Ich meine nicht, dass was jetzt folgt besonders klug oder gar originell ist. Ich schreibe es einfach auf, weil es mich beschäftigt. Wenn ich Sorgen habe, sie aufschreibe, dann denke ich meistens: Darauf haben doch schon Tausende aufmerksam gemacht, muss ich die Sau wirklich auch noch durchs Dorf jagen? So geht es mir auch heute. Es gibt doch kaum was Abgedroscheneres, als sich immerzu über die Welt und die Menschen auf ihr zu beklagen, nicht? Ich sollte doch mal etwas Frischeres, Optimistischeres zu sagen haben. Ja, sollte ich. Ich werde es versuchen. Zunächst beschäftigt mich aber etwas anderes. 

Alles begann damit, dass ich neulich hörte, dass die 83 reichsten Menschen der Welt in etwa so viel zur Verschmutzung der Welt beitragen, wie 3,5 Milliarden auf der gegenüberliegenden Seite der Verteilung. Diese Bemerkung hat mich ein wenig recherchieren lassen. Leider konnte ich sie auf die Schnelle nicht überprüfen, was aber die unfassbaren Verhältnisse angeht, erscheint sie mir durchaus realistisch: Immerhin verursachte Jeff Bezos auf seinem 11-Minuten Flug in das All etwa 75 Tonnen CO2 pro Passagier — das ist eine Menge an CO2, die eine Person der ärmsten Milliarde in ihrem ganzen Leben nicht verbraucht. 

Das ist natürlich alles nicht neu. Dennoch ist es ganz interessant, sich die Zahlen mal wieder vor Augen zu führen: Ein Mensch verursacht durchschnittlich etwa 4,7 Tonnen CO2 pro Jahr, eine Person aus Deutschland etwa 10,78 Tonnen, aus dem reichsten Prozent der Weltbevölkerung schon etwa 110 Tonnen und aus den reichsten 0,01% etwa 2.530 Tonnen. Dass die reichsten 100 Menschen der Welt, die 0,00000001%, da so viel Verschmutzung verursachen, wie etwa die Hälfte der Weltbevölkerung auf der anderen Seite der Verteilung, liegt nahe, macht es für mich aber nicht besser. 

Aber so eine Pareto-Verteilung ist (in diesem Fall) kein Naturgesetz. Es muss nicht so sein, aber es geschieht … und denkt man eine zweite Sekunde darüber nach, ist es schon schlimm genug. Aber das ist gar nicht, was mich so belastet; für das, was mich belastet, braucht es gar nicht so viele Zahlen. Es folgt jetzt. 

Ab und an schaue ich noch auf medium.com vorbei: wohl vor allem eine Plattform für „Persönlichkeitsentwicklung“ und andere Produktivitätshacks. Immer wieder stolpere ich dort über tausendfach gelesene Artikel à la „Top 10 Elon Musk Productivity Secrets for Insane Success“, „How to think like Jeff Bezos“ oder „Warren Buffett: „Really Successful People Say No To Almost Everything““ und das war es, womit ich nicht klarkam, was ich nicht einfach so schlucken konnte: wie selbstverständlich impliziert wird, dass diese „oberen“ 100 erfolgreich sind, dass sie Vorbilder in ihrer Weise zu denken, zu arbeiten oder auch nur für den Umgang mit Geld sein sollen — dass man zu diesen Leuten aufsieht. Ich weiß, so etwas sollte mich nicht belasten. Ich weiß, vermutlich reagiere ich über, aber der Gedanke … mit ihm komme ich einfach nicht klar. Wollen die Leute wirklich so „erfolgreich“ wie Elon Musk sein? Ist das wirklich unser Bild von Erfolg? 

Sowas … macht mich in meinen besseren Momenten wütend, öfter bin ich traurig. Dann ergibt plötzlich einiges Sinn, ich komme in den Strudel. 

