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Kurze Anmerkung zur Audioversion: Leider sind mir die (meist in kursiv-geschriebenen) Einwürfe, wie das “willentlich” einer verletzten, trotzigen Vorstellung, wieder nicht gut gelungen. Fällt es auch schwer, möge der werte Zuhörer dies bitte nachsehen und wenn möglich die Kraft der Fantasie nutzen, um sich an den jeweiligen Stellen dann beispielsweise die trotzig, verletzte Stimme einer Vorstellung an Stelle meines schwerfälligen Stimmapparates ins Ohr zu rufen.

Letztens, ja letztens — ist das nicht ein schöner Ausdruck —so nichtssagend, das könnte immer sein. Im Zweifel auch morgen oder in fünf oder zehn Jahren. 

Letztens, also, schrieb ich mal wieder nicht ins Tagebuch, stattdessen ging ich spazieren, nachts, und dort sah ich dann diese ganzen widerwärtigen Schreckgespenster in schmutzigen gelben T-Shirts, mit ihrer so lange nun schon beneideten Anziehungskraft… in einem anderen Licht. Verdammt! 

In einem unangenehm näherkommenden Licht. Verdammt!

[Als kleine Anekdote: das war natürlich nicht irgendein Licht, sondern ‘im Schein ferner und dennoch störender Straßenlaternen, zwischen den Baumkronen alter Eichen hindurchfallendes Nicht’-Licht.] 

Und auf diesem unangenehm näherkommenden Nicht-Licht fand ich einen Zettel schwirren. Mit rasendem Herz, mir schwante Übles, nahm ich den Zettel vom Lichtstrahl und las die Überschrift:

THE WAY’ — aus dem Tagebuch keines Lebemannes 

schwirrender Zettel

Da fiel mir ein Stein vom Herzen. …

Neugierig begann ich zu lesen. … 


Sie sagen, ich soll “mehr erleben”. Um mich abzulenken. Mehr Erfahrungen machen soll ich, damit ich es nicht mehr so wichtig nehme. 

Und: Ich wollte es lange Zeit nicht. Denn: So wollte ich nicht sein. 

Ich wollte es der einen Erfahrung, der wenigen Erfahrungen nicht rauben, etwas “Besonderes” zu sein; wollte nicht, dass sie Recht behält, wenn sie meint, dass sie austauschbar sei. Einst wollte ich ihr unbedingt das Gegenteil beweisen. Doch, doch… das wollte ich. 

Ihr, unbedingt ihr!, — was war sie besonders! — wollte ich es doch beweisen. 

In anderen Worten: Mir, unbedingt mir!, wollte ich es nicht rauben, besonders sein zu können; ich konnte es nicht ertragen, austauschbar zu sein. Immer wieder dieses Verlangen: besonders sein!, besonders sein!, besonders sein! 

Es, dieses Gefühl zwischen uns, — und mit ihm ich — sollte doch besonders bleiben, unersetzlich bleiben, intensiv und echt bleiben. Unbedingt echt sollte es bleiben! Bloß die schöne Vorstellung nicht verlieren! 

Und nun? Nun habe ich mich überreden lassen! 

Ich werf’ sie über Bord…Tschüß, Vorstellung! Lange genug haben wir aneinander gehangen. Ich habe lang genug an deiner Seite gestanden, mich lang genug — “willentlich!”, unterbricht eine verletzte, trotzige Vorstellung  — Jaja!, willentlich. Es war auch meine Schuld. — betrügen und belügen lassen! 

Natürlich geht das nicht von heute auf morgen. Man wirft sie nicht von heute auf morgen über Bord. Noch immer sitzen kräftige Hoffnungsfunken herum, so kräftig wie eh und je. 

Mit ein paar faulen Tricks mache ich sie mir zu leicht erklärbaren Glühwürmchen in der Ferne. Keine Magie — ein Insekt. 


