein auf die Kontraseite gelegt bekommen; dass Glücksglas meiner “Ich bin Ich”-Momente hingegen hat aber ein zusammengefaltetes, echt schönes, gelbes Zettelchen mit kleinen Self-Love-Herzen (💕💕 ) darauf hinzugefügt bekommen.

*Die Handstand-Frequenz in meinem Leben ist gesunken. Warum? Es bietet sich an, hier länger auszuführen, dem uninteressierte Leser, der beim Scrollen schon das Vorüberziehen von kursiven Spaghettimonsterparagraphen über sich ergehen lassen musste, erspare ich das aber an dieser Stelle großmütig. Im Wesentlichen hatte ich diesen Sommer wenig Lust auf Handstandübungen— wohl auch aufgrund der breiten Masse der Handstandübenden (manch Handstandübendem fehlt dabei allerdings leider sowohl Breite als auch Masse, was gut möglich nicht unwesentlich zum Motivationszustand eines auf Händen hampelnden Textverfassers beigetragen hat). 

  • Frauen. Ich wollte nicht mehr beständig die Stories gutaussehender Frauen sehen** — tough life — und mit manchen in dem angenehm unverfänglichen Grenzgebiet zum romantisch-interessierten Austausch unterwegs sein. Wenn ich Lust hatte jemanden zu treffen, dann sollte ich sie treffen und kennenlernen und nicht zunächst einmal ihr Instagramprofile auschecken oder Generation Y-mäßig sneaky in DMs sliden. 

**Dazu hätte ich natürlich auch alle gutaussehenden Frauen entfollowen können, aber das bringe ich nicht übers Herz — wir haben doch schon so viel zusammen durchgemacht, erlebt, uns verändert und eine fast so tiefe und innige, wie oberflächliche Instagram-Beziehung aufgebaut. 

Was ist passiert? Zu den meisten habe ich einfach den Kontakt verloren. An einige immer wieder gedacht: was die wohl gerade macht? Aber da gar keine Signale des Interesses (ja, ich nahm teils sogar Reaktionen auf Stories oder bloßes Ansehen, sowie Likes als irgendeine Form des Interesses wahr) mehr kamen, habe ich dann doch nicht geschrieben. 

  • Mehr Zeit. Ich dachte, ich würde dann mehr Zeit gewinnen für Neues oder um Altes besser zu machen. 

Was ist passiert? Es gab ihn: Den Moment der Langeweile — mehr Zeit als zwanghaft verplant — was nun? Es war etwa 19:30 abends. Es muss März gewesen sein —ein kalter Märztag — noch in den ersten Wochen. Ich hatte mein Abendessen beendet und saß auf meinem Bett: bereit noch ein wenig Instagram zu checken, aber: da war kein Instagram mehr. Und so saß ich nur und dachte —dachte : “Ne… jetzt ist es noch zu früh zu lesen. In einer halben Stunde vielleicht.” Ich saß also einfach auf meinem Bett. Umgeben von einigen Bücherregalen dachte ich über die Mickrigkeit meines Daseins und einen möglichen neuen Nebenjob nach. Mir kam die glanzvolle Idee, mir doch mal den Verlag eines meiner Lieblingsbücher genauer anzusehen und so googelte ich dessen Stellenausschreibungen und fand eine Stelle, auf deren Profil ich, wie ich fand, perfekt passte. Wie die Bratpfanne aufs Gesicht. Euphorisch bewarb ich mich und: daraus wurde nichts. Mit voller Wucht traf die Bratpfanne ins Gesicht. Aber: ‘s ist ne gute Geschichte und der Moment war wertvoll. 

Seitdem versuche ich solche Momente der Langeweile, die zu guten Ideen führen, wieder zu erreichen. Bislang ohne nennenswerte Erfolge. 

Leider fehlen mir außerdem die passenden Vergleichsparameter, um zu sagen, ob ich jetzt Neues mache… oder vielleicht Altes besser. Ja, ich habe jetzt einen neuen Nebenjob, aber diese Idee entsprang meines Erachtens nach nicht der Instagram-Pause, sondern mehr dem Austausch mit zwei Freunden. 

Sonst ist ein kleines Learning noch, dass mir stärker bewusst wird, wenn ich mal wieder Dinge tue, auf die ich gerade einfach gar keine Lust habe. Statt dem Checken des Instagram-Newsfeeds, aktualisiert man dann Mails oder weicht auf das (meist entweder sterbenslangweilige oder fremdschäm-lächerliche) LinkedIn-Feed aus. Ich denke, das ist — wenn auch unangenehm — gut: entweder ich mache dann halt weiter, auch wenn ich weiß, dass ich darauf gerade keine Lust habe, oder ich bin dazu gezwungen, mich in meiner Unlust zu suhlen. Vielleicht führt das ja dann zum Nachdenken: Warum mache ich das eigentlich? Na, sollte ich vielleicht… etwas ändern? 

  • Bin ich einfach nicht für Instagram gemacht? 