Einige meiner Bekannten arbeiten jetzt als Berater:innen, Ingenieur:innen, managen dieses oder jenes. Und wie sie jetzt leben, wirkt als würden sie endlich all die Entbehrungen hinter sich lassen, die sie während ihres Studienlebens entrichten mussten. Endlich können sie richtig leben, endlich öfter in den Urlaub fahren, Uhren sammeln, so oft Essen gehen wie sie wollen, teurer ausgehen und in einer größeren Wohnung leben — als wäre das wirklich immer gewesen, wonach sie gestrebt hatten. Als wäre das, worum es im Leben geht. … Und ich soll mal eine positivere Sicht auf die Dinge entwickeln? 

Wenn ich dann unter ihnen rumfrage, dann höre ich: „Ich, mit meinen paar Euro, bin ja nicht das Problem — im Vergleich zu denen da oben.“ … nochmal … in Deutschland, stoßen wir durchschnittliche 10,78 Tonnen aus. 2015 hatten wir uns mal in der UN-Klimakonferenz in Paris auf das 1,5 Grad Ziel geeinigt. Weißt du, was es dafür durchschnittlich braucht: Je nachdem, wen man fragt 2,2 Tonnen oder sogar unter einer Tonne pro Person pro Jahr. … Wie kann man das ‚Ich bin ja nicht das Problem.‘ nennen? Doch, doch … genau du bist das Problem, wir sind es. Aber ist natürlich einfacher, „die da oben“ verantwortlich zu machen; es auf „die da oben zu schieben“, bis man hoffentlich eines Tages selbst so weit oben ist, dass man nichts mehr zu befürchten hat, bis genug Geld und Macht da ist, um sich immer ein sicheres, unbehelligtes — „unbehelligt“ von den Barbaren, die es nicht so weit gebracht haben — Fleckchen leisten zu können. So lange heißt es: „Ich gönne mir ja nur, was es unbedingt braucht.“ und das wird mantraartig wiederholt, bis es Realität für einen ist.

Ein Freund will, dass ich jetzt täglich die MacTechNews lese. Arbeite ja in der Branche. Aber jedes Mal, wenn ich die Seite öffne, sehe ich nur neue Hüllen für das iPhone, den neuen M2-Prozessor, Konzeptbilder vom iPhone14 Pro Max, für das es wieder neue Hüllen braucht, usw. … und denke „Wozu?“, fühle mich fremd, weiter, dass die Welt dem Untergang geweiht ist und schließe die Seite wieder.   

Und dass ich das alles nicht nur nicht brauche sondern nicht will, absurd finde, hat, glaube ich, auch gar nicht unbedingt viel mit meinem CO2-Fußabdruck zu tun: Ich will einfach wirklich gar keine Pro Maxes, keine riesigen Handys mit drei Linsen, habe mir meinen MacBook nur gekauft, um möglichst lange Ruhe davor zu haben, mir einen neuen Laptop kaufen zu müssen … und weil Apple sich ein paar Mal mit Facebook angelegt hat. Zum Essen reichen mir meine Haferflocken mit Quark … wirklich … und meine 20qm-Wohnung ebenso. Irgendwelche BWLer Spieltheorie-Kanal-Abonnent:innen legen mir aus ihrer privilegierten Lebensrealität, die ich mir mit ihnen teile, heraus dann noch nahe: „Nimm einen Kredit auf, dann zahlst du mit den Jahren dein Eigenheim ab, an Stelle von Miete.“ Und ich denke mir: „Genial, Brudi. Dann bin ich aber auch die nächsten Jahre an einen Ort gebunden und mir lastet ein Kredit von ein paar hunderttausend Euro auf den Schultern.“ — Warum stört das niemanden? — You know what? In einer Stunde ist meine Wohnung beinahe gründlich geputzt; mein altes, vor etwa fünf Jahren gebraucht gekauftes Fahrrad kann ich einfach mit dem ebenso klapprigen Bügelschloss kurz verschließen und dann überall stehen lassen kann. Ist das nicht was wert? Sich um etwas keine Sorgen machen zu müssen, den Kopf frei zu haben, nicht die ganze Zeit den Druck einiger tausend Euro monatlicher Ausgaben auf sich zu spüren? … Wenn ich meinen Rucksack packe, alles drin für den Tag, dann schließe ich die Tür zu meiner Wohnung manchmal mit folgendem Gedanken nicht ab: „Was will man mir schon stehlen? Nehmt die T-Shirts, den Schreibtisch und das Bett.“ Ist das nicht befreiend? Ist das denn so weird? — Vor allem habe ich so aber Zeit. Freie Zeit, die ich nicht darauf verwenden muss, Geld zu verdienen oder mit irgendwelchen Leuten Kaffee zu trinken, mit denen ich überhaupt gar nichts anfangen kann.

