Als die Vier auf der Ampel rot blinkt, werden zunächst, wie bei einem Schwarm Vögel, ein paar wenige von uns unruhig. Bei Zwei beginnt sich die erste Frau in einem roten Mantel Richtung Straße zu bewegen, fast im selben Moment zwei ein wenig von ihr entfernt stehende unauffällige Männer und als das grüne Männchen zu blinken beginnt, raschelt es kurz ein wenig, hinter mir höre ich ein Gurren und dann sind auch schon vier oder fünf von uns auf der Straße. Wir haben jetzt grün, Vorfahrt. Das Auto bremst und gemeinsam bewegen wir uns auf die andere Straßenseite (через дорогу).

Oversize Anti-Café – was man so denken nennt

Danach frühstücken, duschen, dann ist auch wieder abends, dann Wochenende. Am Wochenende sitze ich in einem Anti-Café, lese ein Buch, schreibe an meinem Essay, trinke den all-you-can-drink Kaffee aus der Kaffeemaschine. Bald kommen viele junge Menschen um die 20, vielleicht noch jünger, zu dem Anti-Ort; eine von ihnen verschwindet in einem schwarzen Killstar-Hoodie in Übergröße mit vielen weißen Gothic Sans Symbolen darauf. Ihre Haare sind in einem Orangerot gefärbt, die Augen auch ohne überlangen Lidstrich dunkel, die Wangenknochen in einem hellen Rot mit Rosastich betont. Insgesamt erinnert sie mich am ehesten an progressive Metal, mit ein wenig Fantasie an Post-Rock oder Alternative Rock und das passt nicht so wirklich zu der übertrieben lässigen HipHop-Manier, in der sie mit einem ihrer Peers spricht. Schon zum Erscheinungsbild und den hängenden Schultern passt, dass sie mehr Zeit mit Toilettengängen zubringt als die anderen Menschen im Raum: auf dem Weg hin lässt sie sich mehr Zeit, sie bleibt länger fort und zögert auf dem Weg zurück, schaut sich um, als ob sie etwas vergessen haben könnte.

Dann ist wieder Montag und ich stehe mit meinem Schwarm Menschen an der Ampel bis uns das grüne Männchen aufscheucht. Ich denke an das Wochenende, ob mir das Mädchen wohl eine gute Ausstellung hätte empfehlen können; ein- oder zweimal ist sie, wie eine hübsche, traurige Fledermaus… eine hübsche, traurige, etwas zu groß geratene, auf zwei Beinen gehende und geschminkte Fledermaus, an meinem Tisch vorbei nach draußen geschlurft. Vermutlich um zu rauchen. Da haben sich unsere Blicke gekreuzt und ich hätte sie leicht fragen können: nach Museen, Kunst, Ausstellungen, … Ausstellungen, in denen Gedichte an einer Wand geschrieben stehen, schreibenden Menschen. Aber ich habe mich dagegen entschieden.

Gewöhnlich würde man wohl sagen, dass ich danach über Stilberatungen nachdenke. Das finde ich in den meisten Fällen wie auch in diesem Fall aber eine fehlleitende Umschreibung. Mehr durchtränkt mich ein bis zwei Minuten das Gefühl, das meiner derzeitigen Einstellung zu Stilberatungen entspricht, und mein Kopf bildet dazu Halb-, Viertel-, allgemein Bruchteilsätze, die vor dem Hintergrund des Gefühls auftauchen. Sie geschehen mehr passiv als dass sie aktiv leisten, aber reagieren schon auch aufeinander, hin und wieder greife ich sogar aktiv ein, denke: eine große Tafel verändert ihre Farbe, es tauchen Formen und Bilder auf und ab und an finden sich ein paar Worte oder Bruchteilsätze in sie hineingeschrieben. Wäre ich in einem anderen Jahrhundert geboren, könnte ich mich leicht davon überzeugen, dass was ich auf ihr finde nicht aus meinem Kopf kommt, sondern von einem Seelenvermögen, das im ganzen Körper und vielleicht auch ein wenig außerhalb seinen Sitz hat. Mit der Zeit nimmt das Gefühl langsam ab und nach dem Frühstücken versickern dann auch noch diese Reste mit ein paar YouTube-Videos im Duschabfluss. Ich bin endgültig bei einem anderen Thema angekommen.