Ich hab’ mich also überreden lassen. Und jetzt?

Jetzt mach’ ich sie: Erfahrung über Erfahrung. Geschichte um Geschichte rollt heran — sie überrollen mich, dass ich gar nicht mehr nachkomme mit dem Erleben, — ach was! — mit dem ErFÜHLEN. 

Und was sehe ich da: es stimmt nicht! Weder sie hatten recht, noch ich hatte recht. Keiner hatte recht: alles ist ganz anders. Ich kann so viele weitere, neue Erfahrungen haben, wie ich will — der Gedanke an …?… sie — der bleibt. Es verliert nichts. Nichts lenkt mich ab. 

Meistens löst es nichts aus: nichts passiert — es ist als wäre nichts geschehen. Nichts, geschweige denn Ablenkung. Nur ein schwaches, schnell beruhigtes schlechtes Gewissen. “Du hast etwas verändern müssen!”, macht ein fauler Trick. 

Alles ist weiter so besonders wie eh und je.

Und wär’s nur das. Schrecklich wäre das, aber… echt wäre es, vielleicht wär’s so sogar noch echter. 

Aber nein. …

Denn dann kommt doch noch eine, noch eine wie sie hinzu — wie aus dem Nichts. … Und das wäre alles noch nicht so schlimm — geradezu hervorragend wäre das. Aber dann kommt… noch eine… und noch eine — und noch eine — und noch eine wie sie hinzu. Ach und wie hervorragend müsste das erst sein?, wie hervorragend wäre es? 

Wenn da nicht… ja wenn da nicht… etwas geschehen würde: … Die Zuordnung… verschwimmt. 

Zunächst unhör-, nur fühlbar fragt eine Stimme: 
Na, was sagt das über dein Gefühl, über das Gefühl zwischen
euch? Na?, über eure Bindung? 


[Sofern man Unhörbares überhören kann, überhöre ich die Stimme einfach — sollte man Unhörbares nun aber nicht überhören können, dann höre ich sie einfach nicht — und mache weiter.]

Dem Gefühl ist es völlig egal, wem es zugeordnet wird. — Sie ist ihm völlig egal! — Wie lange es auch her sein mag, wie lange das Gesicht auch unberührt, vergraben gelegen haben mag: das interessiert das Gefühl alles nicht im Geringsten: es erhebt sich wieder aus der Erde als wäre nichts geschehen; man ordnet zu, wie es beliebt. Herzloses, treuloses, willkürliches! Gefühl. Wie kannst du nur? Ich weiß es doch besser, pflichtbewusst weiß ich, dass ich empört sein sollte, lossagen sollte ich mich von ihm—… doch mir fehlt die Kraft, ich kann es nicht. 

Zunächst unhör-, fast unfühlbar: 
schmunzelt jemand wissentlich. 


Kurz empöre ich mich jetzt doch: 
Nichts! hat sich verändert. 

Dann enttäusche… ent-täusche?… ich mich: 
Sie ist nur wieder da, jetzt in ihr, einer weiteren — und sie sind alle eins: die Wenigen — die Verschwommenen. 


Ein Bild. Ein Hinweis. 

Ein Bild. — Oh! Juhu! Hallo? Hallo! Hallo andere Welt. — Ein Bild. Da ist es — Hallo! Aha? — : ein Hinweis… das schwarze, vor langer Zeit überreichte Geschenk meines Unterbewusstseins an meinen grazilen, hoch-aufragenden Glasturm. — Aha! Ein Geschenk! Da…nke? Ein schwar…zes Geschenk?— 

Ein Geschenk in meiner persönlichen Welt, nicht derjenigen, mit der man sich von der Umwelt abkapselt um sich in sie zurückzuziehen — sowas tue ich viel seltener als die Menschen denken… wiedermal beneid’ ich den, der sie glauben, dass ich bin — , sondern der Welt, in der sich all unsere kleinen, persönlichen Götter, denen wir huldigen, verbergen, welche von da aus unser Handeln lenken, in Bahnen halten. 

