Ich habe viel an dir zu schätzen gelernt: dein Auge für die Welt, deine Verzweiflung über und die ehrfürchtige Verblüffung mit der du manchmal vor ihr stehst — endlich jemand, der mich versteht — , dein Ekel vor ihr und den Menschen, jedem einzelnen, dir selbst und dem Badewannenwasser — ich glaube, ich ahnte, was es war, das du empfandest, deine authentische Sorge um die Welt, um teils aktuelle, teils seit Jahrzehnten fortschreitende gesellschaftliche Entwicklungen — bei allem gab mir etwas das Gefühl, dass wir etwas teilen; es war schön mit jemandem zu sprechen, der dem ähnlich skeptisch gegenübersteht und zu dem ich mich hingezogen fühlte. 

Manches hätte ich wohl mehr schätzen sollen: Die gleichzeitig mit deinem Ekel auftretende Liebe für sie, die Menschen, jeden einzelnen, zum Beispiel. 

Erich Fromm, ‘Die Kunst des Liebens’ — ein Buch, das auch du hättest schreiben können — , sollte ich lesen, vielleicht würde ich dich dann verstehen. Ich werde es tun. Ich glaube aber bereits seinen und deinen Punkt zu verstehen und es bleibt dabei: Ich will nicht alle Menschen lieben. 

Ich glaube, du solltest weniger Sartre und Kaczynski und mehr von alten, meiner Meinung nach konstruktiveren, lebensbejahenderen Philosophen lesen — gerade in so jungen Jahren. Aber ja, das weißt du und… selbst von deinem Drang, dich selbst in Gefahr zu bringen, hätte ich vielleicht noch etwas lernen können. Vielleicht ist bereits oder wird in Zukunft mehr Radikalität gefragt sein als ich es eingestehe — und dann wird man sich in Gefahr begeben müssen, um auf der richtigen Seite zu stehen. Das stimmt. 

Du bist emotional, das bin ich auch; sensibel, ich auch; du willst dir keine Strukturen auferlegen, ich bin eine einzige Struktur; ich bin oberflächlich — kann und will das nicht ändern — , du hast schon Probleme damit dir Gesichter auch nur zu merken. 

Ich bezweifle, dass ich ein allzu männlicher Mann bin — für mich bist du angenehm weiblich. Du hast, für eine Frau, eine recht tiefe Stimme, aber ein schöne — denn ich mag keine Piepsestimmen und keinen näselnden H’ugo’s Sprech. 

Es gibt ein paar Dinge, die ich nicht trage: Polohemden, Hüte, diese schwarzen Stiefel mit der gelben Naht; versuche mittlerweile sonst einfach: Schwarz, ein dunkles Grün, Beige oder Grau und keine großen Aufdrucke zu tragen (außer das MONO-Shirt… ich behalte mir vor, ausgewählte Band-Shirts weiterhin zu tragen). Du trägst halt was dir gefällt und ich mag das, was dabei rauskommt: deinen Stil, den Schnitt deiner Hosen, das Septum und das Piercing. Und ja, du siehst oft genau aus wie ein Mädchen, das gerne in Ausstellungen geht, aber auch das mag ich — du nicht. 

Ich mag dich. Ich mag auch, dass du dich zierst (nicht nur ein wenig) und dass ein Kuss keine Kleinigkeit für dich ist. Ich hoffe, dass du jemanden findest, der dich nimmt wie du bist, dich nicht immer wütend macht, mit dem was er sagt, der dich nicht verändern will und der genug Vertrauen und Selbstliebe hat, sich nicht daran zu stören, wenn du dich ab und an mal eine Woche lang nicht melden solltest, und sollte es noch etwas besseres geben als jemand der dich nimmt, wie du bist, dann hoffe ich, dass du jemanden findest, der in der Lage ist, dich zu nehmen wie du bist und dich dorthin führt noch besser zu sein. Ich sage das mit großer Vorsicht und mit besser meine ich nicht erfolgreicher, nicht mal unbedingt angepasster, wenn das nicht notwendig ist, sondern besser für dich. Dir soll es besser gehen, am besten sollte es dir und der Welt mit dem Menschen, der du bist und sein wirst, dann besser gehen. 

Ich habe mich bemüht, denke aber: Ich kann das nicht sein. 

Trotzdem sage ich Danke. Für viel Emotion, für die Beschreibung vom masturbierenden Mann, für mein erstes Date in einem stehenden Auto; dafür, dass ich mit dir viel Gedanken sortieren und aufschreiben musste, das ist mir viel wert. 

Marco


ENDE

Und dann füge ich noch eine kleine Notiz hinzu, die steht hier nur für mich, denn sie beruhigt mich und vielleicht beginne ich etwas zu lernen: 

And I knew as if at once, living in a medium of song, mostly of love songs, that the erotic was less a matter of encounters than of laws of encountering, or attraction, as Newton had shown.

Stanley Cavell ( A Pitch of Philosophy  —  1996)