Energie der Dystopie

Dann ist Dienstag, dann Freitag – einmal sitze ich im Vorhof einer alten Fabrikhalle, höre “Sit In The Middle Of Three Galloping Dogs” und Tima Belorusskih: Ich stelle meinen Timer auf 27 Minuten. Zeit, die ich nur für mich habe, bis ich zum eigentlichen Treffpunkt aufbrechen muss. In den 27 Minuten geht es mir gut: In lost-place Atmossphäre bin ich für mich, ruhig, ein wenig traurig und in Ansätzen erleichtert; der Ganzkörperanzug, der mich zwischen Menschen einhüllt, löst sich von meinem Körper und frische Luft strömt herein. 

In der U-Bahn klickt eine Mittfünfzigerin die Instagramstories einiger oberkörperfreier Anfangzwanziger durch: Transformations und inspirierendes Flexen. Wie die anderen Menschen, würde ich mich auch gerne an mein Smartphone drängen. Dann würde ich “Ukulele-Spieler im Salz” von DeepL ins Englische übersetzen lassen, ihn dann lesen. Ich habe allerdings keinen Empfang – also stehe ich allein, ohne Smartphone. Als ich dann kurz trotzdem auf mein Smartphone sehe, wird zunächst sein Bildschirm schwarz, dann auch die Stangen in der U-Bahn, die Werbeflächen, die Sitzbänke und schließlich auch die Menschen um mich herum: als erstes der Mann mit dem braunen Mantel neben mir, dann das Mädchen mit dem weißen, grobmaschig gestrickten Wollpullover auf der bereits vom Schwarz verschluckten Sitzbank rechts, die Mittfünfzigerin links hinter mir, ihr Sitznachbar mit seinem Smartphone…

Am Abend dieses, wie auch aller anderen Wochentage, bin ich zu müde, um noch etwas “Worthwhiles” – so nenne ich das in den Nachrichten an meine Brieffreundin in Litauen – zu machen. Ich liege nur noch da, beim Essen schaue ich philosophische YouTube-Videos. Manchmal ist mir auch das zu anstrengend, dann irgendetwas über Politik oder, wenn ich noch weniger Energie habe, ein paar moderate Verschwörungstheoretiker – das ist als würde man die eigene Lebenswelt in einen beliebigen Dystopie-Roman setzen; die pop-ästhetische Energie eines sich aus dem Schatten des Nebenquests hocharbeitenden, heldenhaften Charakters raunt mir lauwarm ein paar unverständliche, mystische Worte in meine spitzen Ohren… und endlich ergibt alles einen Sinn, kann mithalten mit all den Romanen, die man so gelesen hat.

Die drei Wege außergewöhnlicher Menschen

In Charkiw haben mehr junge Frauen als in München orange- bis rubinrot-gefärbte Haare. Nicht selten mit einem Rosastich. Und mittlerweile hat selbst die traurige progressive Metal-Fledermaus im Killstar-Hoodie so einen Rosastich in ihren Haaren. Mit den wenigsten der Rosastich-Frauen könnte ich mich wohl gut unterhalten. Vielleicht mit einigen noch darüber, dass die vergangene Woche eine derjenigen gewesen ist, an denen man die Früchte der letzten Wochen und Monate erntet; mit bereits wenigen wohl, ob mir die Früchte jetzt irgendetwas bedeuten und mit kaum einer über mein Durchtränkt-Sein von etwas beim Erinnern eines Gespräches… eines Gespräches, in dem ich im selben Atemzug mit den Worten “außergewöhnlich” und “ehrgeizig” betitelt wurde… eines Gesprächs, in dem mir die drei Wege solcher außergewöhnlicher, ehrgeiziger Menschen mitgeteilt wurden.

Außergewöhniche, ehrgeizige Menschen 

  • schließen sich entweder einem Verein an; kanalisieren dort die Sorge um die Welt in einen Trichter, vielleicht den Klimawandel, vielleicht den Hunger in der Welt, vielleicht Frauenrechte, den Kampf gegen diese oder jene soziologischen Strukturen, hängen ihr Wesen daran, lassen es Wichtigkeit in ihrem Leben gewinnen und tragen so zur Verbesserung der Lebensumstände in der Welt bei; 
  • oder sie werden Teil eines jungen, motivierten Unternehmens, bekommen dort schnell Verantwortung aufgetragen, lernen  immerzu Neues, treiben Projekte voran, gehen voll in ihrer Arbeit auf;  
  • oder gründen gar selbst ein solches Start-Up, schaffen bald Arbeitsplätze, wissen, um auf dem Spiel stehende Existenzen und haben so dann auch allen Grund, sich Sorgen zu machen… um die Kollegen, um sich; wenn auch nicht um den Fortbestand der Welt, so doch um den ihres Unternehmens, bald ihres Wohlstandes. 

