Sowas wie ein alter Briefkasten... oder zumindest eine Postbox.
Foto von 4motions Werbeagentur auf Unsplash

Link zum ersten Teil der Serie.

Audioversion.

Liebe Sharon,

Briefe fängt man am besten mit einem einfachen, wahren Satz an. Am besten sollte dieser Satz direkt vom Herzen kommen. Das muss nichts Neues oder gar Überraschendes sein, es reicht eine knappe Feststellung: “dein Name gefiel mir sofort.”, “ich möchte mich bei dir dafür entschuldigen, dass ich dir oft nicht in die Augen sehe.”, “mir fiel letztens auf, dass es mir nicht schwer fällt den Strauß Blumen wegzuwerfen”, oder “du hast natürlich recht: wir alle sollten und gerade ich sollte mehr Briefe schreiben.”, solche Dinge reichen schon. Und hat man so einen Satz gefunden, folgt daraus dann auch schon der Rest des Briefes.

Man beginnt zu schreiben — so viel ist da doch, was es noch zu sagen gibt. 

Solch ein gefühlsintensiver Satz, enthält in dem Moment, in dem man ihm zum ersten Mal begegnet, dann immer einen ganzen Brief — manch einer kann ein ganzes Buch enthalten. Das Problem ist nur, dass sich, gerade wenn man nicht sofort Stift und Papier zur Hand hat, all die restlichen, eigentlich doch folgenden Sätze ebenso schnell wie dieser eine Satz gekommen war und ebenso stark wie er unbedingt gesagt werden musste wieder verflüchtigen, sodass ein Großteil solcher Briefe und Bücher verloren geht. 

Manchmal (wohl zufällig) trifft man dann aber eben so einen Satz zum richtigen Zeitpunkt, man schreibt und schreibt und es fließt aus einem heraus, aber: das geht (natürlich) nicht allzu lange gut. Dann verwirft man wieder alles und fängt von vorne an. 

Ein besonders unerfahrener oder gefühlsgeladener Briefeschreiber übermütet dann vielleicht wieder so los wie zuvor: beginnt Satz um Satz zu schreiben, bis er sie wieder verwirft… und macht damit alles richtig. 

Sei es dann der zweite, dritte oder auch unzählige Versuch, irgendwann beginnt auch er mit dem eigentlichen Schreiben des Briefes. Dann wird einer um den anderen Satz wohlüberlegt an den vorhergehenden gesetzt; im Vorhinein im Kopfe abgewogen, sich vorgesprochen, vermessen und abgeschmeckt bis man den Stift zunächst voller Bestimmtheit an das Papier setzt. Die ersten zwei bis drei Worte fließen noch aus dem Stift, aber schon mit dem nächsten und übernächsten Wort verfliegt die Bestimmheit. Der Schreibende schreibt trotzdem weiter — ‘man kann doch nicht auf ewig Sätze im Kopfe ausformulieren, da verheddern Worte und Gedanken sich nur, irgendwann muss man auch mal etwas zu Papier bringen’. Er schreibt. Dann stockt er, schreibt nichtsdestotrotz weiter — ‘jetzt hat man doch schon angefangen’ — und dann steht der Satz zwar noch recht nackt aber immerhin vor einem; der ein oder andere besonders gelungene Satz hockt auch mehr, schon zum Aufsprung bereit, streicht sich dann wie von alleine wieder und zwei bis fünf Worte aus ihm kommen ebenso eigenständig an einer anderen Stelle des Briefes zurück. 

Oft blickt man nach dem Niederschreiben des Satzes diesen aber auch nur fragend an: ‘Wie bist du denn dort hingekommen? Nein, das kann so nicht stehen bleiben; ich wollte doch etwas ganz anderes sagen; das führt doch zu nichts.’ Das Ausstreichen beginnt. Am Ende bleiben vielleicht noch ein, zwei Worte, vielleicht eine Redewendung von dem Satz übrig. In nächsten Versuchen werden sie wieder verwendet werden und dann werden auch sie wieder ausgestrichen, klein über sie eine (vermeintlich) bessere Alternative gekritzelt, um später nicht selten wieder auf die erste Wahl zurückzugreifen — im Zweifel nimmt man oft wieder die erste Wahl… immerhin hat sie eine gewisse Sonderstellung. 

So geht es weiter. Später — sagen wir nach etwa anderthalb Stunden — schreibt man sogar einmal einen Satz nieder und er wird bleiben wie er ist, aber das meiste wird immer weggestrichen. Man könnte — ja: sollte — es sich wohl zur Regel machen, das meiste wegzustreichen. Am besten macht man es sich gar zu einem schelmischen Vergnügen. 

Das Wichtigste aber ist: dass das an einem Stück niedergeschriebene, makellose und doch gewitzte, klare Produkt all dieser Bemühungen und nichts sonst unser Gegenüber erreichen wird — es wird nicht überflutet von all den ungelenken Gefühlsregungen und Satzanfängen; nein, diese erreichen es nur indirekt über die grazile Anmut eines schön formulierten Briefes, der jetzt eine solche Einheit darstellt, dass selbst der Schreiber die einzelnen Stücke nicht mehr wieder auseinandernehmen und in seine ungewissen Anfänge zerlegen könnte. Das ganze Produkt wirkt nun mühelos, wie an einem Abend gefertigt, als ein Guss aus der Feder geronnen — ohne all die Zweifel, die Hürden und das Überflüssige; nichts gezwungen, nichts gewollt, einfach nur getan und gekonnt… schön. 

