Du fragst nach dem Ekel und ich denke, auch der Ekel ist, wie alle Gefühle, eine intensive Größe, Marika. Er nimmt keinen Raum in einem ein, sondern durchdringt alles andere. Da ist kein Platz in dir, der für den Ekel reserviert wäre. Nein. Jede Stimme, die du hörst, jede Aufgabe, die du erhältst oder dir auferlegst, jede Geschichte, die man dir erzählt, wird von ihm durchdrungen, wenn er dich im Griff hat. Ganz Alltägliches, wie das schmierige Bad im eigenen Schmutz, der blasse, spärlich behaarte Unterarm eines Vorgesetzten, oder die leichtlebigen, unbedachten, nochmal gut gegangenen Urlaubsgeschichten eines Freundes, lassen sich gar nicht mehr betrachten, ohne, dass es dich schüttelt, fast würgt, dass du dich unbedingt innerlich davon lossagen musst…, wenn der Ekel da ist. Immerzu stellt er das Schmutzige ins Rampenlicht. 

Vielleicht ist es gerade deswegen, dass es mir scheint, dass Menschen, die den Ekel gut kennen, nach außen hin oft besonders ordentlich, ja gepflegt wirken… ja, vielleicht ist auch der Ekel, nach außen hin, ein ordentliches Gefühl, eines, das Uniform trägt, das auf die Korrektheit seiner Erscheinung bedacht ist; eines, das aber auch die empfindlich weichen anderen Gefühle schützen und zusammenhalten will. 

Und wenn eines der wohl weniger schutzbedürftigen Gefühle, die Freude, nun eine Einstellung hin zur Zukunft, ja zur Vielzahl an einen in der Gegenwart durchfließenden Zukünften, ist; die Trauer eine Einstellung hin zur Vergangenheit, einer endgültig festgelegten, alles im Jetzt einfrieren lassenden Vergangenheit, ist; das Schöne… könnte das vielleicht ein besonders schutzbedürftiges Gefühl sein?… wenn das Schöne nun eine Gleichzeitigkeit vermittelt, zusammenfasst, alles vereint, sodass wir nicht hin und her springen müssen, sondern betrachten und bereits erahnen können, bevor es noch geschieht… wenn diese drei psychischen Vorgänge, sich so verhalten: Was ist dann der Ekel? Vielleicht eine Art Wall?, ein Schutzschild, ebenso wie eine Barriere, die zwischen einem selbst und tieferen Veränderung steht? Er grenzt sich ab, ordentlich grenzt er sich ab vom Anderswerden, von Viren, Schmutz, Gedankenlosigkeit, dem vergänglichen Leben… manchmal aber auch dem Leben an sich, dem sinnlichen Leben, dem werdenden Leben. Er dringt in alles ein, sortiert aus, lässt nicht zu. Oft wütet er abscheulich; er schlägt leicht fehl, kennt kein Mitleid und noch leichter wird er fehlgeleitet. Dankbar ist er, einen Feind zu haben, findet ihn in allem und jedem. … Nichtsdestotrotz scheint er es mir manchmal nur gut zu meinen, Marika. Wen will er beschützen? Sich selbst? Die Welt? Die Vergangenheit? Das Unvergängliche? … Ich weiß es nicht, Marika; weiß nur, er kämpft gerne. In seinem alles-Ablehnenden kämpft er gerne; nur allzu oft mehr gegen sich selbst als irgendetwas anderes, Marika. 

Ilya

“Der Sieger” von Heliy Korzhev (Гелий Коржев).

Literatur

Bergson, H. (1889). Zeit und Freiheit. Europäische Verlagsanstalt: Hamburg.