Was ist passiert? Ja. Ich glaube, ich bin da nicht allein, aber steche in meiner Ungeeignetheit schon besonders heraus. 

Erstens: Ich kann nicht nur passiv teilnehmen (das gilt für Seminare, genauso wie für Social Media)— ich bin manchmal auch von kleinen Dingen schnell zu begeistern oder stolz auf Kleinigkeiten und habe dann oft das Bedürfnis solche Dinge zu teilen. Das passiert dann auch einfach: wofür habe ich denn sonst die App? Deswegen gibt es die Option “ein bisschen Instagram” für mich leider nicht. Viel Instagram will ich aber nicht. Denn: 

Zweitens: Wollte ich nie Instagramer werden (genauso wenig wie Blogger) — ich nutzte nur Instagram (und habe einen Blog). Dann aber trotzdem so viel Zeit in Instagram zu stecken ist ein wenig unsinnig, da stecke ich die Zeit und Energie lieber in andere Dinge. Zum Beispiel in den Blog (auch wenn ich kein Blogger werden will, übe ich da zumindest zu schreiben und mich auszudrücken oder lerne dabei etwas über mich, bringe Gedanken voran). [Passt viel besser in den geheimen Weltherrschaftsplan.] Nun: Oder ich stecke die Zeit in nochmal anderes. 

Drittens: Bin ich ein Anerkennungsopfer — ich glaube, das ist der Fachbegriff. Zum Einen mag ich es, wenn Menschen denken ich wäre toll [auch wenn ich das nicht an mir mag — u.a. weil das ja dann externe Steuerung (und ja wohl auch eigene Schwäche) bedeutet — aber auch weil sich meine Einstellung zu meiner Tollheit allgemein am besten wohl als ambivalent beschreiben lässt. Das bringt einen natürlich in so einige gedankliche Dilemmata, wenn man selbst glaubt, andere Leute glauben zu machen, toll zu sein (die müssen das ja dazu noch nicht einmal wissen), dann aber doch wieder von der eigenen Unfähig- und Mickrigkeit überzeugt ist.]. Zum Anderen mag ich es, wenn ich ihnen eine Freude bereiten kann (vermutlich damit sie mich dann mögen).

Viertens — und das hängt wohl auch damit zusammen, stammt aber, denke ich, nicht nur daher, sondern ist auch ein Punkt für sich: Ich denke zu viel darüber nach (. …), warum andere etwas machen (wird nur davon übertroffen, wie viel ich darüber nachdenke, warum ich denn etwas mache) — gerade im Bezug auf mich. (Überraschung.) “Macht er sich über mich lustig oder warum schaut er meine Stories, wenn wir uns doch eindeutig nie leiden konnten? Warum tut sie es, obwohl sie doch eh nicht interessiert ist? Warum hat sie an einem Punkt aufgehört meine Bilder zu liken? Wann war das — was habe ich seitdem anders gemacht? Welche Veränderung bei ihr hätte dazu führen können? Wie wirkt dieser Post wohl jetzt auf eine Person, die mich nicht so gut kennt? Wie auf die, die mich gut kennen? Versteht man, dass das ein Scherz oder eine absichtliche Übertreibung war?” Usw.

Alles in allem

War ich überrascht, wie wenig Instagram-süchtig ich doch war und wie viel Zeit man für etwas aufwenden kann, das einem vermittelt wichtiger Bestandteil des Lebens zu sein und das, wenn es dann auf einmal weg ist, fast gar kein Loch hinterlässt. 

Außerdem freut mich der Kieselstein auf der Waage. 

Wie geht es jetzt weiter?

Gerade sitze ich hier und schreibe: “Ich lösche Instagram nicht, aber werde es weiter auf unbestimmte Zeit pausieren, weil ich manchmal echt viel Mühe in all die schönen Posts, Captions und Stories gepackt habe, und diese nicht verlieren will.” Denke dann aber: “Da kannst du aber auch einfach ein Backup machen, Marco.” Als nächstes Argument führe ich auf, dass ich ja nicht die Möglichkeit des Kontakts zu den Leuten verlieren will, die kein Facebook haben. Aber das ist dann doch zu eindeutig darauf zurückzuführen, dass ich einfach schlecht darin bin, mit Dingen abzuschließen. Ich sollte das Üben. Und somit: Wird Instagram nun also gelöscht, nachdem ich es meinen treuen Followern in einer letzten Aktivität mitteile. 

Wir hatten eine gute Zeit, aber jetzt ist es vorbei. 

… So geht es also weiter. 


Marco (auf Facebook oder per Mail)

P.S.: Zumindest die Pause würde ich auch jedem empfehlen. Schadet nichts, man lernt etwas über sich und wenn man will, kann man ja wieder anfangen. Und auch ich schließe nicht aus, mir irgendwann wieder Instagram zu holen, aber jetzt wird der Account erstmal gelöscht und so schnell kommt MZ nicht auf die Instagramstage zurück.