Ab in die Zukunft - Rolltreppe
Foto von Tomasz Frankowski auf Unsplash
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Ein junger, gesichtslos bleibender Erzähler tritt in eine Zeit hinein, sieht sich kurz um, mischt sich in unsere Geschichte ein und sagt: 

“Die Betrogenen leiden — unter einem Moralbegriff. 

Sie sprechen von… amorphen Verlusten. 

Von bunten Farben, von dem Ergrauen von Welten, von zyklischem Leiden und immer wieder hatten sie… es bereits geahnt.” 

1

Ein Mann tritt auf den Balkon. 

Die Hausdächer um ihn herum sind farblos, wie alles farblos ist. 

In den letzten Jahrzehnten hatte alles, nach und nach, seine Farbe verloren. Einer nach dem anderen seiner Freunde waren, Gesicht um Gesicht, in den großen, grauen Farbtopf gesprungen und dann grau in einer grauen Welt umhergewandert. 

Er selbst war… lange noch um den Farbtopf herumgelaufen, hatte ihn misstrauisch beäugt, sich über ihn und die graue Welt den Kopf zerbrochen. Doch irgendwann war auch er gesprungen. 

Er ahnte bereits, was er jetzt sehen würde, was wäre er auch sonst auf den Balkon geklettert, um in sein eigenes Schlafzimmer zu blicken. “So war es nunmal.”, dachte er. Und jetzt waren es nur noch ein paar Schritte bis zu seinem Fenster. 

Ja, er wusste, was jetzt kommen würde und trotzdem stolperte er als er die beiden dort sah.

Schritt um Schritt. 

Noch ein Schritt und dann war da auch das Ende des Balkons und noch ein Schritt und dann war da ein Klecks Farbe, ein roter Klecks Farbe auf dem grauen Boden in einer grauen Welt. 

Wie er sich da liegen sah, traten noch mehr Farben aus ihm heraus, bunte Farben. Hah… hatte… er es doch gewusst. Sie spülten die alles überlagernde, graue Farbe fort. Leider zu spät. Bald spülten sie alles fort und ihn gleich mit.


2

Zwei Menschen stehen nebeneinander auf dem Laufband. Es ist 4:45 morgens. Gegen 4 Uhr waren sie aufgestanden, kurz ausgewaschen, der Jüngere hatte sich das bereits zurechtgelegte Outfit aus der eigenen Kollektion noch im Halbschlaf angezogen und jetzt hieß es Kardio, danach Krafttraining, dann noch einmal eine kurze Kardiosession. Im Training wurde nicht geredet.

Auf dem Laufband davor und danach, konnte man kurze Ausnahmen machen.

Der Jüngere der beiden, noch keine 23, hatte gerade die vierzig Millionen Follower auf seinem TikTok-Account geknackt. Der Ältere, war stolz auf ihn: Er hatte es in ihm gesehen. 

Am Wochenende treffen sich die beiden auf einen Kaffee.

Ein 27-Jähriger geht vorbei. Er kennt die beiden, der Ältere war einst sein bester Freund und Mentor gewesen. 

Auch in dem heute 27-Jährigen hatte er es einst gesehen. 

Dieser hatte aber keinen YouTube-Channel aufgemacht, keine Instagram-Karriere verfolgt, er hatte nichts von alledem gemacht; an nichts hatte er sich durchringen können teilzunehmen. 

Eine ganze Weile hatte man sich so sein Tuen angesehen. 
Eine ganze Weile hatte man nichtsdestotrotz auf ihn gesetzt. 

Und jetzt sah der 27-Jährige die beiden dort sitzen und jetzt verstand er, was sich verändert hatte. Er hatte es bereits geahnt, denn er sah doch auch all die neuen jungen Potenziale, die Jüngeren, die Mehrerreicher und doch stolperte er jetzt ein paar Meter zurück als er seinen Freund und Mentor dort mit dem ihm wohl geläufigen 23-Jährigen sitzen sah. 

Dann drehte er sich um. 

Ein paar Meter ging er noch. Dann setzte er sich auf eine Parkbank und sank in sich zusammen. 

Jetzt realisierte er, was er eine Weile nun schon geahnt hatte: 
Er. war. ersetzt. … Es war vorbei. Sogar seine Freunde hatten den Glauben an ihn aufgeben. 

Er sah an sich herab und sah den Klecks roter Farbe unter seinem schwarzen Pullover hervordringen. Etwas war zerbrochen und jetzt zerlief es; lief als rote Farbe an ihm herab. 

Das Wesen unter ihm stand nach einiger Zeit wieder auf und bewegte sich in Richtung einiger Häuserreihen. 

Er aber sah von oben auf das Wesen und was sah er da… da war… jetzt doch… AAaaa!! … bunte Farbe… er sah, wie sie aus diesem Wesen entwich, wie es jetzt Grau in Grau mit all den anderen fortschritt; sah, wie die bunte Farbe den Körper verließ und von einem vorbeifliegenden Schwarm Vögel in die Lüfte getragen wurde. 