Nun weiß jeder erfahrene Briefeschreiber aber, dass die größte Schwierigkeit beim Briefeschreiben nicht darin besteht, einen Brief zu schreiben, ja noch nicht mal einen guten Brief zu schreiben, sondern darin den Adressaten für solch einen Brief zu finden. 

Ich würde neben der nötigen Magie (es braucht doch erste Sätze und brennende Fragen, um genug Stoff für einen schönen Brief zu liefern) mindestens eine, eher zwei Wochen Distanz empfehlen. Solch ein Adressat muss dann also nicht nur genug von diesen Ausgangspunkten liefern; nein, in ihm oder ihr soll so ein erster, vom Herzen kommender Satz nicht den Wunsch das Erhalten des Briefes ungeschehen zu machen, sondern sogar das Verlangen nach dem Lesen (und so dann auch (sowohl bewusst als auch unbewusst, direkt und indirekt) nach dem Leser) wecken. 

Dieses Pendant zu finden ist, wie man sich vorstellen kann, gerade bei von Herzen kommenden ersten Sätzen und damit von Herzen kommenden Briefen, nicht ganz einfach. 

Hier kommen die zwei Wochen Distanz ins Spiel. Sie scheinen mir — gerade für manch komische Person — fast die einzige Chance auf so eine Beziehung; können so einigen Personen hilfreich sein. 

Das Briefeschreiben ist also eine Kunstform, die wie dafür gemacht zu sein scheint, sich zu verlieben. Da ist viel Warten, viel Vorfreude und wenig Gefahr Laufen dem anderen lästig zu werden. Und als Teil davon und darüber hinaus ist es eine Kunstform, die wie dafür gemacht ist, Bänder zu knüpfen — will man einen Menschen näher kennen lernen und einen Faden — das muss nicht immer ein roter; nein, es kann auch leicht einmal ein blauer sein — zwischen zwei Seelen, die sich ohnehin schon geneigt sind, knüpfen oder ein bestehendes Band pflegen, sollte man erwägen mit dem möglicherweise angehenden Lebensgefährten in einen Briefwechsel einzutreten.

Ja und dann sind da ja auch noch die sporadischen Gedanken und Hintergedanken, die wir uns tagein tagaus, nachtein nachtaus machen; wenn wir doch einen Brief von diesem, unserem Menschen erwarten; die in uns reifen können — am liebsten sind mir die, die wir kaum bemerken, dann aber irgendwann wie selbstverständlich, oft schon voll angekleidet vor uns stehen. 

Denn Dank dieser Gedanken ist uns unser Briefpartner in einer zu jeder Zeit willkommenen Weise, die wir anders kaum erreichen könnten, immer Begleitung und das Band zwischen uns, vor allem aber die Überzeugung im anderen einen Gleichgesinnten, bald einen Seelenverwandten gefunden zu haben, kann über Monate und Jahre hinweg stärker werden. 

Und all die noch gänzlich fundamentlose Überzeugung — ja, hier, an dieser Stelle hilft ihr das Fundamentlose geradezu — kann dann in die Liebe, Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt, mit der der nächste Brief angefertigt wird, gelegt werden; unser Pendant erhält dann nur das feine, schöne, gefilterte — vielleicht noch mit einem wie von den Nachwehen der Vorfreude geschützten, rohen ersten Satz versehene — Ergebnis unserer Bemühungen; Wochen später erhalten wir seines; und so geht es hin und her und die Ergebnisse können dann unter der Last des Vermissens zu einem stärker und stärker werdenden Band zusammengedrückt werden. 

Was will ich nun also mit diesem Brief? 

Keine Angst, ich will dir nicht sagen, dass wir beide derlei Seelenverwandte sind — wir kennen uns kaum und gerade das macht es für uns beide wohl am reizvollsten — ; ja, wir wissen beide — du besser und unbewusster als ich — , je näher wir uns kennenlernen würden, desto mehr verfliegt der Zauber; was ich aber mit dem Brief sagen will ist, dass es überraschend ist, wie Menschen, die so über Monate und Jahre hinweg, den anderen mehr in sich kennengelernt haben als ihn… nun eben… ‘wirklich’ kennengelernt zu haben, dann, irgendwann, aufeinandertreffen und die beiden über Monate der Ferne geformten Idealvorstellungen — weichen Sie auch noch so sehr von der Realität ab—fügen sich auf einmal zusammen.

Wir laufen uns über den Weg
Dein Nachbar
M.


Natürlich wurde dieser Brief niemals in Sharons Briefkasten geworfen. Dir, lieber Leser, wollte ich diesen, wie auch die nächsten, aber nicht vorenthalten. 


Link zum dritten Teil der Serie.

Marco (Hier mehr)

YouTubeVerzeichnis

Einige Gedanken (z.B. das mit dem ersten Satz) sind, soweit ich mich erinnere, hieraus: https://www.youtube.com/watch?v=ltgi2nv9CHk