Marco Zander

tapst umher und lernt. Macht Sport, liest und schreibt. Meist in München.

SK5 – Der Brief

Foto von Alexander Popov auf Unsplash

Link zum ersten Teil der Serie.

Audioversion.

Nun neigt sich diese kurze Geschichte, diese karge Briefsammlung wohl bereits dem Ende zu und ich möchte anmerken, dass ich es sehr richtig finde, mit dem ersten Beitrag Leser verschreckt zu haben, die vielleicht den zweiten und dritten Teil alleine schon gut und gerne gelesen hätten und die sich vielleicht auch durch einen ersten Teil gequält hätten, wenn dieser denn nicht ganz zu Anfang sondern nach Teil zwei und drei gestanden hätte; und wer hätte SK4 alleine denn nicht wenigstens bis zum Ende des Briefes gelesen?  


Es folgt: Der Brief. 


Liebe Sharon,

ich will dir sagen, dass ich bald wieder nach Russland ziehen werde. […]


Der Rest vom Brief tut nichts zur Sache. 

Dass ich einem meiner ehemaligen Dozenten in Moskau schon lange bevor wir beiden (Sharon und ich) auch nur unsere Namen kannten, eine Email geschickt hatte; dass es in dieser Email eigentlich um die Trilogie um Maxim Kammerer von Arkadi und Boris Strugazki ging, die mir dieser Dozent empfohlen hatte; dass dieser Dozent mir nun ein sehr gutes Angebot gemacht hatte und ich, wie sie wisse, ja ohnehin gerne noch einmal nach Russland wollte; dass es in etwa acht Monaten losgehen würde; all das tut nichts weiter zur Sache. 

Im Wesentlichen geht es wie immer nur um diesen einen ersten Satz. Und nachdem selbstverständlich die drei vorherigen Briefe nie in irgendwelche Briefkästen geworfen worden waren, war es nach all dem Vorhergehenden nun doch sehr verlockend zumindest diesen einen Brief… 

Sollte ich es tun? Würdest du? 


Ende, Ende, wirklich Ende — wir treten einen Schritt zurück. 


Denn der Leser steht vor der Frage: Wird dieser Brief Sharon erreichen? 


Wem das nicht ohnehin vollkommen klar ist — wo wäre denn dann noch der Reiz an der Sache, wozu bräuchte es denn dann noch einen Brief, dann konnte man ja wirklich einfach klopfen, da bräuchte es kein klitzekleines Kunstwerklein — , M. zieht vorerst nicht nach Russland. Natürlich ist nichtsdergleichen geplant; natürlich ist der erste Satz nichtsdestotrotz wahr; M. will Sharon erzählen, dass er bald nach Russland zieht; natürlich ist er sich bewusst, dass der Brief falsche Informationen impliziert; trotzdem: sollte M. den Brief einwerfen und sei es nur aus Neugier, mit guter Intention? Was würde dann wohl geschehen? 

Meine Erfahrung ist: Auch nur aus falsch Impliziertem erwächst nichts Gutes, aber womöglich bestätigt die Ausnahme die Regel, womöglich spielt so das Leben? Vor allem ist da aber eine Frage, die mich nicht loslässt: Wie spricht der Schmetterling, die selige Sehnsucht? Trog mich meine Erfahrung womöglich? 

Nun? Was sollte man tun? 


Brief einwerfen?

Hier scheiden sich wohl die Geister — aber interessant wird es auch dann noch einmal, wenn man sich fragt: kann man zu einem frühen Zeitpunkt seines Lebens hier (bei solch einer Frage) die eine Option wählen, zu einem späteren die andere wählen — kann man beides aus gewonnener Überzeugung tun? Oder ist das eine Frage der Natur eines jeden Menschen? Gibt es einfach solche und solche… Entweder — Oder? 

Wenn nicht: Ob man sich gar von dem Pfad der Wahrheit (kein Brief) wegbewegen könnte? Ja, ob man eine Überzeugung hin zum Brief mit all der falschen Implikation — und sei es nur aus Neugier — gewinnen könnte… das fragt man sich. ‘Was man vielleicht gewinnen würde? Ob man nicht eher etwas verlieren würde?’, das fragt man sich. 


Marco (Hier mehr)

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