So ist das. So machen die das wohl…, um eines nicht zu machen: in einem Meer von Möglichkeiten versinken… wie drei Planken liegen die Wege über diesem Meer und führen in den Nebel; hin und wieder zeichnet sich eine Querverstrebung zwischen ihnen ab und dann kann man die Pfade wechseln, jemand anderes werden… einmal losgelaufen ist das gar kein Problem. Und einmal ins Meer gefallen, ist es zwar nicht sicher, dass man wieder rauskommt, weiterläuft, aber unmöglich ist es auch nicht… und, wenn man will, auch gar nicht so schwierig. Nur ein wenig Lebenszeit ist dann eben… verloren… unwiederbringlich einfach weg, verpufft, unnütz abgegeben… an das Treiben im Meer. 

Stilberatung II, vermisster Pullover, die Angst vor einem Tausch

Dann folgt ein Wochentag. An ihm stelle ich, noch bevor ich mit meinem Schwarm vor der Ampel stehe, fest, dass die Killstar-Pullover-Trägerin niemals bei einer Stilberatung war.

Das heißt: Wieder durchsickert mich das Gefühl ‘Stilberatung’, diesmal auch ‘Killstar-Pullover-Trägerin’, ein wenig weiter das innere Flussbett entlang folgt ‘Museen’ und damit ‘einige Dutzend winzige weiße Figürchen, die wie eine Straße Ameisen auf einem in eine Ecke geworfenen ausgewaschenen, marineblauen Pullover liegen und … selbstverständlich … Seelen repräsentieren’.

Das heißt: Ich vermisse jemanden. Normalerweise bedeutet das ja wieder irgendwie sowas wie: Ich erinnere eine Vergangenheit, in der etwas gewesen war, das ich gerne wieder hätte…. und ja… vermutlich ist das ein Teil; mehr ist es aber wohl, dass ich eine bestimmte Zukunft vorzuahnen vermisse… und ob das dann so ein Vergangenheits-dominiertes Gefühl ist, weiß ich gar nicht … ist wohl auch nicht so wichtig. … Ich sehe auf jeden Fall nicht, dass ich in einem Museum stehe, moderne Kunst, vielleicht so einen Pullover mit weißen Figürchen darauf mit jemandem ansehe; es wird mir keine von psychedelischen Rockbands beeinflusste Musik empfohlen; niemand verzweifelt an der Last seiner Klamotte, an irgendwas Alltäglichem; ich höre weder das unsichere, gebrochene, echohafte “Ehm. …” einer Mogwai-Rezensentin noch Porcupine Trees erwartungsvolles, in die Zukunft gerichtetes “Okay what’s next? After the sex”; da treiben keine langen, dunklen Haare neben einem Gesicht im Meer, in Gefühlen – worin auch immer. 

Stattdessen wächst auf meinem Trello-Board die Anzahl an Items, die ich – und sei es nur mir selbst – als erledigt reporten kann; im Sprint Planning Meeting habe ich die nächste Woche mit einem WHY versehen und die technische Ausstattung des Büros, das gerne eine Start-Up-Garage wäre, aber mehr an ein in die Jahre gekommenes Sowjet-Krankenhaus erinnert, ist mitunter auf der Höhe der Zeit; mich ebenso verloren, wie zumindest ab und an verstanden zu fühlen habe ich gegen eine ungute Angst vor Langeweile getauscht; eine ein bisschen hoffnungslose Suche und irgendetwas Unaussprechliches gegen genüssliche Wochen und Sicherheit, dass mir wohl nichts geschehen wird.

Man könnte also sagen, ich wandere gerade tapfer auf dem zweiten der drei Wege, als irgendjemand vor mir in das Rinnsal an seiner Seite, wie vor einen Zugwagon, stürzt und von ihm mit- und fortgerissen wird.


Ein ruhiger Ort – dieser Abschnitt passt hier nicht rein

Dann ist wieder Wochenende. Diesmal bin ich im botanischen Garten. Der erste ruhige Ort, den ich nach knapp drei Wochen in der zweitgrößten Stadt der Ukraine gefunden habe: dort sind viele Birken, die, wie ich finde, zu den stillsten Bäumen gehören. In diesem Park höre ich auch zum ersten Mal draußen die Straße nicht und ich merke, dass ich das vermisst habe. Durch die Bäumen fliegen, wie bunte, chinesische Drachen, lange Lichtstrahlen, die mich gutmütig anlächeln und mir freundlich Mut zusprechen; die Wolken am Waldesrand pusten mir, als hätte ein heiteres Luftelementar eine Geschichte für mich übrig, ein wenig Wind ins Gesicht. Hier gibt es kaum Müll, dafür aber zwei alte Frauen. Steif, wie ein zu schnell in die Höhe geschossenes, langgliedriges Kind, das seine Länge noch nicht wirklich einschätzen kann, tritt eine von den beiden Frauen fröhlich einen Ast vom Weg. Sie und ihre ebenso weiß-graue Freundin tragen jeweils einen leeren Wasserkanistern in den Händen und fragen mich, ob irgendetwas (dessen Namen ich nicht verstehe) in diese Richtung liegt. Stolz, wahrheitsgemäß und mit einem Lächeln auf den Lippen bringe ich mein “weiß ich nicht” vor und wünsche den beiden noch einen schönen Tag. Ein Drache begleitet sie links den Hang hinunter. Ich habe keinen Zweifel, dass sie (mit seiner Hilfe) ihr irgendetwas finden werden.

