Go up …

Irgendwann vor Corona ging ich mit einer jungen Frau spazieren. Sie hatte bereits zwei Firmen großgezogen, würde sich in wenigen Monaten mit unter dreißig Jahren eine schöne, große Wohnung in guter Lage in Berlin kaufen und sah gut aus. Nun, die Hautfarbe war ein wenig zu gesund, um so wirklich genau mein Typ zu sein, aber darum geht’s ja nicht. 

Wir unterhielten uns. 

Sie berichtete mir von ihrem bisherigen Leben: Acroyoga, Crossfit, Bali, dem Leben dort, ihrem unternehmerischen Erfolg, ihren Freunden aus der Tech-Branche. Weiter, dass sie nun beginnen würde, in Immobilien zu investieren. 

“Warum jetzt auch noch in Immobilien investieren?”, fragte ich. Weil sie so dann Sicherheit erlangen würde, antwortete sie.

“Glaubst du das wirklich?”, wunderte ich mich. 

Und ja, auch wenn da ein kurzes Zögern war, schien sie es wirklich zu glauben. Auf Rückfrage erwiderte ich ehrlich, dass ich das nicht glaubte, mich aber für sie freute, wenn dem so wäre. Darauf folgte eine Weile Schweigen, während ich noch immer dem Gedanken nachhing, ob sie das wirklich glaubte. 

Irgendwann unterhielten wir uns weiter: über Orgien auf Bali, Sexualmoral in Berlin, Bindungsängste und blinde Flecke, die ich dort zu sehen meinte. Es war ein interessantes Gespräch zwischen zwei Fremden, die wohl vor allem Interesse an einem Abenteuer, das über einen Friedhofsspaziergang hinaus ging, gehabt hatten, sich dann eine ganz gute Unterhaltung boten.


… and never …

Irgendwann während Corona ging ich mit einem jungen, intelligenten, selbstsicheren Jurastudenten spazieren. Er hatte mir bereits gute Bücher empfohlen, wusste viel über Politik, Außenpolitik und die Geschehnisse in der Welt ganz allgemein. Weit mehr als ich.* Ein Mann, der Karriere machen würde. Wir hätten ein beliebiges (tages-)politisches Thema wählen können und er wäre mir argumentativ überlegen gewesen.* Gegen Ende unseres Spaziergangs ging es um Privates, es ging um Kindererziehung, um die richtige Wahl des Studienfaches (für seine Kinder selbstverständlich Jura), um die Unterteilung politischer Ideologien in links und rechts, was das eigentlich heute bedeutete?, es ging um Erfahrungen in seinem Auslandssemester, an einer weiteren internationalen Spitzenuniversität, renommierter noch als die LMU. Er hatte mitbekommen, was an der LMU alles nicht gesagt wurde, welche Annahmen einem nicht mitgeteilt wurden, mit welch anderer Perspektive man auch einen ganz anderen Blick auf die Dinge haben konnte, zu ganz anderen Kategorisierungen kommen würde. Da hatte er sich natürlich gefragt, was ihm noch alles in seinem Studium vorenthalten wurde. Heute saß er in gewissen Fächern in den Vorlesungssälen und wusste immer genau: Das ist nur eine Art, es zu betrachten; das, das und das wird gerade noch außenvorgelassen. 

Es schien mir, er zweifelte an dieser Universität. 

Dann hat er mich nach meinen Erfahrungen gefragt. Immerhin hatte auch ich an der LMU studiert. Und ich sagte, dass ich irgendwann in meinem Studium einmal geglaubt hatte zu verstehen, dass alles, was man mir erzählte, auf einigen, sehr festgefahrenen Annahmen fußte; dass man all das auch ganz anders sehen konnte; dass auch ich zu dem Schluss gekommen war, dass mir nur Bruchstücke erzählt wurden. Das war alles, was ich sagte, dann trennten sich unsere Wege und ich dachte weiter, dass ich glaubte, dass die blinden Flecken an noch besseren Universitäten nur bedingt weniger, eher sehr viel zielstrebiger durchgesetzt werden würden; man dort einfach noch hochtouriger drehen musste, um mitzukommen. Sicherlich würde man neue, intelligente und ambitionierte Menschen kennenlernen, vielleicht bekäme man pro Thema auch noch ein, zwei Perspektiven mehr mit, die blinden Flecken jedoch würden ähnlicher Natur bleiben. Vor allem aber würde dort noch stärker befeuert, was die eigentlich blinden Flecken unserer Zeit noch weiter aufklaffen lässt. 


