Drei, vier Zimmer war ich bereits abgegangen, um mein Bett mit der Nummer 29 zu finden. Hinter der ersten Tür waren die 32 und die 26 gestanden, hinter der nächsten dann 28 und noch irgendeine Nummer, an die ich mich nicht mehr erinnern kann; jedenfalls war es keine Nummer gewesen, der eine erkennbare Ordnung im Gefüge unserer Wohneinheit zugrunde gelegen hätte — so etwas einfaches wie: die 26 steht neben der 27, die 28 neben der 29 usw. So war es nicht. Also ging ich von Tür zu Tür. Als letztes blieb dann noch der kleine, enge Gang direkt neben der Eingangstür übrig und ich stieg, ohne, dass es dort erkennbare Stufen gegeben hätte, nach oben. 

Die Höhle, die sich dann vor mir auftat, war weiträumig, dunkel, aber erstmal nicht notwendiger Weise ungemütlich. Zwei Betten standen darin und auf dem Bett, rechts hinten im Zimmer, stand die Nummer 29 in rosa Lettern auf einer schmutzig-grünen Bettdecke geschrieben. Die Mauern: grau. Das andere Bett stand links davon, ein wenig nach vorne versetzt, nah an meinem. Dort war keine Nummer, nur ein zerknittertes Leintuch. 

Bei dem Anblick des zweiten, leeren Bettes wand ich innerlich ein, dass ich doch alleine in diesem Zimmer leben würde… und wusste noch im selben Moment, dass sich daran nichts geändert hatte. … Dann wurde mir klar, dass dieses Bett einfach leer mit mir in meinem Zimmer bleiben wird; dass ich auf meinem Bett sitzend immer auf das andere, das leere Bett sehen werde. Die Erkenntnis löste eine schwere, bedrückende Einsamkeit aus und das Zimmer wurde noch ein wenig dunkler und trister. Kurz stehe ich, die Einsamkeit als Vorahnung präsent, da. Dann beginnt auch noch irgendetwas in dem Gemäuer zu kratzen und ganz erbärmlich zu wimmern; ich denke an einige verlorene Kinderseelen, die dort in der Mauer direkt am Kopfende meines Bettes eingesperrt sind. 

Der Vergleich diente mir als übertriebene Metapher, doch als ich wieder nach unten zu meiner Vermieterin an die Innentür vor dem Wohnkomplex mit meinem Zimmer gehe, bestätigt mir diese meine… erste, intuitive Interpretation der Geräusche… als ich sie ihr präsentiere… ganz nüchtern und trocken, als: die Realität. 

Dabei scheint sie ein wenig verärgert: Ich bin mir nicht sicher, ob der Geräusche wegen, ihrer Urheber oder meines Hinweises darauf. Auf jeden Fall bemerke ich, dass auch die Vermieterin die Geräusche eher unlieb sind. Und sie macht etwas dagegen: Zunächst legt sie fast behutsam, nachdenklich eine Hand auf die Mauer; dann spricht sie mit irgendjemanden, der Schuld an den verlorenen Kinderseelen in der Mauer sein soll. Ich verstehe nur: “Habt ihr sie nun auch noch gequält?” Und dann schreit sie so rücksichts- und mitleidslos laut auf, dass alles was das für mich beschreiben kann, ihr verzerrtes Gesicht bleibt. Daraufhin fahren die Stimmen erschreckt zusammen. Es wird ein wenig leiser. Sie hören allerdings nicht wirklich auf. Nur wenige Augenblicke später, mir bleibt nicht einmal genug Zeit, einen Gedanken zu fassen, fährt das Geräusch in ähnlicher Intensität fort. 

Also schreit die Frau noch einmal, noch lauter auf. 

Dann ist es leise. Jetzt nimmt sie auch die Hand von der Mauer, dreht mir wortlos den Rücken zu und geht nach oben. 


Marco

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