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Plötzlich und tief in ein Gefühl wie in einen Strudel hinabzusinken! Sich die Zügel aus der Hand reißen zu lassen und einer Bewegung wer weiß wohin? zuzusehen! [1]


Eine dunkle Ecke, in einem atmosphärischen Restaurant. Dort schminkt sie sich im Schwarz seiner Augen ihre Augen. 


“You know?… This. This is soulfood for me. I will take this moment, take it home with me, and live by it. Sitting here with you, for hours… is just… unbelievable for me. It is just… thank you.” 

“ — ! — Don’t say thank you.”


Sein Kopf, der sich eigentlich gerade voll auf das Gegenüber eingestellt haben sollte, freut sich an dem schönen Klang der Beschäftigung und daran wie neugierig die Straßenlaterne ins Auto giert während sie

in einem Mietwagen 
Sex haben

Er, der Kopf, macht: 
Und draußen fallen Kinnladen. 

… Also… hätten Straßenlaternen Kinnladen, würden sie das wohl tun… oder auch nicht… vielleicht nur ein ganz normaler Dienstagabend für so eine Straßenlaterne… weiß man ja nie. Was die wohl schon alles gesehen hat?”

Amüsiert über sich selbst, grinst er in sich hinein. 

“I like how you are smiling, Bonito.”


Zwei Männer und zwei Frauen stehen nachts vor einem mit Sicherheitsrollläden verschlossenen Laden, in einer Straße mit vielen mit Sicherheitsrollläden verschlossenen Läden. 

Sein Freund öffnet die Tür zu diesem, des Freundes Laden. Innen setzen alle vier sich auf Barhocker. Er sagt die meiste Zeit über eigentlich so gut wie nichts, aber das schon recht verbrauchte Mädchen hält ihn das ganze Gespräch über mit ihrem Blick gefangen. Später würde sein Freund die beiden Mädchen in den Keller bringen. Dort würden sie schlafen. Es war nichts geschehen. Er kommt zurück. Die beiden Freunde lachen darüber. 

Er hat es geschafft: Heute können sie darüber lachen. 


Aus der Dusche zurück ins Bett. 
Finger streichen über seine Brust. 
Aus dem Augen aus dem Sinn, ich gebe mich ihr hin.’


“Sie hat mich gefragt: ‘Wenn du dich als eine Märchengestalt beschreiben müsstest, wer wärst du dann?’, daraufhin meinte ich dann: ‘Ich weiß es nicht…’ Nach einiger Zeit: ‘Vielleicht Schneewittchen?’ Da hat sie mir in die Augen geschaut und gesagt: ‘Nein. … Du denkst, du bist der Apfel aus Schneewittchen.’ … und … sie hatte recht. Ich habe mich nicht wie Schneewittchen, sondern wie der Apfel gefühlt.” 

Was soll er dazu jetzt sagen? Er will widersprechen — “denk doch sowas nicht von dir!, das bist du nicht!”, das Übliche — , stattdessen fragt er sich (leise, nur für sich), ob nicht jeder auch ein bisschen Gift braucht. 


“Nein, wirklich nicht. So nicht. Also: Ich habe dir das aber jetzt von Anfang an gesagt. Und dir noch nicht, aber wir haben bisher ja auch kaum zwei Sätze geredet, wo hätte ich es da denn bitte auch erwähnen sollen.” Vier Augen schauen ihn an. Zwei: empört, verletzt; zwei: irritiert, interessiert. 


Nicht mehr stolz wie Oskar, sondern einfach in Begleitung, geht er die Barer Straße entlang. ‘Hallo Pinakothek.’ 


Ein Lebemann.

Ich weiß ja gar nicht, was das ist: ein Lebemann. Und Wikipedia schrammt an meinem Lebemann Begriff leider recht arg vorbei, sodass ich weiter befürchte, dass ich wirklich gar keine Ahnung habe, was ein Lebemann eigentlich ist. 