… stop

Ebenso irgendwann während Corona ging ich mit einem Freund, einem politisch-aktiven, visionären VWL- und Philosophiestudenten spazieren. Ich hatte ihn in einigen Zoom-Konferenzen zu praktischer Philosophie als jemanden, der die mandatory und additional Readings eines Kurses aufmerksam las, kennengelernt. In privaten Treffen unterhielten wir uns über Heideggers Man, über CO²-Zertifikate, dass ich sie für entmündigend hielt, über Hannah Arendt, dass sie ihm ein wenig gehypt vorkam, über Corona-Maßnahmen, Masken, Politik, die SPD. Er ist ehrgeizig und hat das Herz am rechten Fleck. Ich mag ihn. Er hat zu politischen Themen so gut wie immer eine gut ins Gesamtkonzept passende, wohlbegründete Meinung; lässt sich trotzdem auf Diskussionen ein. 

Zusammen mit seiner Freundin hat er einen gemeinnützigen Verein gegründet, der aktuell rasant wächst, immer mehr und mehr Mitglieder kommen dazu. Auch ich war eines der Gründungsmitglieder. Der Verein hilft Kindern in Not und wird mit der Zeit immer mehr dieser Kinder helfen. Eine gute Sache, doch fehlt mir die Zeit um (weiter) viel mitzuhelfen, vielleicht mag ich es zudem nicht, wenn etwas zu schnell wächst, vielleicht allgemein nicht, wenn Dinge zu groß werden, vielleicht zweifle ich gar am organisierten Guten ganz allgemein**. I don’t know. Ich merke nur, dass ich mich zurückziehe, weiter auf meine Zimmerdecke starre: Sie ist weiß und leise. Dann denke ich an Paul, an den toten Herzog Leto, an das Schlafende und Pauls ‘Sollte ich jetzt nicht um meinen Vater trauern?’; sein Gefühl, nicht zu fühlen, was er doch fühlen müsste, schlage mein Buch auf und lese weiter.***


Wie es zu dem Beitrag kam und was ich damit sagen will

Es gibt Menschen, die glauben, ich sollte auf Bühnen. Meist sind das Menschen, die mich (noch) nicht allzu gut kennen. “Du hast doch alles, was es braucht.”, sagen sie und merken, wie mir das schmeichelt. Doch ich glaube, ich passe da nicht hin. Ich habe mittlerweile einige Menschen kennengelernt, die gut auf (gar große) Bühnen passen, die man gut bewundernswert nennen kann, und die dort oben selbstsicher, überzeugt von sich und was sie tuen auftreten, doch ich gehöre nicht dazu. 

Mich irritiert es vielmehr, wenn ich höre, dass irgendwelche High-Performer auf Retreats gehen, traveln, rauskommen und dann bestärkt in was sie tuen zurückkehren. Ich kann das nicht nachvollziehen. Selbstsichere Menschen waren mir immer suspekt. Wenn ich von meiner wie auch immer gearteten Besinnung zurückkehre, geschieht das nicht bestärkt, sondern mit Zweifeln: “Wird das einen sich wirklich sicherer fühlen lassen? Ist, was ich auf diesen Zettel schreiben soll, wirklich die Antwort auf die Frage? Ist die wohlbegründete, gut zu vertretende, sich so richtig anhörende wirklich meine Meinung? Ist sie so richtig, wie sie sich anhört? Sollte ich trotz der mal mehr, mal weniger unaufrichtigen Regeln bei all den Spielchen mitspielen; trotz der Mal mehr, mal weniger koscheren Motive ihrer Spieler?” Und weiter: “Wäre die Welt nicht ein besserer Ort, wenn Menschen einfach ein wenig leiser wären, wenn sie sich öfter erstmal fragen würden, warum sie eigentlich tuen, was sie tuen, warum sie erreichen wollen, was sie erreichen wollen; wäre sie ein schlechterer Ort, wenn wir kein PayPal, kein Amazon, kein Facebook hätten, wenn wir nie angefangen hätten, Autos zu produzieren und jedem das Bedürfnis einzupflanzen, eines zu haben?”, frage ich mich an die Menschen denkend, die man gemeinhin bewundernswert nennt und nannte. 