Dann flog der Schwarm einen abrupten Bogen und die Vögel nahmen ihn gleich mit. 

Alles löste sich auf. 


3

Es beginnt zu klopfen. 

Vorgestern hatte er wohl noch gedacht, es würde, wie immer, reichen anzurufen. Gestern hatte das Telefon dann immer öfter geklingelt, gegen Abend hatte es nicht mehr aufgehört zu klingeln, dann hatte es aufgehört und jetzt klopfte es. Immer lauter, immer panischer. 

Sie freute sich nicht darauf, was gleich kommen wird. Warum gibt es noch keine Institutionen für so etwas? 

“Wart’ doch noch ein wenig ab.”, macht eine Stimme im Hinterkopf. 

War es der Erzähler? Nun zumindest hatte die Stimme starke Ähnlichkeiten mit der des Erzähler; noch immer jung, noch immer distanziert; nur mittlerweile fast schon gehässig oder enttäuscht?… nein, das konnte nicht der Erzähler sein. 

Als sie die Stimme im Hinterkopf bemerkt, wundert sie sich: Die Stimmen waren also auch jetzt noch da. Sie klangen nur ein wenig ferner, als gehörten sie nicht mehr zu ihr. 

Kurz fragt sie sich, was es wohl damit auf sich hat, doch lässt sie sich davon nicht lange aufhalten: Denn… ja, eine Institution bräuchte es. Das würde so vieles einfacher machen. 

Die Kinder hatte sie geliebt, erzogen und jetzt waren alle auf ihrem Weg; ihre Arbeit war gemacht, die Nachfolgerin eingearbeitet und die Hunde waren beerdigt. Was hätte jetzt noch kommen sollen? 

“Frau R.”, hatten die Leute gesagt. “Das ist eine taffe Frau.” Selbst hatte sie nie studiert, aber die jungen Studentinnen hatten zu ihr aufgesehen. 

Was diese guten Mädchen wohl daraus machen würden? 

“Frau R.”, hatten sie gesagt. “Die hatte sich hochgearbeitet, die hatte das Leben im Griff und das trotz der Kinder. Eine großartige Mutter, was für eine Frau.” 

Irgendwann hörte es auf zu klopfen. Sie glaubte, dass er es bereits ahnte. 

Dann stand er am Fenster; sah, wie sie dort lag und brach in Tränen aus. 

Beide Hände und den Kopf gegen das Fenster gepresst dampfte sein Atem an den kalten Fensterscheiben. Er zog sich langsam zurück, holte gefasst den Notschlüssel aus seinem Versteck, ging zurück zur Haustür, trat durch die Tür und ging auf die Gestalt am Boden zu. 

Eine Weile lag er auf ihr, weinte, wie er das als kleines Kind getan hatte noch einmal auf ihrer Brust. Von oben sah sie jetzt das wunderschöne Reservoir bunter Farbe in ihrem leidenden Sohn ganz klar und deutlich, wollte es ihm zurufen, aber er hörte sie natürlich nicht. Sie sah nur noch wie sein Kopf hochzuckte, dann aber den Zettel neben ihr nahm und las. Er endete mit: 

Danke, dass du noch einmal gekommen bist, mein Großer. Ich wollte euch nicht zur Last fallen. 
Deine dich liebende Mama. 

Danach lies er sich wieder auf die stille Brust seiner Mutter sinken und weinte,; schlief schließlich, über sie gebeugt ein. 

In seinem Traum war er wieder jünger, viele Jahre jünger; er war in seinem alten Heim zu Besuch. Hier war alles gut, aber etwas zog ihn in den Keller. Er öffnete die Tür, ging hinab. 

Dann stand er dort vor der Tür; der Tür, die niemand hatte öffnen dürfen. 

Eisern, kalt, bedrohlich und unverrückbar stand sie da vor ihm. 

Er setzte die Hand an die Klinke. Alles war nur noch Hand und Klinke. Das war er jetzt also: der Moment; der Moment, vor dem alle solche Angst gehabt hatten. 

Er drückte und dann brach es durch: ein Schwall roter Farbe, der ihn und bald sein ganzes Haus mit sich riss. Es war zu spät. Zu viel hatte sich angesammelt. Als er jetzt die Tür öffnete, riss sie alles weg, ihn, seine ganze Welt, alles.  


Mit viel roter Farbe vor Augen wachte er auf, zerbrach und schwebte weg. Kurz schimmerte noch ein graues Wesen unter ihm, das sich auf eine Couch setzte und starrte… ein graues Wesen, das teilnahm und sich beeilte… ein graues Wesen, das sich nicht unterdrücken lies und liebte. 


Marco

Das Leiden eines Betrogenen an einem Moralbegriff und die erste Szene sind angelehnt an einen Satz und eine Szene aus “Der lautlose Makubra” (1980) von Jochen Kuhn.