Is everyone really right for themselves? 


Worum geht’s?

Um ‘On Bullshit’ von Harry Frankfurt. 

Und darin um zwei Wege, die Wahrheit zu verneinen: Lügen und Bullshitten. Der Lügner weiß um die Wahrheit und sagt bewusst Falsches; die Bullshitterin leugnet die Autorität der Wahrheit, was sie sagt, dient einfach nur ihrem (, persönlichen) Zweck. Der Beitrag ist zunächst ein kurzer Einblick in Frankfurts Aufsatz und dann ein Kommentar zu einem Teilaspekt davon: zur Authentizität als neues Ideal, das die Wahrheit… ersetzt? Sollte man ein authentisch vorgebrachtes inneres Selbst über die Suche nach objektiven Tatsachen stellen? Stellt sich diese Frage überhaupt? 

… Jup, darum geht’s. 

Und die ein oder andere von euch mag sich nun fürchten: Was, wenn mein Blog auf Abwege gerät?, weg von egozentrischem Gewinsel, hin zum Kommentieren philosophischer Aufsätze, weil ich meine, meine (meine, meine, meine, meine) Meinung zu so interessanten Themen kundtun zu müssen? Ja, was dann? 


Was ist Bullshit? 

Der Lügner weiß um die Wahrheit und sagt bewusst Falsches, das für wahr gehalten werden soll. Ein Verbrecher gibt sich zum Beispiel ein Alibi und versucht dabei, einen falschen Sachverhalt als wahr erscheinen zu lassen. 

Den Lügner und denjenigen, der versucht die Wahrheit zu sagen, vereint, dass sie annehmen, dass es einen Unterschied zwischen dem richtigen und falschen Darstellen von Sachverhalten gibt. Sie spielen gewissermaßen als Gegner auf dem gleichen Spielfeld. Der Gewinner ist derjenige, der den anderen von der Wahrheit seiner Aussage überzeugt hat.

Die Bullshitterin hingegen leugnet die Autorität der Wahrheit auf eine andere Weise: Sie interessiert sich überhaupt nicht für sie. Es interessiert sie nicht, was wahr oder falsch ist und ob, was sie sagt, wahr oder falsch ist. Ich würde sagen, sie leugnet die Wahrheit radikaler. Wenn ich ihr vorwerfe, dass, was sie sagt, nicht der Wahrheit entspricht, dann trifft sie das nicht, sie fühlt sich nicht ertappt, sie hat das Spiel nicht verloren, denn sie hat es nie gespielt. Ihr sprechen soll einem Zweck dienen. Der Zweck kann allein darin bestehen, etwas zu sagen oder anderweitig persönlichen Nutzen daraus zu ziehen. Vielleicht ist unsere Bullshitterin ja Politikerin und was sie sagt, sagt sie nur, um die nächste Wahl zu gewinnen. Bei anderen Bullshitter*Innen ist der Zweck vielleicht Mitleid oder einfach Aufmerksamkeit, nur ob die Aussagen aber der Wahrheit entspricht, ist irelevant.

Warum so viel Bullshit?

Nicht unbedingt zu den Quellen des Bullshits, aber zu denen des Skeptizismus — es gibt gar keine echte Erkenntnis, keine Wahrheit — schreibt Frankfurt Folgendes: 

One response to [the] loss of confidence [in objectivity] has been a retreat from the discipline required by dedication to the ideal of correctness to a quite different sort of discepline, which is imposed by pursuit of an alternative ideal of sincerity. Rather than seeking primarily to arrive at accurate representation of a common world, the individual turns toward trying to provide honest representation of himself.

Harry Frankfurt – (P. 16 — ‘On Bullshit’)

… Hmm… Die Symptome finde ich durchaus richtig erkannt. 

