Ein Schlafzimmer
Foto von Jp Valery auf Unsplash

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Ein ruhiges: “Nein.” 

“Nein, der Herr Lindemann hat nichts in meinem Leben zu bedeuten… es hätte nichts ausgemacht, nichts verändert, hätte ich ihn nie kennengelernt.” 

Das wunderte die Reporterin. Sie hatte das Gespräch doch extra auf Herrn Lindemann gebracht, weil es ihr merkwürdig vorkam, dass Herr Lindemann nicht einmal in dem ihr vorliegenden Werk erwähnt wurde. 

Nicht eine Zitation Herr Lindemanns war darin zu finden. Einmal hatte sie sogar extra im Gesprächsgegenstand bei einem ähnlich klingenden Namen nachgesehen, ob da nicht vielleicht ein Tippfehler unterlaufen war und es eigentlich Herr Lindemann gewesen war, der dort zitiert werden sollte. Aber nein: dem war nicht so. 

Merkwürdig kam ihr das alles vor. Hatte CC ihr letztes Buch nicht noch geradezu ausschließlich über Herrn Lindemann geschrieben? 

Er war so präsent darin gewesen, dass er fast im Titel hätte vorkommen können: ‘Herr Lindemann — Wirkkraft des kollektiven Unbewussten.’ oder so ähnlich. Zumindest ein weißes Cover mit einem roten Kreis darauf — da war sie sich ganz sicher. So hatte es ausgesehen. Und Herr Lindemanns Einfluss hatte man mitnichten unter den Tisch gekehrt. Nein, nein. Mitnichten. 

Währenddessen macht CC aber schon weiter. Sie spricht in gutmütigem Ton — mehr zu Herrn Lindemann als zur Reporterin. 

[Ich glaube übrigens nicht, dass die Reporterin weiß, dass Herr Lindemann dort im Bett liegt und auch Herr Lindemann weiß wohl erst jetzt, dass CC weiß, dass er dort im Bett lag. Ihm war es aber selbstverständlich klar gewesen, dass CC es zumindest hatte ahnen müssen und beide (CC und er) wussten, dass er jetzt in keiner Weise entdeckt worden war; höchstens aufmerksam geworden war man auf ihn; entdeckt — wie ein gelüftetes Geheimnis — war er nicht. Davon konnte nicht die Rede sein. Also:]

Mehr zu Herrn Lindemann als zur Reporterin fügt CC auf die Frage jener noch hinzu: “Das einzig Positive, das ich über Herrn Lindemann sagen kann, ist, dass er zwei Charakterzüge… oder vielleicht besser zwei Wesenheiten, zwei Persönlichkeiten in sich hat, die mir… fehlen: den Hund und die — ” 

Hier kann Herr Lindemann nicht mehr länger zuhören. ‘Das einzig Positive?!’ Er hatte die ganze Zeit unter der Bettdecke gelegen und mit einem Auge das Geschehen verfolgt: 

Die Reporterin, wie sie, halb unter dem Bett sitzend, halb die Nase im eigentlichen Gegenstand des Interviews versenkt, Fragen stellte; CC, die immer mit einem leichten, wissenden Lächeln im Gesicht antwortete, vollkommene Ruhe (fast schon Gleichgültigkeit — zumindest dem aktuellen Gesprächsgegenstand (Herrn Lindemann) gegenüber) ausstrahlte und, im Gegensatz zu den anderen beiden, ebenso mitten im Raum, wie halb in der eingehenden Tür stand

Nein! Das war zu viel der Kränkung! Er sprang auf und stürmte mit einer seine tiefe — ja, tiefe! — Kränkung zum Ausdruck bringenden wüsten Beschimpfung gegen CC auf den Lippen aus der ausgehenden Tür des Raumes. Er war verletzt und das vollkommen zurecht. 

Dir werd’ ich es schon noch zeigen! Halb ist er durch die Tür, da stößt er noch ein knappes “Was?” aus: ‘den Hund und die — Was?’ 

Da ist er auch schon wieder neugierig, ganz und gar neugierig. 

Jaja, jetzt hasste er sie und ja! natürlich rügte er sich jetzt auch schon wieder für seine Neugier: Man hatte nicht neugierig zu sein, wenn man jemanden hasste, schon gar nicht auf das, was er oder sie zu sagen hatte! Jaja. 

Er wusste das doch alles. Aber er würde es ihr ja ohnehin ‘schon noch zeigen’ und für das Rügen war auch später noch Zeit genug. Also: Was? Was war da in ihm, das ihr fehlte? 

Der Hund und die… was? 

Nun aber war es zu spät. Er war schon halb aus dem Raum und die restliche Hälfte drängte ihn seine Kränkung weiter. ‘Den Hund und die… was?’