In Gedanken bei einem Shift

Ampel, Schwarm, dann Wochenende. 


Am Wochenende sehe ich zwei Knie über mir im Himmel schweben. Und zwischen den dazugehörigen verbundenen Oberschenkeln fällt jemand auf einen staubigen Boden. Kurz liegt er da, dann führe ich das Gespräch mit meinem Kollegen fort. Ich habe den Faden verloren, schiebe es auf die fremde Sprache und dann geht es weiter in Richtung eines Parks, den man in der Ukraine eher als Wald bezeichnen würde.

Ich lerne, dass “Белка” Eichhörnchen bedeutet, bringe zum Ausdruck, dass ich Spatzen zu meinen Lieblingsvögeln zähle, nicht, dass Tauben wahnsinnige, zombiehafte Augen haben, mich die Leere darin jedes Mal wieder erschreckt, und dann ist auch schon wieder die nächste Woche da: Jemand, mit dem ich gerne in Museen gegangen bin, ist einmal zu einem Kaffee mit mir in einer roten Bluse, einem hellgrauen Mantel, einer roten Hose und mit roten Fingernägeln gekommen. Sie meinte, dass sie weiß, dass das zu viel Rot ist, ihr das Outfit aber gefiel. Das ist ein Gedanke der nächsten Woche. Während ich ihn habe macht sich in mir das Gefühl breit, dass ich mich am liebsten vor den Einflüssen verstecken möchte, die mich Mom Jeans heute anziehend finden lassen – wie ein Staubsauger, ein riesiger, grausamer, jeansfarbener Seelenräuber-Staubsauger ziepfen und zerren die Einflüsse an mir, mich hin … zu Mom Jeans.

Dann denke ich wieder an den jemand, der zwischen den beiden Knien hindurchgefallen ist: Ich sehe ihn an Metro-Stationen, an Zebra-Streifen und an jenem Tag fiel er zum ersten Mal aus dem blanken Himmel. Natürlich bin das immer ich und natürlich bin es auch ich, den ich jetzt wenige Meter über Hinterkopf, Rücken und grauen, weichen Wollpullover schwebend sehe; stehend auf einer Planke erinnere ich an einen ausgewaschenen Pullover, hingeworfen in eine Zimmerecke. An meinen Füßen vorbei schaue ich runter ins Meer. Wie kleine Ameisen, laufen mir ein paar weiße Figuren am Hals die rechte Schulter hinab, es kribelt ein wenig und ich denke: “man müsst nur leicht stupsen, dann…” … dann läge ich im Meer. Ob ich wohl wieder rausklettern würde? Ich lehne mich ein wenig nach vorne, von hinten zieht und zerrt ein Staubsauger.

Ein paar Wochen später

Ein paar Wochen später löst ‘Stilberatung’ nicht mehr viel in mir aus; die Idee, es ginge beim sich Kleiden darum, eine passende Farbpersönlichkeit zu finden, erinnert mich aber an meine glücklicherweise überkommene Vorstellung, dass die richtige Klamotte, vor allem die persönlichen Vorzüge betont, Makel kaschiert.

Der Killstar-Hoodie bleibt ein wenig drüber. Und ich fühle mich seit geraumer Zeit so, als würde ich in besagtem Meer, zwischen den Planken treiben, nur ein Schnürsenkel hat sich verheddert und so zieht mich ein blondes, sportliches, als außergewöhnlich und ehrgeizig betiteltes Schwungrad, das noch oben an meiner statt auf der Planke rollt, einfach weiter mit sich vorwärts. Aber in Wirklichkeit stehe ich natürlich einfach mit meinem Schwarm vor der Ampel: *gurr*, *gurr* macht es jeden Morgen, weil sich ein paar Tauben auf der kaputten Klimaanlage zwischen meinen beiden Fenstern niedergelassen haben.


Марко