Und vielleicht haben wir gesamtgesellschaftlich ja einfach erkannt, dass ein Virus, eine Pandemie, politische Lagen so komplex sind, dass es nicht mehr darauf ankommt, die richtige Entscheidung zu finden, dass wir uns stattdessen damit begnügen können, dass, was man sagt, einem persönlichen Zweck dient. Und was auf den großen Bühnen dann eben auf Bullshit (a.k.a. Fake News) hinausläuft, heißt im Kleinen dann: “Sei einfach ganz du selbst!” oder auch “Everyone is right for themselves.” oder “Es gibt da irgendwo in mir einen Wesenskern, den ich nur auf einer Reise in mein Inneres entdecken muss, um zur richtigen Entscheidung zu kommen.”: Diese Aussagen vereint, dass sie Aufrichtigkeit (zu seinen Werten und Idealen zu stehen) und Authentizität (Schein und Sein ist eins) wichtiger nehmen als Richtigkeit und Wahrheit. 

Also: Authentizität als Bullshit?

Was jetzt kommt, fällt mir schwer, weil es wohl vielen meiner Generation nach dem Mund reden wird. Denn ich würde sagen, dass die Suche nach dieser richtigen Entscheidung für uns kein Bullshit ist; dass authentische Innerlichkeit kein Bullshit ist. 

Bullshit und Täuschung 

Zunächst einmal denke ich, dass Bullshitter*Innen in vielen Fällen schon keine honest representation of themselves geben. Nehmen wir das Beispiel von vorhin: die Politikerin. Was sie macht, wenn sie ihre Worte nur danach auswählt, die nächste Wahl zu gewinnen, ist nicht authentisch zu sein. Der Schein wird ein anderer sein, als das, was sie wirklich bewegt. Wenn man die eigentlichen Beweggründe aber transparent (Leider nutze ich noch so ein Buzzword meiner Generation… und wieder gibt mir das zu denken. Ich bin aber davon überzeugt, dass Transparenz zwar manchmal schwer zu erreichen, aber durchaus oft erstrebenswert ist. … )… also nochmal: Wenn man die eigentlichen Beweggründe aber transparent darlegt, dann kann man darüber sprechen, ob eine gegebene Entscheidung wirklich auf Basis dieser Gründe nachvollziehbar ist. Vielleicht hilft es, sich diese als eine Art Perspektive, aus der heraus man die Entscheidung auch betrachten kann, vorzustellen. 

Die Bullshitterin täuscht uns aber notwendigerweise, was ihr Vorhaben angeht, und nur diese Täuschung macht es möglich, dass sie ihren Zweck erreichen kann. Sie wirkt auf mich wie eine Trittbrettfahrerin der Wahrheit — ihre Strategie funktioniert nur, weil Menschen meinen, sie würde sich um die Wahrheit kümmern. Deswegen denke ich, man sollte versuchen, Bullshit als solchen zu erkennen und skeptisch sein, ob jemand mit seinen Aussagen wirklich versucht, die Wahrheit auszudrücken oder primär seine eigenen Zwecke verfolgt: sei es eine politische Agenda, einfach Aufmerksamkeit oder Bestätigung. 

Botanischer Sexismus: #allmaletreesaretrash
In vielen Städten stehen vor allem männliche Bäume. Das ist ein Problem. Besonders für Allergiker und alle, die etwas…taz.de

Wahrheit vs. Authentizität?

Weiter denke ich, dass es keinen Kampf zwischen der Suche nach der Wahrheit und dem Stehen zu eigenen Überzeugungen gibt. Bis zu einem gewissen Alter und bis zu einem gewissen Maß muss man bestimmte Werte und Überzeugungen wohl einfach übernehmen und vertrauen, um einen Leitfaden für das eigene Handeln zu haben. In jungen Jahren kann man sich daher ziemlich viel verbauen, ohne, dass man wirklich etwas dafür kann… weil man einfach in eine Welt geworfen wird, ohne Plan von nichts, nur ein paar Menschen um einen herum, die einem mal mehr, mal weniger hilfreiche Ratschläge mitgeben; mal mehr, mal weniger gut gelungene Leben vorleben. 

Doch mit der Zeit kann man versuchen, sich die Folgen seiner Handlungen bewusst zu machen — im Großen, wie im Kleinen, auf lange und auf kurze Frist, als kleines Rädchen in einem riesigen System und als höchst bedeutsamer Hamster für die Umdrehungen des eigenen Lebensrads. So ein Bewusstmachen geschieht dann wohl vor allem im Zusammenleben mit anderen Menschen (in einer Zeit) — das ist, btw, wo ich meine Problemchen habe, das zu begreifen, nicht nur altklug darüber zu sprechen… naja… aber weiter im Programm: Das Bewusstmachen beinhaltet oft unangenehmes, kritisches Hinterfragen der eigenen Handlungen, das die eine oder andere Überzeugung ankratzt, einige andere stehen und wieder andere entstehen lässt. 

