“Die Neuplatoniker nehmen an, daß die Menschen, die auf der Welt weniger vollkommen gewesen seien, nach dem Tode zu mehr oder minder vollkommenen Tieren würden, je nach Verdienst; diejenigen z.B., welche die bürgerlichen Tugenden in geringerem Maße geübt hätten [die Detaillisten], würden zu bürgerlichen Tieren, z.B. zu Bienen.” (S. 349)

Sören Kierkegaard

Beim Lesen dieser Zeilen kam ich nicht umhin, mich auf einmal in einer Parallelwelt wiederzufinden; einer grausamen Parallelwelt, die der unseren bis auf eine womöglich als gerecht vertretbare Kleinigkeit gleicht: dass besagte Neuplatoniker nicht nur recht haben, sondern, dass gar all die Tierchen auf unserer Erde einst Menschen waren, die ganz “nach Verdienst” in diese oder jene Verhältnisse gesteckt wurden.

Ich weiß, es ist eine alte Vorstellung; ich weiß, es ist eine überkommene Vorstellung; ich weiß, niemand nützt es, wenn jemand leidet; weiß auch, dass die Gedanken, die darauf folgten, befangen waren, aber ich kam nicht umhin, an die Schweine, Rinder und Hühner auf den “Farmen” und Schlachthöfen zu denken, die zwischen den Leichen ihrer Artgenossen aufwachsen, in ihren eigenen Fäkalien leben und am Ende zusehen, wie ihre quietschenden Leidensgenossen erschossen oder aufgeschlitzt werden – während sie darauf warten, dass sie an der Reihe sind.

Ich fragte mich, was ist, wenn ich … in diesem Moment … so unvollkommen, d.h. so wenig meinem Wesen entsprechend, so fehlerhaft, so über meine Verhältnisse hinaus lebe, dass ich solch eine Leidensübung wie diese armen Wesen aufgetragen bekommen werde? In einer Welt, in der es alltäglich ist, dass das geschieht, in der es normal, der gesellschaftliche Default, ja sogar gewinnbringend ist: Was wäre, wenn es da gar nicht viel dazu bräuchte, so fehlgeleitet zu leben?

Foto von Jo-Anne McArthur auf Unsplash

Naja … Ende. Das war der Gedanke, der mich beschäftigt (hatte); die Parallelwelt, in der ich mich wiedergefunden hatte.

Es bleibt mir nur zu hoffen … oder besser: mein Möglichstes zu tun, dass ich nicht so fehlgeleitet lebe.

Trotzdem sitze ich aktuell manchmal da und dann überkommt mich die Vorstellung, wie es ist, in so ein Leben hineingeboren zu werden: die Unausweichlichkeit mit der dein Leben zwischen einigen Stahlstangen diesen vorgefertigten, grausamen Verlauf nimmt; wo es vermutlich noch ein Glücksfall ist, wenn du früh unter dem Gewicht deiner Mutter erdrückt wirst … als sie sich umdreht – die einzige Bewegung, die sie machen kann. Dann hat es wenigstens ein schnelles Ende genommen.


Entschuldigt den Beitrag … wie gesagt, es beschäftigt mich nur gerade … vermutlich weniger als es sollte, vermutlich hätte es das schon viel früher sollen … … wie einfach es ist, sich nicht damit auseinanderzusetzen. …

Hier ist ein Film dazu. Er ist schrecklich. Ich habe ihn noch nicht ganz gesehen.

Marco

Quelle

  • Sören Kierkegaard. (1843). Enten – Eller. Et Livs-Fragment, udgivet af Victor Eremita. [Übersetzung: Heinrich Fauteck; Herausgeber: Hermann Diem, Walter Rest. (2005; 12. Auflage 2014). Entweder – Oder. Ein Lebensfragment, herausgegeben von Victor Eremita. Deutscher Taschenbuch Verlag: München.]