(Eine Zwischenzeit merkt an: Welchen sollen, welchen dürfen, welchen müssen wir huldigen? Von welchen uns lossagen?

Diese riesige innere Welt, mit all ihren Gestalten und Wölbungen, Farben und Grautönen, Lebensformen und Unlebensformen, Formen und noch viel mehr Unformen. 

(Die Zwischenzeit macht sich jetzt einen Spaß, unterbricht nochmal und merkt an: Welche sollen uns umformen, welche sollen wir umformen?) 

In ihr stehe “ich” (ein kleines, schwaches, flimmerndes Lichtlein in einer wilden, unerforschten Welt) vor dem Glasturm, wie andere in einer äußeren Welt vor einem makellosen Dorian Gray — und ich, wie jeder halbwegs vernünftige Beobachter, ahne, dass es auch bei dem Glasturm nicht mit rechten Dingen zugehen kann. 

Aber — wie der Junge makellos bleibt und seine Schönheit im gesellschaftlichen Zusammenspiel wirkt — wirkt (und verwirrt) das über alles hinausragende, alles überragende Gebilde uns alle hier unten in meiner Welt. 

Doch irgendwo zeichnet sich eben auch des Glasturms Bild. 


Und vor dem Bild, dem schwarzen Geschenk zieht das Unterbewusstsein — vermutlich meint es es noch gut — ab und an den Vorhang auch noch weg: das dunkle Bild kommt dann zum Vorschein — Sehnsucht! — und verzaubert den Glasturm und mit ihm die ganze Welt.  

Hier… sind die Abgrenzungen nicht so scharf, weder zwischen Innen und Außen, noch zwischen dem Einen und dem Anderen, viel Natur, wenig Gesetz. 

Vermischt stehen da die schönen, dunklen Silhouetten; immer tiefer schreibt sich das notwendige Gegenstück zum Glasturm-Vorstellungsbild des eigenen Ichs hier ein; eine um die andere dunkle Silhouette legt sich auf. 


Dem Turm treibt die Schönheit seiner kleinen Göttin einzelne, riesige, salzige Tropfen in die blinzelnden Fensterläden. Er wird nicht wütend, das Bild zu sehen; nach und nach, Stück um Stück verfällt er dem düsteren Bild. 

Viele und immer mehr Scherben pflastern den Weg zu ihm. 


Hin und wieder… verformen sich die dunklen Silhouetten. Die kleine Göttin schlummert, ruht sich aus; irgendwann beginnt sie zu rennen. Aufruhr, überall ist Aufruhr. Will sie hin zum Turm? Will sie weg vom Turm? Sie tritt sich Scherbe um Scherbe ein, sie graben sich in die Haut, in die schattenhaften Glieder. 

Schmerzen. 

Der Turm, die Scherben, die Göttin aus dunklen Silhouetten, alle fühlen sie. Die ganze Welt fühlt sie. 

Irgendwann bleibt die kleine Göttin liegen, verletzt, erschöpft, wie tot — die Welt pocht noch — liegt dann wieder als wunderschönes Bild einiger dunkler Silhouetten dort. 

Und, obwohl er noch die Schmerzen fühlt reicht ein Blick und der Turm ist wieder verzaubert vom schönen Bild, der Kreatur, seiner Göttin. Der hoch- aufragende, kleine Gott beugt sich hin zum Bild, will es mit seinen vorsichtigen Balkontürflügeln auflesen; es zieht ihn hin zu ihr. Dabei vergisst er, dass er sich nicht bewegen kann — mit all dem Zierrat schon dreimal nicht.  

Stück um Stück bricht aus dem Turm und immer mehr Stücke brechen aus dem hohen Turm, fallen in die Tiefe — zerschellen. Vor den Augen der Kreatur fällt der wunderschöne(/ ihr wunderschöner?) Turm — in sich zusammen. 