Und bis zu einem gewissen Grad bleibt diese Selbsterkenntnis eine Innere, mit einem Selbst, das für manche tendenziell mehr aus Deutschrap-Analysen als aus Goethezitaten, mehr aus dem Geigespielen als aus Softwareprogrammierung oder mehr aus wöchentlich wechselnden als aus einem bleibenden Sexualpartner zieht; das ein paar eigentümliche Wichtigkeiten hat, zu denen es auch stehen darf und sich so bewusst für einen Weg im Leben entscheiden kann. Vielleicht ist es dann auch, wie Frankfurt in einem anderen Text beschreibt, dass ein entschiedenes Wollen (einen wie auch immer gearteten Weg zu gehen) nicht noch einmal und noch einmal und noch einmal begründet werden muss, bis es letztlich auf festem Grund steht, sondern dass es die anderen Ebenen durchhallen kann: 

When a person identifies himself decisively with one of his first-order desires, this commitment “resounds” throughout the potentially endless array of higher orders.

Harry Frankfurt – (P. 16 — ‘Freedom of the Will and the Concept of a Person’)

Wie so oft in echten philosophischen Aufsätzen (nicht meinem Geschmodder hier*), ist ein kleines Wort sehr wichtig: decisively. Das first-order desire (Wunsch erster Stufe) allein ist nicht genug. Es benötigt eine entschiedene Stellungnahme dazu, die den Wunsch erstmal betrachtet… und dabei vielleicht auch sowas wie eine Einordnung in der Welt und unter konkurrierenden Wünschen versucht. Das darf gerne auch schon früh im Leben geschehen — nicht erst mit 91, leer, neben einer 47 jährigen Frau, in einem Bentley-Modell aus der Beyond 1oo-Reihe, das wohl weiter Facelift im Namen haben wird, weil es so gut zur Zielgruppe passt; oder mit 51, verbittert, aber seiner Ideologie treu geblieben, auf ein paar “Men are trash”-rufende Beiträge zurückblickend. 

Fazit

Ich denke, dass Ethik weder vollkommen objektiv noch gänzlich relativistisch ist: Das #richtigeLeben gibt es halt nicht #erfolgreicheLife , falsche Handlungen schon. In dem Beitrag habe ich versucht zu erklären, warum Aussagen wie “Everyone is right for themselves” sich vielleicht irgendwie nett, ja: schön kuschelig anhören, aber Bullshit sind. The serial killer isn’t right for himself. He is pretty damn wrong. Punkt. Oft ist dieser Bullshit nicht nur falsch, sondern sowohl als Trittbrettfahrer der Wahrheit als auch als mal mehr, mal weniger gut verstecktes Instrument gefährlich; dass Bullshit immer mehr wird, ist es ebenso. 

Trotzdem denke ich, dass man sich auf die Suche nach der richtigen Entscheidung für einen selbst machen kann. Ein Selbst ist da dann vielleicht konturloser und verworrener als gewöhnlich angenommen. Es steckt irgendwie in einem, aber eben auch außerhalb, gibt sich oftmals erst im Zusammenleben und Zusammenspiel zu erkennen; oder wie bei C. G. Jung: Das Selbst transzendiert das Ich. Es schwimmt zwischen ein paar Archetypen umher und hin und wieder trifft es eine Anima, dann ist es aufgeregt, gespannt, stimuliert. Mit viel Bemühen und ein bisschen Glück lässt es sich aber über ein Leben hinweg entwirren, kommt ins Reine mit dem Ich. Dann sitzt es eines Tages in einem Schaukelstuhl auf einer Terrasse, hält eine Meerschaumpfeife in der bereits etwas verschrumpelten Hand und kann auf ein gelungenes Leben zurückblicken. Greift nach dem Tabak. Dieser ist von ebenso gut-bezahlten wie wohlgenährten 24-Stunden-arbeitswochenden Tabakbauern in Kolumbien täglich gestreichelt worden, bis ihn die trotz der Verhätschelung noch charismatische Großblattpflanze aus eigenem Gutdünken fallen ließ und ein noch etwas unbedarfter aber nichtsdestotrotz liebenswürdiger Abenteurer auf einem Floß nach Genua aufbrach, um ihn zu übergeben: keine Zwischenhändler, keine Tabaklobby, vollkommen CO2 neutral. Das Selbst stopft ihn guten Gewissens in die Pfeife, der sehnsüchtige Entdecker sitzt neben ihm und hört ihm für diesen Abend zu, bis er wieder aufbricht: “Es gibt noch viel zu sehen.” und “Denk nicht, sondern schau.”, sagt er zu sich selbst… und sein Selbst stimmt ihm zu. 