Also nochmal: Ich weiß nicht, was das ist — ein Lebemann. Ich habe nur mal einen getroffen. In einem kleinen Dorf in der Toskana, nordöstlich von Siena. Das liegt jetzt schon einige Jahre zurück. Aber der Begriff hat sich mir eingebrannt. Was ich da lernte war: So sieht man aus. So sieht man nach einem gelebten Leben aus. 

Ein Lebemann. 

Ich habe ihn dort zufällig getroffen. Und da war grade mal wieder einiges zusammengebrochen. Ich war ziemlich enttäuscht von mir, streunte durch die Gegend. Aber damals war ich noch jung. Da durfte ich solche Dinge noch fragen und deshalb fragte ich ihn und seine Frau nach drei Lebensweisheiten; drei Dingen, die sie im Leben gelernt hatten. Die Verständigung war nicht ganz einfach, aber eine ihrer Töchter half uns beim Übersetzen und so ging ich dann wieder: im Blut ein wenig Koffein, im Notizbuch drei Lebensweisheiten. Den Wein hatte ich entschuldigend abgewiesen. Ich versuche mich der Lebensweisheiten zu erinnern und in meiner Erinnerung enthalten zwei von ihnen Alkohol. 


*Kruscheln*

[Und jetzt konnte ich nicht an mir halten und musste in meinen Aufzeichnungen von damals — ich sagte ja bereits: schwere Zeit, viele Aufzeichnungen — nachsehen, was in meinem Reisetagebuch denn da nun stand. 

Das stand da: 

Nun gut, wir näherten uns dann aber doch des Pudels Kern, den [drei] Weisheiten:

1) Non ti mettere in camino, se la bocca non sa die vino.
 Starte deine Reise nicht, bevor du nicht einen Schluck Wein geschmeckt hast.

2) Tutto il mondo é paese.
 Die ganze Welt ist ein Dorf.

3) Cosa ti ha insegnato la vita? — niente ancora.
 Du fragst, was mich das Leben bisher gelehrt hat? — Noch nichts.

Zur letzten Weisheit muss noch gesagt werden, dass [besagter Lebemann] sofern ich ihn richtig verstanden habe, eine Interpretationsvariante am Herzen lag: Das Leben ist noch nicht vorüber, deswegen ist es wichtig immer neugierig zu bleiben und nicht zu denken, man habe bereits etwas gelernt.

Das stand da. 

Werter Lebemann war in diesem Lebensabschnitt übrigens Weinbauer. Vielleicht lässt sich das als zweite alkoholische Lebensweisheit werten.]


Vor einiger Zeit traf ich dann einmal sogar einen werdenden Lebemann. So alt wie ich, sogar ein wenig jünger. Ich verbrachte einige Zeit mit ihm, mochte ihn und konnte ihn überhaupt nicht ab. Es sträubte sich in mir. Er erinnerte mich viel zu sehr an mich: er war mir so ähnlich. Er war, wie ich sein könnte, wenn ich mich nicht entschlossen hätte, anders zu sein. 

Ich glaube, dieses Sträuben auf der einen und die Sympathie auf der anderen Seite teilten wir.  

Und neulich traf ich wieder einen Lebemann. Wieder war das ein Zufall. Diesmal auch noch ein ganzes Stück Glück. Wieder war er über 50 und, nein, auch er hatte sich nicht gut gehalten. 

Man kann jetzt sicherlich zu recht einwerfen: ‘Aber wen interessiert’s? Vom Leben gezeichnet.’ Ich bin mir aber unschlüssig, ob ich das jetzt hier einwerfen will. 


Abends standen wir mit ihm auf der Dachterrasse und er rauchte einen sehr selbstverständlichen Joint. Im Haus viele seiner Fotografien. Seine Frau sollte uns später auf einer anderen Terrasse ein hervorragendes Abendessen bringen: Gnocchi, einen selbstgemachten Kuchen, Baguette und viel, viel französischen Käse. Einer ihrer Söhne kam dann noch mit dem Motorrad zu Besuch und saß mit uns am Tisch. 

Und, ja, ich glaube, dieser Mann hat in seinem Leben viele sinnliche Erfahrungen gesammelt. Und nicht nur deswegen aber auch weil der Lebemann ganz allgemein die sensorischen Erfahrungen wohl schätzt und sich auch mal von ihnen mitreißen lässt, dachte ich wieder an diesen schönen, den resonierenden Ausspruch bei Nietzsche vom Anfang des Beitrags.  

Deswegen ist er hier jetzt nochmal — jetzt mit ein wenig mehr Kontext, damit man sieht, dass ich das Zitat, mit dem, mit dem ich es hier in Verbindung bringe, schon sehr aus seinem Kontext reiße: 

Die Feststimmung — Gerade für jene Menschen, welche am hitzigsten nach Macht streben, ist es unbeschreiblich angenehm, sich überwältigt zu fühlen! Plötzlich und tief in ein Gefühl wie in einen Strudel hinabzusinken! Sich die Zügel aus der Hand reißen zu lassen und einer Bewegung wer weiß wohin? zuzusehen! […] Es ist der Traum des Bergsteigers, der sein Ziel zwar oben hat, aber unterwegs aus tiefer Müdigkeit einmal einschläft und vom Glück des Gegensatzes — eben vom mühelosesten Abwärtsrollen — träumt. [1]

Ja, ich reiße ihn aus dem Kontext, aber… wirklich?: “Gerade für jene Menschen?” 

Ich dachte also an den Machtmenschen bei Nietzsche. Und es erinnerte mich daran, dass ich noch neulicher als ich den jungen Lebemann traf in einem WDR-Podcast zum Lebenssinn — Wer hört denn sowas?! —  gehört habe, dass heutzutage, gerade in materialistischen Gesellschaftskreisen, der metaphysische Sinn von einem sensorischen Sinn abgelöst wird. [2] 

Und dieses Erinnern führt im Folgenden jetzt zu einer kurzen (etwa zweiminütigen) Vielleicht-Detour, weg von den eigentlichen Pfaden dieses Beitrags. Dafür schafft es aber wohl Bewusstsein, dass besagter Ausspruch eben in einem machtmenschlichen Kontext stand. 

Und nebenbei bemerkt fügte sich dann ja ohnehin noch alles. 

Warum? Vermutlich, weil es gar nicht anders konnte als sich zu fügen. Schließlich wurde ja alles zusammengefügt. 

Aber sicherlich haben auch viele, mit unklaren Grenzen versehene Schubladen im Beitragsschrank ihren Teil dazu beigetragen. Und ja, das lag sicherlich auch daran, dass gerade kein anderes passendes Verräummobiliar zur Verfügung stand, aber ich finde, dass der Schrank nichtsdestotrotz ein zusammengehöriges Bild ergibt. Ich gebe aber zu, dass an der einen oder anderen Stelle Schubladen vielleicht noch allzu schummrig bleiben und man auch darüber streiten könnte, ob nicht einiges, was sich jetzt so in den Schubladen befindet, nicht eigentlich nicht nur in ein anderes Verräummobliar als den Schrank, sondern gar in einen anderen Raum dieses, meines Hauses gehört.  

Ich lasse mir allerdings keinen Diebstahl vorwerfen: Alles wurde ehrlich erhört und erlesen! 

Insofern: erhöret mich auf meiner Detour. 

Ja… … also zurück zur Detour und dem aus dem Kontext gerissenen Nietzsche Zitat. 

Anders als bei Blumen, finde ich, dass es bei Paragraphen erlaubt ist, sie aus dem Kontext zu reißen, ihnen, wenn man denn will und ihnen für sich, einen neuen Kontext zu geben, wo sie dann eben nochmal ganz neu erblühen können; aber, wenn es sich anbietet, dann sollte man doch wenigstens versuchen, Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Blume eben ursprünglich aufgrund der klimatisch günstigeren Bedingungen in Frankreich stand. 

Also obwohl und weil der Paragraph ursprünglich im Kontext des Machtmenschen stand, dachte ich, dass es da sicher Schnittmengen gibt zwischen diesen Machtmenschen und den materialistischen Gesellschaftskreisen des WDR-Podcasts. 