Nein, ich schwenke nicht Hammer und Sichel, denke gar noch immer, one should strive to do something extraordinary, zitiere noch immer lieber Ayn Rand als Karl Marx, laufe mittlerweile aber nicht mehr mit; laufe auch nicht in die entgegengesetzte Richtung. Ich bleibe stehen, setze mich zwischen ein paar Bücher und denke selbstironisch auf den Verhau blickend: “Zielgerichtet lernt es sich am besten.”. Dann schaue ich auf… und mich um. An mir laufen Menschen vorbei: wichtige Menschen, erfolgreiche Menschen, selbstsichere Menschen; und es geht aufwärts für sie, straight up. Doch irgendwie wirken sie blind… für die Welt, vor allem aber für sich selbst. 

‘Go up and never stop’ dröhnt es aus den Neonröhren um mich herum. Sie scheinen eine hypnotische Wirkung auf sie zu haben. Aber… das ist es nicht. Auch die 5G-Strahlung, wie aus Arkadi und Boris Strugazkis “Raketenabwehrtürmen”, wird es wohl nicht sein. Nein, es gibt keine Gruppe von immunen Ausgestoßenen, die im Verborgenen handeln, und die Welt eines Tages vielleicht doch noch retten könnten. In ein paar Monaten könnte man vielleicht mutmaßen… Brainwashing… per Spritze… die Impfung, … aber heute noch nicht. … Bleibt also nur die Gesellschaft, eine gelungene Erziehung, eine Sicherheit vermittelnde Vaterfigur, ein Mix aus all dem, der sie an die Richtigkeit ihrer Ziele und Überzeugungen glauben lässt, sich selbst und was man in der jeweiligen sozio-kulturellen Bubble so denkt, nicht so in Zweifel ziehen lässt. Und wenn genug Menschen das nicht in Frage stellen, heißt es eben gesamtgesellschaftlich: ‘Go up and never stop’. 

Schaut, wie weit wir es gebracht haben.*****

“Für viele Menschen wäre es ein guter Rat, einfach mal zu stoppen und nachzudenken, was sie da eigentlich tuen… und warum”, denke ich—unterbreche mich dann, denn… das ändert ja auch nichts für sie, sie kehren nur bestärkt zurück. Kurz wandert vor meinen Augen noch ein Mailänder Model auf dem Jakobsweg vorbei: Sie macht für zwei Wochen Digital Detox von ihrem Instagram-Kanal mit >100k Followern, trägt ganz gewöhnliche, bereits etwas ausgetretene Wanderschuhe und ist nicht geschminkt. Unterwegs hat sie eine spirituelle Erfahrung, einen Break-Down und kehrt dann zurück, um… so weiterzumachen wie zuvor. Ein tighter Postingschedule wartet auf sie. “Das ist eben, was die Leute wollen. Kann man ja auch nichts machen.”, denkt sie. “Wenn ich es nicht mache, macht es eine andere.”, denkt sie. Und ich denke an die aufgespritzen Lippen eines einstmals hübschen Mädchens; ein wenig Weiche haben sie wohl für das Instagram-Schönheitsideal eingebüßt. Aber es funktioniert. In-your-face Schönes, Gutes oder Erfolgreiches funktioniert eben; man muss nur möglichst penetrant und laut darauf hinweisen, ein paar Hashtags hinzufügen, emotionale Geschichten auf LinkedIn sharen und dann finden sich schon Gleichgesinnte, die einen bestärken. #Empowering Yeah! Und dann… weiß ich auch nicht mehr weiter. 

Vermutlich liegt es nicht an den überzeugten, nicht an den erfolgreichen Menschen, sondern an mir. Ich bin nicht immun, sondern defekt und auch unsere Welt wird nicht leerer, sondern besser; es gibt nicht weniger Raum für subtile Unterschiede, vielmehr können wir heute endlich allen Raum für das Gewusst-wie-Richtige nutzen; wir sind nicht mit neuen Technologien noch primitiver als wir es zuvor je hätten sein können, sondern endlich frei ganz wir selbst zu sein, uns ganz auszuleben. Yeah. 


Marco


*Was allerdings nicht allzu schwer ist. 

**Aber sicher bin ich mir da nicht und argumentieren kann ich das noch lange nicht. Würde ich das versuchen, würde ich immer voranstellen: Dieser Gedankengang (am organisierten Guten allgemein zu zweifeln) führt einen wohl in recht anarchistische Bahnen und das denke ich wiederum auch nicht, dass der richtige Weg ist. 

***Bezieht sich auf Frank Herberts Der Wüstenplanet

****Nein, ich will nicht suggerieren, dass diese Menschen in den TikTok-Videos High-Performer sind; will nur auf den Fortschritt hinweisen, den wir uns mit der nächsten von einem (oder mehreren) determined Entrepreneurs ins Welt gesetzten Plattform erarbeiten.

Irgendwie verwandt: