Dunkler Innenhof, man könnte auch düster sagen; man könnte mit viel Fantasie sogar einer Zaubereruniversität sagen
Foto von Toa Heftiba auf Unsplash
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Der Druck aber auch die Möglichkeiten, mal wieder Abwechslung zum stupiden Pumpen einzubauen war gestiegen und deswegen fand ich mich wohl zu ungewöhnlichen Uhrzeiten, an überfüllten Orten wieder. In dem Kurs war zwischen all den aufgereihten Laufbändern voller Münchner Fitnessgirls kein Platz mehr und so suchte ich mir einen kleinen freien Fleck in einem dunklen Eck an den Hantelständern. 

Dort legte ich meine Unterlagen: das Handtuch und die Blackroll — ab. 

Heute luden mich die eher restriktiven Möglichkeiten und das Deswegen geradezu dazu ein, mal wieder eine funktionalere Übung zu machen: Einbeiniges Kreuzheben mit der Kurzhantel. 

Bevor es damit losgehen sollte, ging ich nochmal kurz zu einer Freundin und als ich dann wieder zurückkam veränderte sich die Szenerie um mich herum: In meinem Rücken war ein riesiger Innenhof, der an den einer Eliteuniversität für Zauberer erinnerte. Das bemerkte ich aber kaum, denn für mich hatte sich damit nichts Wesentliches geändert: Ich war einfach weiterhin in vertrauter Umgebung. 

Vor mir gingen zwei bis drei Mädchen, eine etwas größere Schwarzhaarige und eine etwas kleinere Braunhaarige, auf meine Unterlagen, die sich wohl mittlerweile auch verändert hatten (jetzt waren es wohl Bücher und Stifte), zu und unterhielten sich darüber, dass sie sie doch in den kleinen Kanalisationsschacht neben ihnen schubsen könnten.  

Aus meiner Perspektive wirkte das geradezu böswillig und ich fand das auch nicht gut, aber ich war keine 21 mehr und wusste mittlerweile, dass ich das nicht verstehen musste; schloss nicht direkt, dass das ein für alle mal böse Mädchen waren, die mir nur schaden würden und mit denen ich nichts zu tun haben wollen würde. 

Trotzdem konnte ich es natürlich nicht zulassen, dass man meine Unterlagen in den Kanalisationsschacht hinunterschubsen würde. Ich holte auf und hielt die zwei bis drei im letzten Moment zurück. Keinerlei Schuldbewusstsein, niemand fühlte sich ertappt; sogar noch ein, wenn auch spielerisches, kurzes Ringen um die Erlaubnis, meine Sachen hinabschubsen zu dürfen, — Ja sag mal… geht’s noch?! — und bald fanden sich das braunhaarige Mädchen und ich unten in der Kanalisation wieder. 

Direkt unter der kleinen Öffnung aus der Kanalisation in den Innenhof. Oben standen ihre Freundinnen.  

Wir hatten kaum zwei Sätze gewechselt — küssen uns.

Zu dem Zeitpunkt ist sie noch keine 19; ein hübsches Mädchen; braune Augen, braune Haare. 


Jetzt mache ich eine kurze Zeitreise — sitze vor einem Jahrbuch: 

Dort sehe ich meine Traumfrau. Das bereits etwas ältere Porträt einer Mittdreißigjährigen schaut mich aus den, wie es sich für das Jahrbuch einer Zaubereruniversität gehört, schon leicht vergilbten Seiten heraus an. Klein, zentral und eine ganze Seite für sich, sitzt es da. 

Und während ich, ein die 40 lang überschrittener, verdienter Harry Potter, seinen Untertitel lese, sagt eben jene wunderschöne Professorin mit den braunen Augen und braunen Haaren hinter mir: “Wenn du damals nicht so gut geküsst hättest…”. 

Dabei schwingt in ihrer Stimme mit, dass diese Küsse schon für so einige Unzulänglichkeiten dieses Harry Potters herhalten mussten. Zudem wusste sie zu dem Zeitpunkt ja noch nicht einmal, dass ich ein, ja gar der Harry Potter war; und nachdem sie es dann wusste, hatte das dann noch nicht einmal wirklich einen Unterschied gemacht. Und ich, der ich mein junges Ich noch gut in Erinnerung habe, kann ihrem mitschwingenden “was warst du nur für ein Vogel” nur zustimmen. 

Und irgendwo ist es ja auch liebevoll gemeint, immerhin nähert sie sich in unserem Zuhause langsam von hinten, weiß, dass ich schon immer noch ein Vogel bin, sie mir nur ein paar Marotten ausgetrieben hat und im Nachklang wird das Gesagte dann auch eher zu einem erleichterten und dankbaren “Wenn unser Kuss damals nicht so schön gewesen wäre…”, das glücklich auf die gemeinsame Zeit zurückschaut. 


Als ich in die frühere Zeit zurückkehre, waren wir bereits wieder aus der Kanalisation zurückgekehrt und ihre Freundin(nen) hatten uns berichtet, dass, als wir uns da geküsst hatten, schreckliche Monster um uns herum aufgetaucht waren. Wir hatten es überhaupt nicht mitbekommen, aber als ich die Videoaufnahmen von uns sah, da wurde mir schon wirklich mulmig. Diese Monster waren wirklich schrecklich. Gerade der lilane, breierne Wurm mit einem Gesicht wie eine stählernen Maske in seinen weichen Körper gedrückt; mit den großen, spitzen, gefräßigen und weiß blinkenden Zähnen, roten Lippen und dem passend luziferischen Verkäuferlächeln dazu blieb mir vor Augen. 

In Gedanken bei diesen Monstern ging ich durch den Innenhof der Universität zu Hagrid. Mir ist ganz klar, was von mir erwartet wird: mich um die Monster zu kümmern. Aus den Fenstern schauen mich von überall Kommilitonen, Lehrer und Lehrerinnen vorwurfsvoll an. Und dabei wissen sie doch genau: Diese Monster waren schon immer da gewesen, hatten schon immer in der Kanalisation ihr Unwesen getrieben. … Diese Unwesen!; nichtsdestotrotz machten sie es mir zum Vorwurf, denn ich hatte sie jetzt darauf aufmerksam gemacht. Jetzt wussten sie um die Monster! Und das schmeckte ihnen gar nicht. 

Ich ging also in Hagrid’s kleinen Laden, um ihn um Rat zu fragen. 


Marco (Mehr so Dinge: hier; Möglichkeiten dem zu folgen: hier.)