Marco


Quellen

Frankfurt, H. G. (1982). The importance of what we care about. Synthese, 257–272.

Frankfurt, H. G. 2009 (1986). On Bullshit. Princeton University Press.

Frankfurt, H. G. (1988). Freedom of the Will and the Concept of a Person. In What is a person? (pp. 127–144). Humana Press.

Vorlesungsreihe zur Einführung in die theoretische Philosophie: “Sprachphilosophie und Metaphysik”, von Professor Hutter an der LMU, Wintersemester 20/21.


*[Note: Ich weiß, dass das jetzt alles nicht neu ist; dass der aller größte Teil davon, die Gedanken anderer sind, obwohl ich doch eigentlich aufschreiben wollte, was ich zu ‘‘Authentische’ Innerlichkeit als Bullshit’ denke. Weiter habe ich mich viel weniger präzise ausgedrückt als diejenigen, die ursprünglich ihre Gedanken dazu gegeben haben. Ach, MZ… das sollte noch besser werden. Obwohl du ein Hudler bist, sollte das noch besser werden.]

Mehr Beiträge von mir 

Und eine, wie ich finde, interessante Einsicht ins Leben, die ein Freund mal mit mir geteilt hat:

Anmerkung bzgl. “Men are trash”

<mit-sich-ringender-MZ> Es folgt der Versuch andere Meinungen aufzuzeigen. Obwohl ich die Botschaft im Titel des ersten der beiden Beiträge nicht unterstütze, finde ich, dass er zumindest zu zeigen versucht, worum es bei “Men are trash” eigentlich hätte gehen sollen, und ein wenig ehrlicher wirkt: 

‘If you’re using the #NotAllMen hashtag, you’re part of the problem’ | Marie Claire
Sarah Everard went missing on 3 March in South London, walking from a friend’s house in Clapham to her home in Brixton…www.marieclaire.co.uk

Der zweite Beitrag folgt nur, weil ich hoffe, dass meine Leser*Innen nicht blind den Erklärungen von Autor*Innen für Generalisierungen über bestimmte Gruppen aufgrund einiger Korrelationen trauen, die sich dann in “surprisingly philosophical […] punchline[s]”… uff … äußern und weil… ich mich ja vielleicht irre… who knows…</mit-sich-ringender-MZ>

“Men are trash”: the surprisingly philosophical story behind an internet punchline — Prospect…
The revelations of MeToo and the rise of strongman leaders has turned the internet in-joke into a foundation for…www.prospectmagazine.co.uk

… 

<kopfschüttelnder-MZ> Ok, ne… sorry: Misogynie mit Misandrie zu bekämpfen ist weder sonderlich smart, noch fruchtbar, vielversprechend oder neu, sondern wird einfach nur zu mehr Feindlichkeit auf beiden Seiten führen… pretty obvious to me. You had some good points and decided to make… bullshit out of it. … Ein bisschen traurig, leider erwartbar. :/ </kopfschüttelnder-MZ>

Trotzdem werde ich versuchen, die berechtigten Punkte ernst zu nehmen. Auch darüber, ein “richtiger Mann” zu sein, lässt sich noch viel lernen. … ‘MZ über Männlichkeit’… that’s a rabbit hole … könnte ich mal angehen. …