Genauer, dachte ich, dass die Feststimmung als Traum des Bergsteigers vielleicht mittlerweile ihre Natur ein wenig verändert hat und in diesen Gesellschaftskreisen heute nur noch selten als Traum des Bergsteigers vorkommt. Einst hatte man vielleicht so geträumt, um dann… 

dann ist man wieder freier, erholter, kälter, strenger und strebt unermüdlich nach dem Gegenteile weiter: nach Macht. [1]

Um dann weiter nach Macht zu streben. Vielleicht war das so gewesen, hat sich heute aber verändert.  

Vielleicht hat die Sinnlichkeit heute den Platz des Sinns aber auch schon weitgreifender eingenommen und auch nicht nur, wo sich Machtstreben und Materialismus zum nächsten Meeting huschend, nicht “Gute Nacht.” sagen, sondern lächelnd, den neuen, zu nutzenden! Tag begrüßen, so zwar belanglose, aber äußerst effiziente Grußfloskeln austauschen. 

Vielleicht werden es mit mehr und mehr erfahrbarer Sinnlichkeit ganz allgemein, immer noch mehr Menschen, die ihren Sinn in der Sinnlichkeit finden können; vielleicht aber auch nur bei den Töchtern und Söhnen jener, die einst erfolgreich nach Macht gestrebt hatten. 

Ja. In diesen Kreisen könnte das immer so ein Zyklus sein. 

[An dieser Stelle soll nicht darauf verzichtet werden, auf das Bild hinzuweisen: ein Zyklus in Kreisen. 🙂 Ein doofes Smiley ‘:)’ à la *hihi*, darf (erhobener Zeigefinger) auch nicht fehlen.] 

Also: Ja. In diesen Kreisen könnte das immer so ein Zyklus sein: Macht als Sinn, die Sinnlichkeit als Traum des Bergsteigers, bis so viel verfügbare Sinnlichkeit das Streben nach Macht verblassen lässt und die Sinnlichkeit schließlich die Stelle des Sinns einnimmt. 

Dort ersetzt dann Sinnlichkeit also Sinn. Klingt so dann ebenso ernüchternd wie nachvollziehbar. 

[Aber “ernüchternd” gefällt mir nicht. Das klingt dann schon wieder so ‘na endlich sieht er die Dinge mal nüchtern — wie sie wirklich sind’. Weil das dann wieder so von-oben-herab klingt, ich aber nicht glaube, dass das (Sinnlichkeit ersetzt Sinn) von einer höheren Position heraus beurteilt wirklich so befürwortet — und daher auch nicht als nüchtern, wahr abgetan — werden kann.] 


Bei Nietzsche bleibend, könnte man sich dann fragen, ob nicht vielleicht die Töchter und Söhne der gestrig erfolgreichen Machtstreber heute mühelosest Abwärtsrollende sind und ihr Streben nach Geld, Status, Macht, etc. heute ihr Traum vom mühsamen Bergsteigen ist. So könnten sie ja dann, wo auch immer es sie träumend vom Bergsteigen hin verschlägt, den Zyklus schließend, zwischen all der Sinnlichkeit, in der man lebt und in der genug Sinn gefunden wird ihre neue Feststimmung: das Machtstreben verbreiten. 

Und vielleicht schließen wir da ja dann sogar wieder in unfruchtbaren Phasen Zyklen. Oft gibt es ja zwischen den unterschiedlichsten Ausprägungen solcher Begriffe (der Zyklus) ganz und gar unwahrscheinliche Gemeinsamkeiten. 

Würde auf jeden Fall einiges erklären. 

Aber ich weiß es nicht. Ich weiß das alles nicht. Kann es nicht einschätzen. Und wenn wir von Zyklen sprechen, spätestens dann, kenne ich mich nun wirklich gar nicht mehr aus. Aber mit ihnen sind wir wenigstens weit genug vom Thema abgekommen, dass selbst ich den Kopf so sehr schüttle, dass die Gedanken von der Vielleicht-Detour zurück auf die vorgesehenen Bahnen des Beitrags fallen. 

Wir kehren von dem ganzen Macht-&-Menstruations-Gerede also zurück zu meinem Resonierenden des schönen Zitats. 


Denn weder waren meine Lebemänner, noch bin ich Machtmensch. 


Was war mit meinen Lebemännern geschehen, als sie sich die Zügel einmal aus der Hand reißen ließen, einer Bewegung wer weiß wohin? zusahen!? Und was geschieht mit den nochmal anderen, denjenigen, die keine Lebemänner sind, wenn sie sich dieser “Ausnahme-Stille” [1] hingeben? Und klar, die Frage kann jetzt auch nicht ausbleiben: Was geschieht mit mir? Zu guter Letzt: Was geschieht mit dem einfachen Wanderer, wenn er es tut? 

Wird er einfach mitgerissen? Auf Nimmerwiedersehen, verloren? Verloren im Traum? Was geschieht mit dem Wieder-Anderen? 

Fängt er erst an zu träumen? Vom Bergsteigen zu träumen? 

Wo führt ihn die Stille hin? Was füllt die (ach! so schöne!) Leere, die Ausnahme-Stille, die dann da auf einmal steht? 

Was füllt die (ach! so schöne!) Leere bei mir?

Ja: Was füllt die (ach! so schöne!) Leere?

Das wäre ein guter Punkt um aufzuhören. Vielleicht ist es ein guter Punkt, um sich das einmal zu fragen, was würde solch eine Ausnahme-Stille bei dir füllen? 

… 

Wer will darf hier jetzt also Schluss machen und sich diese Frage stellen. 

… 

Ansonsten könnte das — etwas, das ich während des noch neulicheren Hören… hörte— hier reinpassen: das selbst gehämmerte Lebenssinnkonzept Nietzsches [3] sei darin, dass es den Ursprung eines bejahbaren Lebens nur in sich sucht, zum Scheitern verurteilt. 

… Ließ da jemand nichts Fremdes, Unvorhergesehenes in die (ach! so schöne!) Leere eindringen? … Woran erinnert mich das nur? 

Aber erstmal: warum ist es zum Scheitern verurteilt? 

Vermutung [2]: Es erwartet sich, hämmert es doch unermüdlich, ein bejahbares Leben. Aber so viel es auch hämmert, das Leben lässt sich nicht bejahrbar hämmern. So wird es enttäuscht, weil es keinen Raum für irgendetwas anderes lässt, Sinn aber doch immer erst im Kontext entsteht. 


Ich weiß nicht, was dieser Screenshot hier zu suchen hat! 

Was war nun aber beim Lebemann anders? 

Vermutung: Ihm stoßen Dinge zu. 

Darüber hinaus, glaube ich, dass ein Lebemann nicht nur nicht versucht, das Leben auf drei Weisheiten runterzubrechen, sondern vor allem schon gar nicht — und das ist wohl der dahinterliegende Unterschied — sich des Pudels Kern zu nähern. Er muss nicht immerzu zu einem schön gebündelten Kern gelangen, bei ihm schwingt in Stimme und Körperhaltung dabei nicht immerzu ein ungeduldiges “endlich!” mit. Er lässt Dinge geschehen. 

Um jetzt einen Ausgleich für das Verpassen des Endes zu geben, das eigentlich besser gewesen wäre, werde ich noch einmal ein wenig konkreter und es folgt noch ein drittes Mal: Ein Lebemann — ich weiß gar nicht, was das ist. 

Ich glaube aber, dass mein Bild von einem Lebemann sehr viel mehr mit all den schönen Frauengeschichten zu tun hat, als das eigentlich für den Lebemann, wie ich ihn erkenne, Relevanz (gehabt) hat. 

Und auch, dass mein Bild von meinem Lebemann sehr viel mehr mit all den schönen Frauengeschichten zu tun hat, als das eigentlich in der teils Leere, teils emotionalen Intensität als kleine Nicht-Liebes-/Liebesgeschichte irgendeine Relevanz für einen Lebemann, wie er in Enzyklopädien zu finden ist, hat. 

Ich glaube, der Enzyklopädien-Lebemann entspricht viel mehr dem Produkt eines stark materialistisch geprägten Weltbildes und der damit einhergehenden Möglichkeit, Sinn in Sinnlichkeit zu finden und das Leben in dieser Form auch über Jahre hinweg zu leben. Weiter glaube ich, dass sich diese Möglichkeit so gut wie jeder gutaussehenden, jungen Frau bietet, was vielleicht auch erklärt, warum mich ältere ‘Lebefrauen’ noch selten wirklich fasziniert haben. 

Noch weiter glaube ich zu sehen, aber nicht zu verstehen, dass diese durch die materiellen Mittel zur Verfügung stehenden sensorischen Reize dann auch eine starke Anziehung ausüben — im Fall der gutaussehenden, jungen Frau braucht es dann wohl noch nicht mal viele Mittel, nur ein wenig frauliches Geschick, damit sich diese Möglichkeit auftut. 

Man kann den Gedanken dann wohl auch auf allgemein gutaussehende, junge Menschen und zu einem gewissen grad dann auch auf einfach junge Menschen weiterspinnen. Das Objekt der Beobachtung verliert dann aber wohl immer mehr der aus Leichtigkeit geborene Anziehungskraft dieses (Nicht-)Lebensentwurfs. 

Ein letztes mal: Weiter gebe ich zu, dass je mehr aus Leichtigkeit geborene Anziehungskraft ich zu erkennen glaube, desto mehr störe ich mich daran, dass dem nachgegeben wird. 

Womit sich dann aber, vielleicht, zumindest Zweierlei erklären würde. (i) Warum der erste Paragraph “Plötzlich und tief in ein Gefühl wie in einen Strudel hinabzusinken! Sich die Zügel aus der Hand reißen zu lassen und einer Bewegung wer weiß wohin? zuzusehen!” so resoniert; und (ii) warum es manchen Menschen (z.B. dem Vorleser) so schwer fällt, dass sich Dinge einfach mal so ergeben. 


In dem Beitrag stehen für mich die Söhne und Töchter des Machtmenschen für den Typus mit besonders viel aus Leichtigkeit geborener Anziehungskraft. 

Bei ihnen geht es jetzt also aber hauptsächlich um den Lebemann, wie ich ihn mir aus kurzen Blicken in Online-Enzyklopädien vorstelle. Dann gibt es noch meinen Lebemann, wie ich denke, dass er ist, und dann auch denjenigen, den ich erkenne, wenn er mir über den Weg läuft. 

Der zu erkennende Lebemann ist viel mehr das Produkt einerseits dieser sensorischen Erfahrung, aber auch vieler  — ich will fast sagen spiritueller, bleibe aber lieber bei:  —  emotionaler Erfahrungen. 

Vermutlich hätte ich diese ganzen verschachtelten Sinn- und oberflächlich bleibenden Gesellschaftsdebatten jetzt besser rauslassen und den Text auf ein gerade noch so als künstlerisch durchgehendes Maß reduzieren sollen. 

Das habe ich nicht getan, ende aber immerhin nach einigen, dann doch angebracht gewordenen Erklärungen und ein paar neuen Fragezeichen im Kopf, mit dem eigentlich doch sehr gelungenen Ende: 

Was füllt die (ach! so schöne!) Leere?

Marco 


[1] Nietzsche Aphorismus 271 “Die Feststimmung

[2] WDR-Podcast “Über den Lebenssinn” — Der Link funktioniert bis 19.09.2020

[3] Um Nietzsches selbstgehämmerte Lebenssinn Konzept Generation Y-anspruchig kurzzusammengefasst geliefert zu bekommen, googlte ich “Good Quotes Nietzsche” und der zweite Treffer ist:

No one can construct for you the bridge upon which precisely you must cross the stream of life, no one but you yourself alone.

Das ist dann wohl Nietzsches Lebenssinn Konzept in einem Satz. Natürlich auf Englisch. Da klingt das viel motivationalquoteiger. 

(Der erste Treffer war übrigens:

There are no beautiful surfaces without a terrible depth.

In diesem Sinne: Ein bisschen Gift gefällig? … Das ist doch auch ein schönes Ende. Und ich kann noch auf Lewis Carroll, hier, verweisen.)