An allen Ecken und Enden geht es immerzu darum, dass ich mich irgendwie darum kümmern sollte, dass ich mehr bekomme, um in Zukunft mehr zu haben — aber warum? Die letzten fünf bis zehn Jahre hat sich das nicht nennenswert verändert; was ich meine zu brauchen und zu wollen, ist eher weniger geworden und darauf bin ich stolz, wie auf kaum was sonst, warum sollte es in Zukunft also anders sein? 

Also. Ich finde mich in einer Welt, in der jede:r mehr zu brauchen meint, als es sich die Welt leisten kann, damit nicht ein Großteil der Wälder abfackelt, Flüsse austrocknen und mehr und mehr Arten aussterben … und in der man glaubt, dass das gut so ist, denn: Was ist denn sonst mit der Wirtschaft? Das braucht es doch für den „Fortschritt“ oder noch ein wenig zynischer: für die Kinder. 

Und jetzt könnte ich auf die Gesellschaft schimpfen, dass sie Schuld ist, dass sie die Leute so viel wollen macht, aber … der Gesellschaft die Schuld in die Schuhe zu schieben, ist noch abgedroschener, als sich über die Welt zu beklagen und läuft es dann wohl darauf hinaus: Wir sind Schuld. … Wenn es jemals eine Zeit gab, in der es wahr war, dass die Missetaten der Väter an den Kindern und Kindeskindern heimgesucht werden, dann ist es unsere. Und auch wenn es beschissen ist, dass wir in so einen Default hineingeboren werden: Wir sind Schuld. 

Beziehungsweise eigentlich: Ich. Ich bin Schuld, wenn ich mehr brauche als es eigentlich braucht; ein Mehr, das zudem eigentlich auch noch mehr Last als irgendetwas sonst ist. 

Ok. Das war’s. Das war, was mich beschäftigt. Beinahe täglich. Und ich verstehe es: Man hat schon einen Punkt, wenn man sich über meinen Pessimismus beschwert; derweil finde ich gar nicht, dass ich so einen negativen, überkritischen Blick auf die Welt habe. Immer wieder finde ich doch so viel Schönes in ihr. Wie mir eine Freundin letztens schrieb: 

I am also so joyful of how beautiful life and the world can be. So complex and yet simple. I would like you to read more into these words than just what naturally comes to mind. So complex in that there are so many colors, there is such a complex range of living creatures and life in general, what is that? And there is also morale, and so many other things which blend well together and form what the world is, but every one of them puts such a massive layer of complexity and yet complies to similar principles making everything elegant and simple.“ 

… Was soll ich sagen: I agree. Wirklich. Die Welt ist wunderschön. Ich spüre es, wenn ich Zeit habe, wirklich in ihr zu sein, wenn eine Fliege auf meinem Finger landet, Regen durch die Blätter vor meinem Fenster fließt, wenn ich solche Nachrichten von Menschen, die mir teuer sind, bekomme, wenn ich Gespräche führe, bei denen ich mich lebendig fühle, wenn ich abends mit dieser Freundin an der Memel sitze und die Zeit vergesse. Manchmal berichtet sie mir dann von ihren Sorgen und auch dafür bin ich dankbar: Nicht nur dafür, dass sie sie mit mir teilt; auch fühle ich mich dann nicht mehr ganz so allein, nicht ganz so verlassen.

Die Welt ist wunderschön. Sie kann wunderschön sein … um das zu erkennen und zu fühlen, braucht es gar nicht viel — wirklich gar nicht viel, es bräuchte einfach mal weniger. Einfach mal weniger. 

– Perdor M. Autarkeia