Schmerzen. 


Nach einiger Zeit kommt die kleine Göttin in einer einsamen, leisen Kammer zu sich. Ein Vorhang vor ihr. Sie fühlt sich verlassen. Sie versteht all das nicht. 

Was war geschehen? Alle, auch sie, stellen Fragen. 


Schmerzen… und immer wieder dieses Gefühl. Ich versteh’ es nicht. 

Fragen über Fragen. 

Reißen wir ihn jetzt also ein — eine Vorstellung mit der anderen? 

Aber was passiert mit dem Bild, wenn der Glasturm einmal endgültig zusammenbricht? Ist es dann “fertig”? Ist seine Aufgabe dann… erfüllt? Der Hinweis wurde aufgenommen und man hat gelernt? Löst sich die kleine Göttin einfach auf? 

Panisch, ängstlich, verzweifelt ruft jemand dort unten: “Ich will sie nicht verlieren!” Er findet seine Fassung wieder und fügt ernst, vielleicht resignierend hinzu: “Ich… kann mir nichts vorstellen, das so schön sein könnte wie die kleine Göttin mit ihrem schwarzen Muster.”

Wer war das? Der Glasturm oder ich? 

Und: Man lasse die Frage des Zerbrechens oder Vereinens mal außen vor: Was geschieht mit dem Ort, wenn hier mal nichts mehr zum anderen rennt, sich Unbeugsames zu biegen versucht? Ist da dann Raum für Neues? Für sich? Für was? 


*Break*

Sie sagen, ich soll “mehr erleben”. Um mich abzulenken. Mehr Erfahrungen machen soll ich, damit ich es nicht mehr so wichtig nehme. 

Und so verschwimmt etwas. Und ich bin hin- und hergerissen zwischen abends, wenn die Sonne untergeht, die Energie eines Tages des Sitzens sich im Nochweniger auflöst:

“Es ist nicht sie, sie, sie oder sie, nach der ich mich sehne — das ist nur das Gefühl — versteh’s doch! — es ist nur das Gefühl und es geht nicht weg. Siehst du nicht, wie egal sie dir ist? Unmensch! Monster! Lebemann! Nur ein Stimulus — und will sie auch nicht mehr sein, ändert das nichts! Du bleibst Monster!, hörst du? Monster! Jede weitere ihrer Art, könntest du nehmen und deiner schmerzhaften — widerwärtigen! —  Sammlung hinzufügen; jede weitere Erfahrung, ruft nur wieder das Gefühl hervor. Manche fügen so noch eine weitere Facette hinzu, einen weiteren Gedanken hinzu, eine weitere Kritik hinzu. Welchem Gesicht man sie dann aber zuordnet, ist letztlich: egal, eine Laune der Umstände. Ein wässriges Egal, ein langsam alles auflösendes Egal.” 

Die leise, unsichere Stimme keines Lebemannes hingegen klammert sich an ein Glühwürmchen und macht: “Aber was wäre wenn? Was ist wenn… die zwei zusammen kommen?” … Sie weiß es doch besser. 

Zunächst fühlbar, aber schon bald deutlich hörbar stößt jemand, dem die faulen Tricks gefallen: “Spiel’.”, hervor. Ihm geht es jetzt besser. 


Die letzten Paragraphen

Letztens ging ich. Nicht-Licht fiel durch die Kronen alter Eichen. 

Ich sah jemanden: Kein Lebemann. Er war auf dem Weg. Ich sah ihm beim Denken zu. Er denkt: 

“Nein! So konnte es nicht weitergehen, so wäre es nur immer weiter so gegangen. Du hast etwas verändern müssen. Mach’! schon. Geh’! Du musst etwas verändern.” 

Und so ist unser Held ist also auf dem Weg… 

… auf dem Weg zum nächsten Nichts.